Welttag gegen das Ertrinken
"Manche Schüler haben Angst vorm Duschen"
- Foto: Silvia Viessmann
- hochgeladen von Silvia Viessmann
Es ist Sommer, es ist heiß und da gibt es für viele nichts Schöneres, als den Sprung ins kühle Nass. Der kann jedoch für immer mehr Menschen gefährlich werden, weil sie nicht oder nur schlecht schwimmen können. Darauf soll der Welttag gegen das Ertrinken am 25. Juli aufmerksam machen. Schwimmlehrer und Wasserretter aus dem Bezirk Vöcklabruck sehen diese Entwicklung mit Sorge.
BEZIRK VÖCKLABRUCK. 148.000 Kinder in Österreich können nicht schwimmen. Das ist, wie aus der Schwimmstudie 2022 des Kuratorium für Verkehrssicherheit hervorgeht, jeder Zehnte im Altern von fünf bis 19 Jahren. Fünf Kindern wurde das im vergangenen Jahr zum Verhängnis, sie ertranken.
25 Kinder und nur eine Lehrerin
Markus Brandstötter, Schwimmlehrer und Inhaber der Schwimmschule Salzkammergut, appelliert deshalb an alle Eltern, das Thema Schwimmen so früh wie möglich anzugehen:
"Kinder können ab circa vier Jahren Schwimmen lernen, mit sechs, wenn sie in die Volksschule kommen, sollten sie es eigentlich schon können."
Das ist aber immer häufiger nicht der Fall. Familien verlassen sich zunehmend auf den verpflichtenden Schwimmunterricht in der Schule. "Das Problem ist, dass die Klassen sehr heterogen sind. Da gibt es einerseits Schüler, die sind im Schwimmverein und andererseits solche, die sind nicht einmal wassergewöhnt, haben teils sogar Angst vorm Duschen, und dann muss sich eine Lehrerin um womöglich 25 Schüler kümmern. Das ist unmöglich", kritisiert Brandstötter, der selbst regelmäßig an Schulen berät.
- Markus Brandstötter. Beim Schwimmtraining lernen die Kinder erst tauchen. Als Belohnung gibt es ein Unter-Wasser-Foto.
- Foto: Silvia Viessmann
- hochgeladen von Silvia Viessmann
Um sicheren Schwimmunterricht zu ermöglichen, greifen viele Volksschulen auf externe Trainer zurück. Die müssen vergütet werden, die Frage ist allerdings: Von wem? Eigentlich müssten nach aktueller Lage die Eltern dafür aufkommen. Das wiederum darf eigentlich nicht sein, weil alles was in Pflichtschulen auf dem Lehrplan steht - also auch Schwimmunterricht - die Familien nichts kosten darf. Bisher übernehmen meist Elternbeiräte oder Gemeinden die Kosten. Die SPÖ will dagegen den Bund stärker in die Verantwortung nehmen:
„Weil Schwimmen aber als ein fixer Bestandteil des Lehrplanes definiert ist und der Bund diesen Lehrplan ganz alleine erstellt, wäre es folgerichtig, dass auch die Kosten eines attraktiven Schwimmunterrichts alleine vom Bund zu decken sind“
, fordert Doris Margreiter, Vöcklabrucks Bezirksvorsitzende der SPÖ. Die SPÖ hat daher eine parteiübergreifende Resolution des Landtags an den Bund initiiert, dass dieser die Kosten für Schwimmtrainer an den Volksschulen, sowie den Transport und den Eintritt ins Schwimmbad übernehmen soll.
"Eltern müssen mit ihnen üben"
Damit Schwimmunterricht in den Schulen überhaupt funktionieren kann, müssen die Kinder auf einem ähnlichen Level beginnen. Besonders bei den Grundlagen sieht Brandstötter die Familie deshalb mehr in der Verantwortung. Die müsse Kinder ans Wasser gewöhnen:
"Eltern müssen mit ihnen spielerisch das Herumspritzen „üben“, etwa beim Hände und Gesicht waschen. Ich sehe immer wieder Kinder, die schon beim Duschen panisch werden, sobald sie Wasser ins Gesicht bekommen."
Ein weiterer Grund, warum weniger Kinder schwimmen lernen, ist der Mangel an Hallenbädern. Immer weniger Gemeinden leisten sich diese, und bestehende haben kaum Termine frei. Auch die Schwimmschule Salzkammergut muss ihr Angebot deshalb einschränken: "Unsere Sommerkurse sind seit Jänner ausgebucht und sobald die Herbsttermine online sind, bin ich sicher dass auch die in kürzester Zeit weg sind", erzählt Brandstötter. Weiterführende Kurse wie Kraulen, streiche er zugunsten der Anfängerkurse. Auch sei nicht jedes Bad zum lernen geeignet.
