05.07.2016, 15:06 Uhr

Typische Einzelkinder gibt es nicht mehr

Ein Kind ohne Geschwister wird durch die richtige Erziehung genauso umgänglich wie andere Kinder. (Foto: Bilderbox)

Einzelkinder sind zu Ich-bezogen. Dr. Streit erklärt, wie wahr diese Theorie ist und gibt Rat im richtigen Umgang.

„Das ist sicher ein Einzelkind“ – diese Phrase hört man oft, wenn sich ein Kind egozentrisch oder bestimmend verhält. Doch was ist dran an dem Vorurteil, dass Einzelkinder weniger sozial umgänglich sind als andere Kinder mit Geschwistern? Dr. Streit erklärt, was es rund um diesen Glauben auf sich hat und wie man sich richtig verhält, um sein einziges Kind auch sozial umgänglich zu erziehen.

Trend zu einem Kind

Bereits über 25% der Familien haben nur mehr ein Kind. Am häufigsten kommen Einzelkinder bei Paaren mit akademischer Bildung vor. Zweifelsohne entgeht Eltern und auch Einzelkindern dabei aber viel. Ihnen fehlt die beständige Auseinandersetzung mit dem Geschwisterchen. Außerdem wird die ganze Erwartungshaltung und der Druck auf ein Kind projiziert, mehrfache Eltern können hingegen ihre Hoffnungen auch auf ein zweites Kind bauen. Die aktuelle sozialwissenschaftliche Forschung zeigt, dass sich Einzelkinder aber kaum von anderen Kindern unterscheiden. Das befürchtete „Prinzessinnen-auf-der-Erbse-Syndrom“ tritt also nur selten auf. Und Kinder ohne Geschwister werden auch nicht zu „narzisstischen kleinen Monstern“, wie vielleicht manchmal befürchtet wird.

Tipps für Eltern

Während Einzelkinder sogar dazu neigen, sozial zugewandt zu sein, sind es eher ihre Eltern, die ihnen zu viel Druck auflasten oder ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie der Mittelpunkt der Welt sind. Diese Tipps können hilfreich sein bei der richtigen Erziehung eines einzelnen Kindes:

1. Selbstreflexion. Gehen Sie in sich, wenn Sie selbst ein Einzelkind waren und besprechen Sie mit Ihrem Partner, was Sie am meisten gebraucht hätten und beziehen Sie das sorgsam in Ihre Überlegungen mit ein.
2. Mehr Eigenständigkeit. Trainieren Sie von Anfang an das Loslassen. Seien Sie in wachsamer Sorge für Ihr Kind da, muten Sie ihm aber immer wieder zu, dass es eigenständige Schritte setzen kann.
3. Nein sagen. Denken Sie auch an sich. Schaffen Sie sich ein Netzwerk der Unterstützung und lernen Sie, gerade Ihrem Einzelkind früh ein klares „Nein“ zu zeigen.
4. Erlauben Sie Kontakte. Sorgen Sie von Anfang an für Kontakt mit anderen Kindern. Sei es, dass Sie die Kinder zu sich nach Hause einladen oder Ihr Kind woanders übernachten darf.
5. Schaffen Sie das Großfamilien-Feeling. Großeltern, Onkeln und Tanten sind wertvolle Unterstützer. Hier bekommt das Kind ein Gefühl für ein soziales Netzwerk, auf das es bauen kann.
6. Fordern Sie Selbstständigkeit. Nehmen Sie sich Zeit, die Leidenschaften Ihres Kindes zu entdecken und fördern Sie diese. Versuchen Sie nicht, dem Kind Ihre Leidenschaften aufzuzwingen. Geben Sie ihm dann Verantwortung und sehen Sie, wie es aufblüht.
7. Geben Sie Pflichten. Übergeben Sie Ihrem Kind Verantwortung durch kleine Aufgaben.
8. Nicht perfekt. Treten Sie dem Perfektionismus entgegen. Das gelingt dadurch, dass Sie den Sprössling auch für kleine erreichte Schritte loben und ihn positiv unterstützen. Helfen Sie ihm aber vor allem dabei. mit kleinen Niederlagen und Schwächen umzugehen.
9. Schaffen Sie Freiräume. Einzelkinder sind oft in ein Korsett von elterlicher Planung eingebettet. Lassen Sie Ihrem Kind immer genug Freiraum.

Dr. Philip Streit ist klinischer Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut, sowie Lebens- und Sozialberater.
Seit 1994 leitet er das „Institut für Kind, Jugend und Familie“ in Graz, das größte Familientherapiezentrum der Steiermark.
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