Interview mit TLT-Intendant Johannes Reitmeier
"Sie sind alle sehr tapfer"

Johannes Reitmeier wird noch bis August 2023 als Intendant am Tiroler Landestheater arbeiten.
  • Johannes Reitmeier wird noch bis August 2023 als Intendant am Tiroler Landestheater arbeiten.
  • hochgeladen von Sieghard Krabichler

Die Kultur in Tirol startet durch. Wir sprachen darüber mit Landestheaterintendant Johannes Reitmeier.

Freuen Sie sich auf die Öffnung des Kulturbetriebes?

Ein Theaterintendant, der nicht spielen und kein Publikum begrüßen kann. Wie geht es dem im Mai 2021?
Johannes Reitmeier:
Es geht mir, mit der Aussicht wieder zu öffnen, sehr viel besser als im Mai 2020 oder seit November. Denn auch ein Intendant verliert, neben seinem Ensemble, seine eigentliche Bestimmung. Er ist Künstler, inszeniert, repräsentiert sein Haus, betreut Produktionen mit. In der Pandemie war ich auf das Krisenmanagement reduziert.

Sie werden nur noch bis 2023 dem Tiroler Landestheater als Intendant zur Verfügung stehen, trotz anderslautender Wünsche aus der Politik. Warum?
Es klingt platt, aber mein Entschluss war seit längerer Zeit geplant und auch mit den Zuständigen in der Politik langfristig kommuniziert. Nach zehn Jahren Intendanz halte ich es für richtig, Platz für eine neue künstlerische Handschrift zu machen. Weiters bin ich 2023 seit 27 Jahren als Intendant tätig und ein weiterer Grund ist, ich werde mich mehr als bisher um meine familiären Belange kümmern. Ich will aber dem Kunstbetrieb nicht abhandenkommen.

Corona hat die Kulturszene massiv getroffen. Wie geht es Ihrem Ensemble am TLT?
Man muss es ehrlich sagen: Sie sind alle sehr tapfer. Bei allem Unglück sind wir aber am Tiroler Landestheater auch in der Krise in einer privilegierten Lage. Durch das Mittel der Kurzarbeit konnten die Arbeitsplätze erhalten werden. Natürlich ist aber das Fehlen des Publikums für die Künstler sehr belastend, genauso wie die Krise in den administrativen Abteilungen, wie etwa der Personal- oder der Finanzabteilung, enorme Belastungen hervorruft.

Wie schwierig ist eine Probenzeit für die Akteure, ohne auftreten zu können? Da braucht es doch enorme Motivation, auch gegen die psychische Belastung?
Sehr schwierig. Das Proben mit FFP2-Masken ist etwa für Sänger unmenschlich. Unsere Spartenleiter hatten sehr große Aufgaben, das Ensemble an die Hand zu nehmen und zu erkennen, wo und wann jemand aufgefangen werden muss. Das sind Grenzsituationen, die eine große Sensibilität verlangen.

Sie hatten am TLT während der Öffnung 2020 Coronafälle, etwa im Chor. Wie sind das Ensemble und das Orchester gesundheitlich durch die Krise gekommen?
Ja, das ist richtig und Corona hat uns, gerade in der zweiten Welle, mit großer Wucht getroffen. Aber seit einiger Zeit haben wir ein Infektionsgeschehen, das gegen null geht. Auch bei den Infizierten hatten wir keine klinischen Fälle.

Sehen Sie nun die Sicherheit der Auftretenden und des Publikums am TLT nach dem 19. Mai als gesichert?
Ja. Und wir haben viel gelernt. Die Sicherheits- und Präventionskonzepte waren schon immer sehr ausgereift. Abstand, Maskenpflicht, nur die halbe Kartenkapazität und in Zukunft der „Grüne Pass“ werden zur Sicherheit beitragen. Und hinter der Bühne haben wir die Testkapazitäten, auch in Zusammenarbeit mit „Tirol testet“, sehr gut ausgebaut. Für Sicherheit ist also umfassend gesorgt.

Die Folgen der Coronakrise sehen Sie kulturell als „eine geistige Verwahrlosung pandemischen Ausmaßes“. Aber haben nicht viele Menschen andere Sorgen als die Kultur?
Natürlich, denn Corona ist für viele Menschen existenzbedrohend. Trotzdem, wenn die Kultur in einem Land wie Österreich, in welchem sie eine große Rolle spielt, gegen null heruntergefahren werden muss, fehlt ein Regulativ. Wir sehen die Folgen ja deutlich.

Wie sehen Sie die Zukunft? Wird sich das Publikum verändert haben? Wird eine Verjüngung stattfinden?
Wenn, dann ist es ein langsamer Prozess. Das Wichtigste ist für mich, dass das Publikum wieder das Vertrauen findet und sich ins Theater wagt. Aus vielen Reaktionen wissen wir, dass die Menschen wieder Kultur wollen. Aber es gibt auch verunsicherte Besucher.

Wie wird der Theaterbetrieb mittelfristig aussehen? Werden junge Talente überhaupt ein Engagement erhalten?
Das ist im Moment sehr schwierig. Es gibt den Produktionsstau an den Häusern, die Verträge werden in die kommenden Spielzeiten weitergereicht. Für den Nachwuchs wird es in nächster Zeit dadurch eher schwer, leider.

Corona ist ja noch nicht vorbei. Wie kann ein Spielplan unter solchen Voraussetzungen gestaltet werden?
Der Spielplan ist eigentlich fertig und wird im Juni präsentiert. Nur, der neue Spielplan wird sicher unter Vorbehalt vorgestellt.

Welche Highlights erwarten das Publikum in der restlichen Saison?
Durch die geplante Sanierung am Großen Haus ab Juni haben wir nur 11 Tage Spielzeit. Mit „María de Buenos Aires" und „Königin der Berge" starten wir, dann folgt „Der süßeste Wahnsinn", „Jedermann (stirbt)" und „The Rape of Lucretia". Also durchaus ambitionierte Werke am Rennweg und in den Kammerspielen. Auch spielt das TSOI drei Symphoniekonzerte vom 19. bis 21.5. mit Werken von Berg und Brahms.

Was hätten Sie gerne noch in Innsbruck bis August 2023 inszeniert, das aber nicht mehr gelingen wird?
Ganz eindeutig Paul Hindemiths dreiaktige Oper „Cardillac". Das wird sich aber leider nicht mehr ausgehen.

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