"Das Wasser sollte 30 bis 32 Grad haben, weil die Kinder sich am Anfang noch nicht so viel bewegen und viel zuhören. Außerdem darf das Becken nur so tief sein, dass die Kinder stehen können. Man braucht ein klassisches Lehrschwimmbecken, das flach anfängt und dann tiefer wird. Außerdem sollte es nicht zu viele Ablenkungen wie Wasserrutschen, Springbrunnen oder andere Attraktionen geben"
, sagt Brandstötter. (Zum ausführlichen Interview mit Markus Brandstötter geht es hier.)
Hohe Nachfrage nach Corona-Jahren
Die Wasserrettung Litzlberg muss heuer ganz auf Schwimmstunden im Hallenbad verzichten, weil das Bad in Lenzing nur noch für Schulen geöffnet ist. "Natürlich gibt es die Ausbildung am Attersee, aber je kleiner die Kinder, desto wärmer sollte das Wasser sein. Im See kann man nicht so lange bleiben, deshalb müssen wir mehr und dafür kürzere Stunden geben", erklärt Alexander Leitner, Ausbildungsleiter der Wasserrettung Litzlberg. Die nächsten Schwimmkurse für Kinder starten am 12. August. Nur vereinzelt sind noch Plätze frei. "Man merkt extrem, dass in den Schulen in den letzten Jahren nichts gemacht werden konnte. Wir haben teils Anfragen aus Wels oder Steyr", sagt Leitner.
- Alexander Leitner von der Wasserrettung Litzlberg
- Foto: Alexander Leitner
- hochgeladen von Silvia Viessmann
Zwei bis vier Mal müssen die Wasserretter am Attersee jährlich ausrücken, um schlechte Schwimmer zu retten. Im Vergleich zur Gesamtzahl der Einsätze, die bei über 100 liegt, ist das wenig, doch weil die teils tödlichen Unfälle leicht vermeidbar wären, sind sie besonders tragisch.
"Ertrinken geht meist lautlos von statten. Das ist nicht wie im Film, sondern die Leute schlucken Wasser, können teils nicht mehr schreien"
, erklärt Leitner. Alleine Schwimmende seien besonders gefährdet: "Oft kommt die Rettung erst drauf, wenn die Angehörigen nach einer Stunde kommen, weil jemand weg ist." Das immer weniger Kinder schwimmen lernen macht ihm deshalb Sorgen, denn: Weniger Schwimmer bedeuten auch weniger Retter und offene Augen am See.
Tipps der Wasserrettung zum sicheren Schwimmen:
- Abmelden: Sag deinen Freunden/ Familie oder der Wasserrettung bescheid, bevor du zum Beispiel zu einer Seeüberquerung aufbrichst. So wissen die Retter im Notfall, wo du bist und es kommt nicht zum Fehlalarm, weil sich jemand unbegründet Sorgen macht.
- Rückweg planen: Wenn du den See überqueren willst, überlege vorher, wie du zurück kommst. Schaffst du es zurück zu schwimmen oder kann dich jemand mit dem Auto vom anderen Ufer abholen?
- Hilfsmittel: Für längere Schwimmausflüge lohnt es sich eine Schwimmboje oder ein Stand-Up-Paddle mitzunehmen. So kannst du dich ausruhen, wenn deine Kraft nachlässt und der Rückweg wird deutlich leichter.
- Wetter: Schau vor einer Seeüberquerung, wie das Wetter werden soll, damit du nicht von einem Gewitter oder Sturm überrascht wirst.
- Wassertemperatur: Nur weil es draußen warm ist, muss der See es nicht sein. Hat es am Vortag gewittert, kann der See umgewälzt und deshalb kalt sein. Kaltes Wasser bei heißen Außentemperaturen belastet den Kreislauf und führt zu schnellerer Erschöpfung.
Hier erklärt Alexander Leitner, wie ein Stand-Up-Paddle helfen kann, einen Ertrinkenden zu retten.
Aktuelle Nachrichten aus Vöcklabruck auf
Du willst eigene Beiträge veröffentlichen?
Du möchtest kommentieren?
Du möchtest zur Diskussion beitragen? Melde Dich an, um Kommentare zu verfassen.