Ringelblume. Märchen und Geschichten für Kinder, Kindsköpfe und Kind gebliebene - Teil 98
- hochgeladen von Anita Buchriegler
Mein heutiges Juli-Märchen handelt von der Ringelblume. Farbenprächtig taucht sie ein jedes Blumenbeet in ein freundliches Orange. Wenn ihr ein Plätzchen gefällt, wuchert sie dort regelrecht. Als Heilpflanze ist sie ein Traum. In einer Salbe - die von meinen Kindern liebevoll "Heile Seele" genannt wird - wirkt sie wunderbar heilend bei allen Arten von Kratzern und Schrammen. In Kräutersalz, Kräuterbutter, Oximel, Salat, Weckerl oder Grillwürze bringt sie nicht nur Farbe auf den Speiseplan. Für mich wirkt sie auch auf die Seele aufmunternd und wunderbar tröstend. Ja, ich gebe ein paar Blättchen davon sogar in den Saft, den ich selber ansetze. Während ich vor ein paar Tagen einen heilenden Eos aus Ringelblumen und ein paar weiteren Kräutlein gemacht habe, ist mir die folgende Geschichte eingefallen, in der ich auch einige alte Erinnerungen an meine Zeit als Erzieherin verpackt habe...
Ringel bekommt seine Blume
Ringel wohnt in einer Sozialpädagogischen Wohngruppe. Über seine Eltern weiß er nicht viel - will er eigentlich auch gar nichts wissen. Seine besten Freunde sind die Feen und Naturwesen - eigentlich will er auch eine Fee oder wenigstens ein Kobold sein. Mit ihnen fühlt er sich viel mehr verbunden als mit den Menschen. Er kann sie sehen, mit ihnen sprechen. Sie sind seine Freunde, denn sie nehmen ihn so wie er ist. Keiner hänselt ihn, weil er am liebsten orange Sachen trägt. Keiner rümpft die Nase wenn er erzählt, dass er in einer Wohngruppe wohnt und nicht viel über seine Eltern weiß und keiner stellt ihm dumme Fragen oder schimpft ihn, weil er schon wieder unkonzentriert und nicht bei der Sache ist.
Nur eines stört ihn mächtig am Feenreich und seinen Bewohnern. Jede Fee hat ihren Zuständigkeitsbereich, ihr Tier oder ihre Blume. Ringel möchte auch eine eigene Blume haben. Am besten eine knall-orange, aber keiner will ihm eine geben. "Wir haben dich lieb Ringel, sagt die Feenkönigin mit sanftem gütigen Blick, "Und zwar genau so wie du bist: ein hoch sensibles Menschenkind, das viel mehr sehen und spüren kann, als die meisten seiner Artgenossen. Aber eine eigene Blume dürfen nur echte Feen haben. Bitte versteh doch, Ringel"...
Ringel schüttelt heftig den Kopf und prallt unsanft auf dem Boden der Realität auf. Er fühlt sich niedergeschlagen, ausgestoßen und furchtbar allein. Müde lässt er sich im aufgelassenen Kräutergarten der alten Kartause nieder, die direkt an den Garten der Wohngruppe grenzt - mitten in den orangen Ringelblumen liegt er, dort wo sie wild wuchern und von Jahr zu Jahr mehr Land gewinnen.
Lange liegt der Ringel dort in seiner orangen Wolke, und je länger er daliegt, desto besser fühlt er sich. Plötzlich ist ihm, als wäre er inmitten von lachenden Kindern in orangen T-Shirts, die ihn an den Händen nehmen und in ihr Spiel hineinziehen. "Komm Ringel!" lachen die Kinder. "Komm und spiel mit uns!" Und plötzlich fühlt er sich unheimlich getröstet, sein Herz scheint fast zu bersten vor lauter Glück. "Du hast dich in die Aura der Ringelblumen begeben!" flüstert ihm die Feenkönigin zu, während sie Ringel sanft in den Ellbogen kneift. "Ich glaube, sie mag dich!" Da merkt er, dass die Sonne schon beinahe untergegangen ist. Schnell eilt er zurück zur Gruppe. Bevor es noch Ärger gibt.
