TANNE. Märchen und Geschichten für Erwachsene, Kinder und Kind gebliebene - Teil 115

Mein kleiner Sohn hat diese Woche Sachunterrichtstest. Zu den zahlreichen Themen gehören auch Fichte und Tanne.  Ihre immergrünen Zweige symbolisieren das ewige Leben. Sie galten als Kraftspender, wenn alles rundherum tot und leblos erschien. Grün steht überdies für die Hoffnung. Der „thann“ galt laut Kräuterexpertin Heidi Brunner  als Hüter des Waldes, der Schutz verbreitet und das Licht des Himmels verkörpert.  Als Räucherung, so empfiehlt sie, wirken Harz und Nadeln desinfizierend auf die Raumluft. Die Inhaltsstoffe der Tannennadeln wirken lindernd bei Husten und Erkältungskrankheiten.  Während draußen auf dem Gartentisch schon das Tannenreisig aufs Adventkranz binden wartete, fiel mir die folgende Geschichte ein. 

Agnes fuhr mit einer Scheibtruhe in Richtung dem nahen Wäldchen. Darin befand sich ein fast dürrer Nadelbaum, der bis dato im großen Pflanzgefäß vor der Haustür gestanden hatte. Aber das Plastik war undurchlässig und der kleine Christbaum hatte mit der Zeit nasse Füße bekommen. "Ich denke ich kann ihn noch retten, wenn ich ihn im Wald einpflanze..." Kurzentschlossen grub sie mit dem Spaten ein kleines Loch in den Waldboden und setzte das halb dürre Bäumchen am Waldrand ein. "Mach's gut kleiner Baum!",  dachte Agnes laut und machte sich auf den Heimweg. Die selbst gebastelten Tonanhänger, die noch vom vorigen Weihnachtsfest am Bäumchen hingen, ließ sie  dran. "Die gehören dir! Ich will sie dir nicht nehmen!" 

Es war kurz vor Weihnachten und die ersten Flocken tanzten behände vom Abendhimmel. Gerda saß in der Küche und starrte mit schwerem Herzen aus dem Fenster. Weihnachten fiel ihr noch immer äußerst schwer. Bald sollte es sich zum dritten Mal jähren, dass ihr einziger, so geliebter Sohn, gestorben war. Sie konnte es bis heute nicht verstehen. Er war so gesund und vital - und dann... wie aus heiterem Himmel... dieser Unfall ... aus. Für Gerda brach eine Welt zusammen. Gab es doch seit der Scheidung nur mehr ihn! Lange wandelte Gerda selbst wie tot durch den sinnlos erscheinenden Alltag. Wäre da nicht  der kleine Nachbarjunge Ben gewesen, der ständig bei ihr klingelte und sie wie die eigene Oma liebte, sie hätte nicht gewusst, wie sie hätte weiter leben sollen. Mittlerweile hatte sie sich aufgerappelt. Hatte sogar begonnen, sich wieder mit Freundinnen zu treffen. Nur Weihnachten konnte sie noch immer nicht ertragen. Wenn sie bloß daran dachte, bekam sie keine Luft mehr. "Ich muss raus!", dachte sie, nahm den warmen Mantel vom Haken und schlüpfte in die Winterstiefel. Dann stapfte sie davon, in Richtung Wald. Es begann schon zu dämmern, da fiel Gerdas Blick auf ein kleines Bäumchen. "Komisch!" dachte die Frau. "Da hängt ja was dran! Als wär es für Weihnachten geschmückt worden?" 

Auch Agnes hatte sich heute auf den Weg zum Wäldchen gemacht. Sie wollte sehen, wie es ihrem Bäumchen ergangen war, hatte sogar eine kleine Laterne mitgebracht, die sie ihrem Christbaum "schenken" wollte. Vorsichtig platzierte sie die Laterne auf einer alten Fliese zu Füßen der kleinen Tanne. Dann schenkte sie ihrem Christbaum  noch ein paar weitere Tonanhänger. "Hübsch siehst du aus! Du bist auch schon deutlich grüner geworden. Der Wald wirkt ja wie eine Kur auf dich!" Da fiel Agnes Blick auf die Frau, die auf der Bank gegenüber saß und sie anstarrte. Irritiert wollte sie sie zur Rede stellen, doch da bemerkte sie, dass ihr Gegenüber eigentlich gar nicht sie anstarrte, sondern einen Punkt an ihrem Tannenbäumchen. 

"Entschuldigen Sie, ich habe Sie gar nicht bemerkt!" sprach Agnes  die Fremde an und beschloss, sich zu ihr auf die Bank zu setzen und sie kennen zu lernen. Sie erzählte der Frau von ihrem Bäumchen. Gerda hörte aufmerksam zu, und begann dann selbst zu Erzählen. Zuerst stockend, dann sprudelte ihre Geschichte nur so heraus. Zum ersten Mal. Und Agnes hörte zu. Fast wirkte es, als hörte auch das kleine Tannenbäumchen zu. Gerda war es, als wolle all das aufgestaute Leid aus ihr heraus fließen, um im Waldboden zu versickern. Selbst die Scherben in ihr drin, schienen etwas abzuflachen. "Danke für dieses Gespräch!" verabschiedete sie sich, als es zu dämmern anfing. "Danke für Ihr Vertrauen!" lächelte Agnes. Als sich die beiden die Hand zum Abschied gaben, meldete sich über ihnen eine weiße Schleiereule, sah die Frauen an und flog  davon, in den Nachthimmel. 

Danke mein Herzenskind!" flüsterte Gerda. "Ich weiß, ich war dumm!" Und sie ging heim, um zumindest ihr Wohnzimmer  schnell noch ein klein wenig zu schmücken. "Christbaum will ich heuer noch keinen..." überlegte die Frau, als sie den letzten kleinen Engel zu den Zweigen am Kaminsims setzte.  Das hier reicht fürs Erste..." Trotzdem fühlte sie sich, als wäre sie nach langer Starre wieder zum Leben erwacht. Als sie am Weg zur Mette nochmals am kleinen Tannenbaum vorbeiwanderte, sah sie wieder die Schleiereule auf dem Ast sitzen. "Ich bin bei dir, Mama!" ging es ihr durch den Kopf. "Auch wenn du mich nicht mehr sehen kannst... du musst  nur an mich denken,  denn ich bin immer in deinem Herzen. Und wenn du traurig bist, komme ich sogar zu dir!"

Autor:

Anita Buchriegler aus Steyr & Steyr Land

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