Gedenkjahr 2018
Novemberpogrome 1938

Novemberpogrome / Reichskristallnacht.

Ursprünglich wurden mit dem Wort Pogrom Übergriffe gegen Minderheiten im zaristischen Russland bezeichnet. Nach den dortigen antijüdischen Pogromen von 1881 – 1883 wurde Pogrom international nur mehr im Zusammenhang mit Juden und Jüdinnen verwendet. In den letzten Jahrzehnten erlebte der Begriff eine Bedeutungserweiterung und steht heute für kollektive Gewaltaktionen gegen Minderheiten.

Wer das Wort Reichskristallnacht „kreierte“, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Man kann aber davon ausgehen, dass der Begriff aus dem Berliner Volksmund stammt und auf die Scherben der zerschlagenen Fenster und Auslagen anspielt. Möglicherweise war die Wortschöpfung Reichskristallnacht zuerst eine verklausulierte Form des Protestes, eine Art ohnmächtiger Sarkasmus der GegnerInnen des Nationalsozialismus.

Die NationalsozialistInnen nannte die Deportation und Ermordung der Juden und Jüdinnen anfänglich weder Pogrom noch Reichskristallnacht, sondern, wie man aus dem Betreff des Befehlsschreibens von Reinhard Heydrich, Leiter der Sicherheitspolizei und des SD, entnehmen kann: „Maßnahmen gegen Juden“.1

Der Begriff Reichskristallnacht wurde allerdings von den NationalsozialistInnen rasch vereinnahmt. So meinte Wilhelm Börger, Ministerialdirektor im Reichsarbeitsministerium, im Juni 1939 auf dem Gautag der NSDAP in Lüneburg: „ … sehen Sie, die Sache geht als Reichskristallnacht in die Geschichte ein (Beifall, Gelächter) …“2

Der Politologe Harald Schmid weist in seinem Beitrag „Sprachstreit im Novemberland“ auf die der Bezeichnung Reichskristallnacht innewohnende Dialektik hin: „Doch das Wort bleibt auch ein nützlicher sprachlicher Stolperstein. Denn die scheinbar bloß etymologische und semantische Kontroverse führt geradewegs zum Gespräch über die ganze NS-Vergangenheit, den kritischen Umgang mit ihr und das Bemühen um moralische Genauigkeit – auch in der heutigen Benennung politischer Verbrechen.“

Geschichte der Novemberpogrome

Herschel Grynszpan schoss in Paris am 7. November 1938 auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath. Dieser erlag zwei Tage später seinen Verletzungen. Propagandaminister Joseph Goebbels initiierte daraufhin im gesamten Deutschen Reich in der Nacht vom 9. auf den 10. November eine „spontane“ Vergeltungsmaßnahme in Form eines gegen die jüdische Bevölkerung gerichteten Pogroms. Bekannt wurde es unter dem Namen Reichskristallnacht.

In den aus heutiger Sicht besser als Novemberpogrome bezeichneten Ereignissen, wurden alleine in Österreich in der Nacht vom 9. auf den 10. November 30 Juden / Jüdinnen getötet, 7.800 verhaftet und aus Wien rund 4.000 ins Konzentrationslager Dachau deportiert.

Im gesamten Deutschen Reich wurden vom 7. bis 13. November 1938 etwa 400 Menschen ermordet. Ungefähr 30.000 Juden und Jüdinnen wurden in Konzentrationslager verschleppt. Dort wurden nochmals Hunderte ermordet oder starben an den Folgen der Haft. Fast alle Synagogen – etwa 1.400 – und viele jüdische Friedhöfe in Deutschland und Österreich wurden zerstört.

Die Novemberpogrome stellen den Übergang von der Diskriminierung und Ausgrenzung der Juden / Jüdinnen seit 1933 zur systematischen Verfolgung dar. Nicht einmal drei Jahre später münden die Verbrechen der NationalsozialistInnen in den Holocaust.

„Kommt alle, von Treblinka, Auschwitz, Belzec, von Ponar
Von Sobibor, mit aufgerissnen Augen kommt, macht los!
Ich will, daß Euer stummes Schrein zu einem Schrei erstarrt
Im Schlamm, im Sumpf versunken und in faulem Moos.“

Jizchak Katzenelson: „Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk“

1 Fernschreiben vom 10.11.38, NS-Archiv. Dokumente zum Nationalsozialismus.

2 Roller, Walter (Zusammenstellung und Bearbeitung) & Höschel, Susanne (Mitwirkung): Judenverfolgung und jüdisches Leben unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Tondokumente und Rundfunksendungen 1930–1946. Verlag für Berlin-Brandenburg 1996, S. 154.