Als Ringel am nächsten Morgen an der offenen Bürotür des Pädagogischen Leiters vorbei schleicht, muss er plötzlich stehenbleiben. Irgend etwas hat seine Aufmerksamkeit erregt, wenn auch nicht bewusst.
"Herr Hinz, ich möchte Sie informieren, dass an der Grenze zur Kartause, dort wo der verwilderte Kräutergarten ist, eine hohe Mauer errichtet werden soll. Die Stadt plant, die Kartause zu verkaufen. Ein einflussreicher Investor will ein modernes Seminarhotel errichten. Vielleicht wäre es gut, die Gruppenurlaube in die Zeit zu verlegen, in der der Bau der Mauer beginnen soll."
Ringel muss sich setzten. Seine Knie sind weich wie Butter und geben einfach nach. Soll das heißen, die wollen seinen geheimen Garten einfach zubetonieren und ihn mit einer dicken Mauer wegsperren? Weg von den Naturwesen, weg von seinen Freunden, weg von seinen geliebten Ringelblumen? Nein, das will sich der Ringel nicht bieten lassen. Er meldet sich ab und läuft schnell zur Kartause hinüber. Zuerst muss er jetzt einmal nachdenken. Vorsichtig nähert er sich dem alten Gebäude. Es steht inmitten eines alten Parks, ist von hohen uralten Bäumen umgeben. Eine dicke Dornenhecke hat die alten Mauern fast zugedeckt, verleiht dem verlassenen Kloster etwas Dornröschenschloss-Artiges. Etwas unheimlich ist ihm schon zumute. So nah hat er sich noch nie an die alten Gemäuer herangewagt. Vorsichtig versucht er, das schwere Holztor zu öffnen. Mit einem rostigen Knarren springt es auf, so als würde es Ringel hereinbitten.
Im Inneren der Kartause ist es heller, als Ringel vermutet hätte. Durch die Löcher im morschen Dach dringen fahle Lichtstreifen, die dem Ort etwas Unwirkliches, Verwunschenes geben. Vorsichtig tastet sich Ringel den Kreuzgang entlang. In einer Seitennische entdeckt er eine weitere Tür. Wie in Trance stößt er sie auf. Vor ihm befindet sich ein eindrucksvoller Steinaltar. Von einem bunten Glasfenster strömt etwas Licht in den Raum. Plötzlich bleibt Ringels Blick an einem Bild hängen: "Nein so etwas! Das ist tatsächlich ein Einhorn! Was macht denn ein Fabelwesen in einem katholischen Kloster?" Vorsichtig streicht er mit der Hand über das Bild. Sogar die Struktur des Horns kann er fühlen." "Knacks!" Anstatt des Einhorns klafft plötzlich ein schwarzes Loch in der Wand. Vorsichtig greift der Junge hinein. Drinnen ist lediglich eine pergamentartige Schriftrolle. "Zu blöd! Warum mussten die früher alles in Latein schreiben! Ich werd's dem Peter zeigen!" beschließt er. Peter ist Ringels Lieblingserzieher. Ringel liebte Peter heiß, denn er behandelt die Kinder nicht wie eine bezahlte Aufsichtsperson. Bei Peter fühlen sie sich gemocht und sicher. Zu ihm konnten sie mit allen Problemen kommen. Peter wusste immer eine Lösung.
"Das klingt spannend!" murmelt Peter und pfeift leise durch die Zähne. Wenn dieses Dokument echt ist, gehört die alte Kartause gar nicht der Stadt, sondern ist noch immer im Besitz des Kartäuser Ordens. Ringel, ich glaube dein Fund ist sehr wertvoll! Sieht fast so aus, als würden wir den Gruppenurlaub wohl doch nicht verschieben müssen."
