Reise ins nostalgisch verklärte Südburgenland
Südburgenländisches Leben und Auswanderung Mitte des 19. Jahrhunderts.
- hochgeladen von Christine Feichtinger
Sein geheimnisumwitterter Blick traf sie wie eine Prophezeihung. Von diesem Mann ging eine geheime Botschaft aus, welche sie irritierte. Wird dieser Mann mein Fundament der Keuschheit und der Einsamkeit erschüttern und mein künftiges Leben ändern? Nein, das wird ihm nicht gelingen, denn ich habe mein Herz vor langer Zeit vor unerwünschten Eindringlingen mit tausend Schlössern verschlossen. Der Fremde hatte ihre Erschrockenheit und ihre Unsicherheit bemerkt. „Ich heiße Istvan Farkas, bin ein gesandter Bote. Ich komme in geheimer Mission und bringe gute Nachrichten!“, begann er, so wie die Lodmänner, wenn sie zur Hochzeit einluden.
Also ein Hochzeitslodner, mutmaßte Helga.
„Nehmen Sie Platz“, bot sie ihm mit zittrigen Händen, um Fassung bemüht, einen Platz an. Sogleich begann sie ihn, gastfreundlich mit Brot, Schmalz und Uhudler Wein zu bewirten, wie es üblich war, wenn ein Lodmann ins Haus kam. Gleichzeitig überlegte sie, wer heiraten würde und wo sie, als geladener Gast, ein Band für das Befestigen am Hochzeitsstecken finden könnte.
Dann stellte er seinen Zecker auf den Tisch und Helga wunderte sich, denn dieser mit Kukuruzlieschen geflochtene Zecker war mit den Initialien H und F, wie Helga und Fini, bestückt und wies dieselbe Verzierung auf, wie sie ihr Vater immer in seine Zecker geflochten hatte.
Nach einer kurzen Pause fuhr er unaufgefordert fort: „Sagen wir so, ein mit dir herzverbundener Mensch hat mich als Bote zu dir geschickt. Dieser Mensch läßt dich schön grüßen und möchte wissen, ob es dir gut geht!“, erklärte er mit einem durchdringenden, zärtlichen Blick.
Sie hätte es gleich wissen müssen, dass er kein Hochzeitslader war, denn er hatte kein Rosmarin-sträußchen am Revers und am Hut. Ebenso hatte er keinen Hochzeitssteckn mit Bändern dabei.
„Wer ist dieser herzverbundene Mensch?“, entfuhr es Helga ungeduldig.
„Schön langsam! Ich werde dir alles zur gegebenen Zeit erklären. Es ist eine heikle Angelegenheit. Ich kann nicht mit der Türe ins Haus fallen“, winkte er ihre aufkeimende Neugier geheimnisvoll ab. „Ist noch jemand im Haus, der uns belauschen könnte?“, fragte er, sich unsicher umschauend.
„Nein, wir sind allein!“, antwortete Helga irritiert.
Kommt er vielleicht als Kuppler meines herzverbundenen Menschen Breitner? Hoffnung keimte auf. Wollte Breitner herausfinden, ob sie ihm noch böse war und er sich ihr wieder nähern könne? Im Dorf war bald nach seiner Flucht durchgesickert, dass er nach Amerika abgehauen war. Wie oft hatte sie die Amerikabesucher ergebnislos über ihn befragt. Und wie beschämt war sie jedesmal, wenn der Angesprochene sich verlegen abgewandt und geantwortet hatte, er wisse nichts von Breitner und sie an seinem Gesicht ablesen konnte, dass er schon etwas wusste, aber lieber schwieg.
Helga war über den Aufenthalt von Jakob Breitner so lange im Unklaren geblieben, bis seine Mutter zwei Tage, nachdem das Schiff Wilhelm Gustloff am 30.1.1945 versunken war, mit einem Brief ihres Mannes sie besuchte.
„Es ist Zeit, dass wir uns aussprechen. Alles liegt schon so lange zurück. Mein Mann hat von der Front geschrieben, dass er wieder Frieden zwischen unseren Familien haben will!“ Und dann begann sie, seinen Brief vorzulesen.
Nachwort der Autorin:
Während meiner 6 jährigen Recherche und Herstellung dieser Erzählung über drei Generationen stieß ich auch auf jene Tatsache, wo im Jahr 1890 in den Sterbematrikeln eines 450 westungarischen Seelendorfes, tatsächlich achtzehn Kostkinder, in den Folgejahren nicht viel weniger, ohne erkennbare Todesursachen verstorben waren, wovon die Kirchenregister Zeugnis abgeben. Die Pflegeeltern bekamen ein paar Kreuzer und waren, auch zufolge der Not, der Kinder bald überdrüssig. In unserer gläsernen, hochtechnologisierten Zeit möchte ich ihnen eine Stimme geben, denn auch sie wurden mit der Bestimmung, zu leben und glücklich zu sein, in die Welt gesetzt. In diesem Sinne habe ich meinen Romanfiguren nostalgische Züge verliehen, Leben eingehaucht und in meine historische Erzählung so eingebettet, dass sie das facettenreiche Leben unserer Vorfahren wiederbeleben und möglichst wirklichkeitsnah wiedergeben können.
Aus eigener Wahrnehmung weiß ich, dass ungefähr um 1980 eine Kriegswitwe, die ihren Mann für tot erklären hat lassen, einen Brief aus Russland von ihrem vermeintlich totgeglaubten Mann bekommen hat. Diesen Brief habe ich selber gesehen. Ob es diesbezügliche Nachforschungen gegeben hat, die die Richtigkeit bestätigt haben, weiß ich nicht. Durch diese und andere überliefernswerten, wahren Begebenheiten inspiriert ist dieser Roman entstanden.
Die Sprache, die Anleihe nimmt am Dialekt und der Alltagssprache, ist so gehalten, wie sie früher üblich war. Zum Begriff „Zigeuner“ möchte ich erwähnen, dass ich mit diesem Wort niemand beleidigen will, sondern ihn deshalb verwendet habe, um die Stimmung in Europa im 19. Jhd. möglichst den Tatsachen entsprechend zu vermitteln, dass „Zigeuner“ in der damaligen Schrift-sprache gebräuchlich war und ich keine Geschichtsverfälschung betreiben möchte.
Um das Buch wirklichkeitsnah zu verfassen, habe ich ungefähr 30 Bücher als Quellen gelesen. Den zahlreichen Zeitzeugen, die mich unterstützt haben, mir ihre berührenden Lebensgeschichten wie Schätze aus der Vergangenheit anvertraut haben und mein Wissen wie ein Geschenk nachhaltig bereichert haben, möchte ich danken. Und diese Schätze gebe ich wie ein Vermächtnis gerne an meine Leser weiter. Als Geschenk betrachte ich auch die Ausdauer und den Fleiß unserer Vorfahren, wodurch sie uns nach den Weltenbränden die Voraussetzung für eine gute Zeit in Wohlstand und Sicherheit geschaffen haben. Vielen Dank.
Die unermüdliche Schriftstellerin Christine Feichtinger aus Punitz im Südburgenland legte erneut den Roman „Für immer herzverbunden“ vor, der eine sehr interessante historische Erzählung darstellt und hauptsächlich im 19. Jahrhundert angesiedelt ist.
Dr. Robert Hajszan- Panonski
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