St. Pöltens Vergangenheit: Bilanz der Archäologischen Ausgrabungen 2017 und erste DNA-Analysen

Im Vordergrund das große Massengrab.
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  • Im Vordergrund das große Massengrab.
  • Foto: Stadtmuseum St. Pölten
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ST. PÖLTEN (red). Mit 16 archäologischen Maßnahmen ist 2017 das bisher intensivste Grabungsjahr seit der Institutionalisierung eines Stadtarchäologen am Magistrat. Ein Zeichen des weiterhin anhaltenden Baubooms in dieser Stadt. Das Spektrum reicht wie immer von Künettenbeobachtungen bis hin zu richtigen archäologischen Grabungen im Vorfeld verschiedener Bauvorhaben. Alle Maßnahmen standen unter der Leitung von Ronald Risy und wurden entweder von einer Grabungsfirma oder dem Team der Stadtarchäologie durchgeführt. „Es wurden zahlreiche spannende Entdeckungen gemacht, die Stadtgeschichte um einige interessante Details ergänzt und es konnten umfangreiche anthropologische Erkenntnisse gewonnen werden. Insgesamt ist die Grabungssaison 2017 sehr erfolgreich verlaufen“, zieht Bürgermeister Matthias Stadler eine positive Bilanz.

Archäologie-Ausstellung im kommenden Jahr

Im Budget für das Jahr 2018 ist eine archäologische Sonderausstellung im Stadtmuseum zum Thema „Leben mit dem Tod“ eingeplant, mit dessen Konzeptionierung bereits begonnen wurde.. Die Schau beschränkt sich nicht auf das Mittelalter, sondern umfasst alle Epochen der Menschheitsgeschichte von der Seßhaftwerdung bis in das 20. Jahrhundert, wobei die aktuellen Funde der letzten Jahre im Mittelpunkt stehen.
„Das Gebiet um St. Pölten war schon sehr früh besiedelt und wir haben Funde aus allen Epochen der Menschheitsgeschichte. Das ist auf jeden Fall national als auch international beachtenswert. Deshalb soll auch präsentiert werden, was alles ausgegraben wurde und gesagt werden, wie die Funde zu interpretieren sind. Wir wissen, dass das Interesse der Bevölkerung an der Geschichte der Landeshauptstadt sehr groß ist“, sagt das St. Pöltner Stadtoberhaupt.

Planung für Domplatz-Neugestaltung läuft

So wie die Ausgrabungen am Domplatz die gesetzlich vorgeschriebene Voraussetzung für die Neugestaltung sind, sind sie an den anderen Grabungsorten in St. Pölten die Grundlage für eine zügige Umsetzung der vielen Bauvorhaben.
Die Ausgrabungen am Domplatz werden aufgrund der hohen Befunddichte schätzungsweise noch eineinhalb Jahre dauern. Außerdem laufen parallel dazu die Planungen für den neuen Domplatz mit dem international renommierten Architektenteam Jabornegg & Pálffy aus Wien auf Hochtouren. „Jedenfalls ergeben sich durch die Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt 2024 gemeinsam mit dem Land Niederösterreich für die Platzgestaltung völlig neue Aspekte, die nun in die Planungen einfließen sollen. Es soll jedenfalls ein Platz werden, der einer Europäischen Kulturhauptstadt würdig ist“, erklärt Stadler. Ziel ist es, das Projekt unabhängig vom Erfolg der Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt umzusetzen. „Die Archäologie in St. Pölten ist mittlerweile ein internationales Alleinstellungsmerkmal, von dem die Stadt in der Zukunft profitieren wird“, ist Stadler überzeugt.

Die wichtigsten archäologischen Grabungen im Jahr 2017 waren:

Wohlmeyergründe
Nördlich des Bahnhofs wurden auf ca. 8.700 m² mehrere hundert verschieden große Gruben und Gräbchen entlang eines Altarms von der Firma ARDIG festgestellt, die aufgrund des geborgenen Fundmaterials der Bronzezeit, der Römerzeit, aber auch dem Mittelalter und der Neuzeit zuzuordnen sind. Unter den Fundstücken ist eine sehr gut erhaltene römische Flügelfibel hervorzuheben.

Kremser Gasse
Im heurigen Jahr begannen auch die Sanierungsarbeiten der Fußgängerzone mit der Erneuerung der diversen Einbauten. Diese Arbeiten wurden ebenfalls durch das Team der Stadtarchäologie begleitet. Trotz der vielen im Boden befindlichen Leitungen konnten noch sehr gut erhaltene Reste der mit einem Ziegelgewölbe eingedeckten ersten Kanalisation dokumentiert werden. Fundamente der spätmittelalterlichen Häuser oder ein neuzeitlicher Brunnen kamen neben römischen Befunden ebenfalls zum Vorschein. Überraschend war die Freilegung einer noch bis 80 cm im Aufgehenden erhaltenen römischen Mauer.