Als am nächsten Morgen schon Bauunternehmer, Bagger und Maschinen angefahren kommen, um die Baustelle zu errichten und abzusichern, finden sich auch Peter, Ringel, Heimbetreiber Beermayer und der Bürgermeister ein. "Was haben sie mir da am Telefon gesagt? Der Verkauf der Kartause soll nicht rechtens sein? Was soll das, Herr Beermayer? Sie wissen, dass sie zwar Anrainer sind, einen Abriss aber nicht verhindern können!" Heimbetreiber Beermayer schüttelt ungläubig den Kopf. "Oh doch! Das können wir sehr wohl! Bitte lesen sie das Herr Bürgermeister." Ringel treten Schweißperlen auf die Stirn: "Wie kann Herr Beermayer nur das Original dem Bürgermeister aushändigen!?" Das Stadtoberhaupt wird zuerst weiß, dann rot im Gesicht. "Neeeiiiiin" schreit Ringel und hechtet auf das Schriftstück zu, dass dem Bürgermeister wie zufällig aus der Hand gleitet und auf eine große braune Schlammpfütze zuflattert.
Ringel erreicht es gerade noch rechtzeitig und schlägt dann mit vorsorglich erhobener Hand in der Schlammpfütze ein. "Auuuuuu!" Schreit er wieder. Beim Aufprall hat er sich das Knie auf einem Stein aufgeschlagen. Währenddessen schnappt Peter geistesgegenwärtig das Dokument und verstaut es in der Innentasche seines Sakkos. Der Bürgermeister macht sich wütend aus dem Staub.
"Das hast du gut gemacht, Ringel!" Loben Peter und Herr Beermayer unisono. Kannst du selber gehen, oder sollen wir dich zurück in die Wohngruppe tragen?"
Als Ringel am nächsten Tag hinunter geht und nervös nach dem Fortgang der Bauarbeiten Ausschau hält, stellt er erleichtert fest, dass zwar Kontainer und Abrissbirne noch dastehen. Bauarbeiter sind jedoch weit und breit keine mehr zu sehen! Wieder legt er sich in die Ringelblumen im alten Kräutergarten. Er schließt die Augen tropft sich etwas Tau von den Ringelblumen-Blüten auf die Augen. Sogleich steht die Feenkönigin neben ihm. "Danke Ringel!" sagt sie und küsst den Jungen dankbar auf die Nasenspitze. Ich glaube, du hast uns alle gerettet. Wenn die Sache gut ausgeht, und der verlassene Kräutergarten bestehen bleibt, sollst du deine Blume haben! Kannst du erraten welche es ist?" Da beginnt Ringel von einem Ohr aufs andere zu grinsen: "Ist sie genau so orange wie ich?" Als auch die Feenkönigin verschmitzt zu grinsen beginnt, kann sich Ringel den Jubel nicht mehr verbeißen: Die Ringelblume! Ich bekomme wirklich die Ringelblume! Oh du liebe liebe Ringelblume!"
Ganz hat sich die Causa jedoch noch nicht erledigt. Der Bürgermeister hat eine Untersuchung verlangt, in der die Echtheit des Schriftstückes überprüft werden soll. Außerdem hat er betont, dass er auf jeden Fall Berufung einlegen wird.