Autoren und AutorInnen über die (November)pogrome

Dass sich die Pogrome des Jahres 1938 in der deutschsprachigen Exilliteratur kaum widerspiegeln, liegt wohl nicht zuletzt daran, dass viele antifaschistische Schriftsteller und Schriftstellerinnen zu diesem Zeitpunkt bereits tot, im Konzentrationslager oder auf der Flucht waren.

Veza Canetti
In dem Roman „Die Schildkröten“, er entsteht 1939 im Londoner Exil, verarbeitet Veza Canetti ihre Erlebnisse in den Monaten zwischen der Annexion Österreichs und der Flucht mit ihrem Mann ins rettende Ausland. Das Buch erzählt die Geschichte des jüdischen Gelehrten Dr. Andreas Kain und seiner Frau Eva.

„Die Angst trägt eine braune Uniform und die Swastika. Sie steigert sich in eine schwarze Uniform mit Totenköpfen. Sie erreicht den Höhepunkt in einem Führer, der nichts Menschliches an sich hat als seine Unmenschlichkeit.“

„Er malte jetzt sein Glaubensbekenntnis auf die Scheiben des Kaffeehauses und ließ es sich nicht nehmen, ein stolzes ‚e‘ anzufügen. Dies wurde ihm aber von dem Mann mit den Totenköpfen verboten. Er mußte aus ‚Jude‘ ‚Jud‘ machen und tat es widerwillig, indessen die Menschen um ihn in Ekstase gerieten. Nach Beendigung zog er die Börse und zahlte fünf Mark für die Benützung der Farbe und des Pinsels.“

Der Roman legt Zeugnis ab, über die Ausgrenzung, Erniedrigungen und Ermordung von Menschen. Symbol- und beispielhaft ist der Titel des Buches bzw. das Schicksal des Tieres, das seine Heimat auf dem Rücken mitschleppen muss.

„‚Die Tempel brennen!‘ rief Felberbaum mit einem jeden Menschen und selbst Gott anklagenden Ton.“

Obwohl Eva und Andreas Kain das erlösende britische Visum erhalten, bietet „Die Schildkröten“ keine Happy End: Mit der Asche seines Bruders, der im KZ Buchenwald ermordet wurde, verlassen sie das Land.

Albert Drach
Der Autor Albert Drach verlässt Ende Oktober 1938 Wien und reist mit dem Zug nach Jugoslawien. So entkommt er den Novemberpogromen, wird zuvor allerdings Zeuge der Pogrome im Anschluss an die Annexion Österreichs ab März 1938. In seinem stark autobiografisch gefärbten Roman „‘Z. Z.‘ das ist die Zwischenzeit. Ein Protokoll“ schreibt er:

„Während nun der Sohn unter weiblichem, nicht aber männlichem Widerspruch, ja ohne den eigenen, leitertragend vor dem auf der anderen Straßenseite liegenden jüdischen Geschäft für Lederwaren angelangt war, wurde ihm sowohl von dem Schlossergesellen als auch von dem Schneidergehilfen die Anweisung gegeben, nunmehr vor dem hochgelegenen Schild das Sprossenholz anzulegen und auf die Ladenankündigungstafel eine Inschrift des Inhalts anzubringen, daß nur ein Schwein bei Juden einkaufe.(…) Ein Pelzhändler, welcher bis dahin als geachteter Bürger gegolten und dessen jüdische Abstammung niemand vermutet hatte, war zwar nur genötigt worden, ähnliche Arbeiten in Kopfhöhe und ohne Leiterverwendung auszuführen, erhängte sich aber gleich danach wegen vermeintlicher Schande, und zwar etwas höher an einem Dachbodenbalken. (…) Nach Bemalung aller jüdischen Geschäftstafeln wurden besonders häßliche Geschäftsinhaber semitischer Zugehörigkeit in die Auslagen gesetzt und daselbst von einem noch häßlicheren, nunmehr nationalsozialitischen Ladenschwengel photographiert, der später der angesehenste Mann im Ort wurde, nachdem er die reichste Geschäftsinhaberin geheiratet hatte.“     

Den obigen Beitrag und eine Reihe weiterführender Links finden Sie im Blog des Wiener Bücherschmaus - Verein für Leseförderung und Buchkultur.

Das Foto der brennenden Synagoge in Wien 2, Große Schiffg. 8 wird vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes zur Verfügung gestellt.    

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