Karmeliterhof

Im Vorfeld des am Karmeliterhof und am Wallnerareal geplanten Bauvorhabens begannen im September die archäologischen Untersuchungen mit dem maschinellen Abtrag. Als derzeit wichtigstes Ergebnis kann die Entdeckung eines spätmittelalterlichen/frühneuzeitlichen Töpfereibetriebs genannt werden. Ein ebenfalls in diese Zeit zu datierender mittelalterlicher Keller war mit tausenden von Keramikscherben verfüllt, darunter u.a. ganz erhaltene Kacheln. Freigelegt wurde bisher auch die im Garten des Karmeliterinnenklosters errichtete Brunnenanlage aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts. Neben römischen Befunden sind mit Sicherheit noch weitere spannende Ergebnisse in den nächsten Monaten zu erwarten.

Rathausgasse 1
Im Zuge der Umbauarbeiten und Renovierung des Gebäudes Rathausgasse 1 konnten zahlreiche Mauerreste freigelegt werden, die einerseits der Römerzeit, andererseits der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Vorgängerbebauung des 1864 errichteten Hauses zugeordnet werden können, sowie zwei Brunnenanlagen. Unter dem Fundmaterial sticht ein Bodenziegel mit Relief (möglicherweise Greifendarstellung) hervor, der aufgrund des Ziegelformats derzeit ein Unikat zu sein scheint.

Wiener Strasse 12
Im Zuge der Verlegung einer Trafostation in den Innenhof der Liegenschaft kamen sehr gut erhaltene Reste des ehemaligen um 1700 errichteten Herrenhauses zum Vorschein, das dem Herrenplatz seinen Namen gab.

Viehofner Au – WWE-Gründe
Im Vorfeld der geplanten Verbauung der sogenannten WWE-Gründe in der Viehofener Au wurde eines der letzten in St. Pölten erhaltenen Zwangsarbeiterlagers der NS-Zeit freigelegt und nach heutigem Maßstab dokumentiert. Die archäologischen Arbeiten erfolgten im Auftrag des Bundesdenkmalamtes, wurden durch den Grundeigentümer, der WWE Wohn- und Wirtschaftspark Entwicklungsgesellschaft m.b.H, beauftragt und von der Firma ARDIG aus St. Pölten unter durchgeführt.
Freigelegt werden konnten die Betonpfeiler der ehemaligen Stacheldrahtumzäunung, die Reste der ehemaligen sechs Baracken, Teile der Infrastruktur und überraschend zwei Splitterschutzgräben. Zahlreiche Bau- und Konstruktionselemente der Gebäude geben gemeinsam mit anderen in diesem Bereich gefundenen Gegenständen des täglichen Gebrauchs wie Koch- und Essgeschirr von den Wohn- und Lebensbedingungen der Lagerbewohner Zeugnis. Interniert waren Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion, vornehmlich aus der Ukraine, aber auch anderer Herkunft, die in der Glanzstoff-Fabrik Zwangsarbeit verrichten mussten.

Linzer Straße -Künetten
Im Zuge der Sanierung der Fahrbahn der Linzerstrasse wurden auch die Wasserleitung und die Fernwärme im Abschnitt zwischen Dr. Kirchl-Gasse und Stockingerbrücke erneuert. Die Aushubarbeiten wurden archäologisch vom Team der Stadtarchäologie begleitet. Dabei kamen in der einen Meter breiten und zwischen 1,8 und 2 Meter tiefen Künette insgesamt 10 Gräber, wovon 5 geborgen wurden, eine Gruftanlage, sowie Teile der nördlichen und südlichen Umfassungsmauer zum Vorschein. Von den Holzsärgen waren noch die Griffe und Beschläge aus Metall erhalten geblieben. Einer der dokumentierten Särge war aus Zinn mit Füßen in Gestalt von Löwentatzen. Der Barbarafriedhof geht auf ein mittelalterliches Seuchenspital mit eigenem Bestattungsareal zurück. Nach Auflassen des großen Friedhofes am Domplatz 1779 war hier der städtische Hauptfriedhof bis Ende des 19. Jahrhunderts situiert, bevor er zum heutigen Standort an der Goldegger Straße verlegt wurde.

Diözese-Infopoint
Wie bereits im Vorjahr berichtet, ist der Anlass für dieses Projekt der geplante neue attraktive Eingang in das Diözesanmuseum und in die Diözese, der auch die angrenzenden Keller erschließen wird. Um sich für die Planungen alle Möglichkeiten offen zu halten, wurde jetzt auch noch der letzte noch nicht untersuchte Abschnitt in Angriff genommen. Die Arbeiten werden vom Team der Stadtarchäologie zumeist auf Freiwilligenbasis am Wochenende durchgeführt und heuer noch abgeschlossen.
Neben zahlreichen Gräbern, die dem ehemaligen Stadtfriedhof zuzuordnen sind, sind vor allem die zahlreichen Bauphasen der ehemaligen Außenmauer des mittelalterlichen Klosters für dessen Baugeschichte von großer Bedeutung. Als Fundstück hervorzuheben ist eine wunderschöne Fibel in Gestalt eines Hirsches.