Als der Tag der Gerichtsverhandlung gekommen ist, ist Ringel furchtbar nervös. Wird man einem Heimkind wie ihm überhaupt glauben? Was wenn niemand vom Orden auftaucht. War dann alles umsonst? Und hoffentlich sperren sie mich nicht ein!" Obwohl im Peter und Heer Beermayer versichert haben, dass das auf keinen Fall geschehen wird, ist sich Ringel da nicht so sicher. Zur Sicherheit will er sich eine Ringelblume in den Hosensack stecken. Sie soll ihm Selbstvertrauen geben. Als er sie zärtlich in die Hand nimmt, beginnt sie plötzlich leis mit ihm zu reden. "Ringel" flüstert sie zärtlich. "Hab keine Angst. Solange ich bei dir bin, kann dir gar nichts passieren. Ich bin nicht nur eine hervorragende Heilpflanze, sondern helfe auch vor Gericht! Wer auf mich zählt, erhält die Gabe, die Dinge plausibel und mit den rechten Worten zu schildern!" Und wirklich - Ringel macht seine Aussage ohne mit der Wimper zu zucken. Spricht klar, laut und deutlich. Sieht Anwälten und Richter ohne Scheu in die Augen. Alle sind völlig verblüfft, wie souverän der sonst so verträumte Ringel auf einmal sein kann.
Als die Sachverständigen schließlich auch noch die Echtheit der Besitzurkunde beglaubigen und ein hochrangiger Vertreter des Kartäuserordens den Gerichtssaal betritt, lösen sich auch die letzten Zweifel an der Richtigkeit von Ringels Aussage in Luft auf. Dankbar berichtet der Mönch von einem Jahrzehnte dauernden Besitzstreit mit der Stadtgemeinde. Aufgrund des verschollenen Dokuments wäre die Causa in diesem Sommer verjährt, der Besitz der Stadt zugefallen.
Freudestrahlend bedankt er sich bei Ringel und übergibt ihm eine Schenkungsurkunde. Als Finderlohn soll Ringel an seinem 21. Geburtstag ein bedeutende Geldsumme sowie ein kleines Stück Parkland erhalten, auf dem sich zufälliger Weise der alte Kräutergarten befindet.
Der Mönch verspricht, dass der Orden die alte Kartause wieder renovieren und im alten Stil aufbauen wird. Der historische Park soll erhalten bleiben. Ein geplantes Fastenhotel für Pilger soll die nötigen Mittel für den Erhalt der Anlage bringen.
An diesem Nachmittag genießt Ringel die Stille an seinem Geheimplatz inmitten der orangen Ringelblumen besonders. Kaum zu glauben. Der alte Garten gehört jetzt wirklich ihm! Ihm, dem kleinen Waisenjungen Ringel! Dann fallen ihm die Augen zu und Ringel fällt in einen tiefen Schlaf.
Leise tanzen die Feen samt Königin und Naturwesen heran. Sie sind gekommen, um sich zu bedanken und ihn in einer feierlichen Zeremonie in die Geheimnisse der Ringelblume einzuweihen und Ringel zu ihrem Hüter zu machen.
"Die Ringelblume stärkt das Herz und schenkt Trost. Ringelblumen als Badezusatz helfen dabei, den Respekt und die Bewunderung der Mitmenschen zu gewinnen. Wenn man vor Gericht Ringelblumen in der Tasche hat, ist die Gerechtigkeit auf deiner Seite. Ringelblumenwasser (aus den Blüten hergestellt) auf die Augenlider getupft hilft Feen zu sehen. Sie heilt bei Atemwegsbeschwerden, Magen-Darm-Problemen, Hautabschürfungen bis hin zu den verschiedensten Arten von Schmerzen - überall kann die Ringelblume die Beschwerden lindern. Symbolisch steht sie für die Sonne und wird als Lichtkraftbringer eingesetzt. Wenn man sie in der dunklen Jahreszeit räuchert bringt sie Sonne ins Herz und erwärmt das Gemüt. Sie bringt innere Balance sowie ein poitives Raumklima und hilft zur Ruhe zu kommen. Überdies bringt sie Selbstvertrauen und Zuversicht, wirkt heilsam, wenn man mal traurig ist..."
"Das hab ich alles von Anfang an gewusst!" wundert sich Ringel. Wischt dann aber schnell alle Gedanken an Vergangenes beiseite. Denn wer die Ringelblume als Freundin hat, kann sich getrost auf eine wunderbare Zukunft freuen.
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