Domplatz 2017:

Zahlen und Fakten zur Grabungskampagne 2017 am Domplatz
2017 wurde eine Fläche von 356 m² geöffnet, die doch bedeutend kleiner ist als in den vergangen Jahren, wo im letzten Jahr z.B. 658 m² oder 2015 sogar 820 m² untersucht werden konnten. Diese auf den ersten Blick vielleicht unerklärliche Diskrepanz lässt sich aber anhand folgender Zahlen sehr plausibel erklären:
Im heurigen Jahr wurden 3.971 Individuen freigelegt und dokumentiert, eine absolute Rekordzahl. Die bisherige Höchstzahl lag bei 3.164 Individuen im Jahr 2015, verteilt allerdings auf 820 m². Zu dem liegt auch der Prozentsatz an Kindern bedeutend höher als in den bisherigen Grabungsjahren. Der Grund dafür ist, dass die heurige Grabungsfläche im Zentralbereich des Friedhofs zwischen den beiden Kirchen liegt, der offenbar dichter als die Randbereiche belegt wurde. Auch ein weiteres Sammelgrab konnte entdeckt werden, wo 195 Individuen geborgen wurden, ebenfalls zu einem hohen Anteil Kinder. Die Gesamtzahl der geborgenen Individuen liegt somit bei 16.608.

1.048 Kleinfunde

Auch die erhaltenen Überreste eines großen römischen Gebäudes zeigten sich noch in der Grabungsfläche, das aus mehreren beheizten Räumen, erreichbar über einen Gang, wahrscheinlich einen gepflasterten Hof und weiteren Räumlichkeiten besteht. Ob es sich um Häuser reicher Bürger handelt oder an eine öffentliche Nutzung dieser Gebäude zu denken ist, kann zu diesem Zeitpunkt nicht eindeutig beantwortet werden.
Trotz der geringen Grundfläche ist die Anzahl der gemäß den Vorgaben des Bundesdenkmalamtes zu dokumentierenden Einzelbefunden mit über 4.000 höher als z.B. im Jahr 2016. Darüber hinaus kamen 1.048 Kleinfunde sowie bisher 245 Münzen zum Vorschein. Mehr als 20.000 Fotos wurden aufgenommen.
Die Arbeiten sind im Wesentlichen abgeschlossen, ab 4. Dezember wird die Grabungsfläche geschlossen.

Hoher Anteil von Kindern und Jugendlichen

„Im heurigen Jahr wurden fast 4.000 Einzelindividuen am Domplatz freigelegt und anthropologische Basisdaten erhoben. Bei diesen Untersuchungen ergab sich im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren ein außergewöhnlich hoher Anteil von Kindern und Jugendlichen, ca. 52 Prozent in 2017 im Vergleich zu 35-40 Prozent in „normalen“ Jahren“, berichtet der Anthropologe Fabian Kanz von der Medizinischen Universität Wien

Andere Bestattungspraxis als heutzutage

2017 wurden in einer internationalen Kooperation mit Experten der EURAC in Bozen erste molekularbiologische NGS-Analysen durchgeführt. Diese tiefgreifenden DNA-Analysen zeigten einen exzellenten Erhaltungszustand der DNA in den St. Pöltner Skeletten und erste Überraschungen. Es konnte etwa festgestellt werden, dass bei einer, in einem Sammelgrab bestatteten, vermeintlich 18 köpfigen Großfamilie keinerlei verwandtschaftliche Beziehungen existierten. Ein Indiz für eine völlig andere Bestattungspraxis wie in unserer heutigen Zeit.
Die nun verbriefte gute Qualität der DNA sowie der einmalige Umfang der Sammlung und die lange Belegungszeit von nahezu 1.000 Jahren ermöglichen über die zukünftige Forschung im Bereich der modernen Medizin und Lebenswissenschaften neue Einblicke in Mensch-Umwelt-Beziehungen. Über dieses Bioarchiv lassen sich einerseits sehr langfristigen Prozesse, wie klimatische Veränderungen, aber auch periodisch wiederkehrende Epidemien und die entsprechenden Anpassungen der lokalen Bevölkerung der Stadt erforschen und unter Umständen Problemlösungen für die Zukunft ableiten.

So geht es weiter

Sobald es im Frühjahr 2018 die Witterung erlaubt, werden die Archäologischen Grabungen wieder aufgenommen.
Einige Bauprojekte, wo vorab eine archäologische Untersuchung notwendig sein wird, sind schon in Planung. Die Grabung am Karmeliterhof wird aufgrund der Größe der Fläche sicher noch weit in das nächste Jahr hinein weiterlaufen.
Wie groß und welcher Teil des noch nicht untersuchten Bereichs zwischen Dom- und Diözesangebäude und der heurigen Grabungsfläche am Domplatz nächstes Jahr geöffnet wird, ist noch nicht entschieden.

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