NS-Euthanasie Amstetten
Wie ein Bischof 1941 deutlich „unwertem Leben“ widersprach
- Der Theologe und Journalist Josef Wallner stellte bei einem Themenabend in der Salesianer-Pfarre Amstetten Herz Jesu die berühmte Silvesterpredigt des St. Pöltner Bischofs Michael Memelauer vom 31. Dezember 1941 in ihren historischen Zusammenhang.
- Foto: Wolfgang Zarl
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Ein Experte ordnete Bischof Memelauer Worte "Vor unserem Herrgott gibt es kein unwertes Leben“ ein.
AMSTETTEN. Der Theologe und Journalist Josef Wallner stellte bei einem Themenabend in der Salesianer-Pfarre Amstetten Herz Jesu die berühmte Silvesterpredigt des St. Pöltner Bischofs Michael Memelauer vom 31. Dezember 1941 in ihren historischen Zusammenhang. Der Abend im Don-Bosco-Saal verband Wallners Vortrag mit dem Film „Das Land, der Bischof und das Böse“ von Anita Lackenberger. Dazu hatte das Katholische Bildungswerk der Pfarre eingeladen.
Wallner zeichnete zunächst ein Bild Memelauers - der in Sindelburg geboren wurden - als für seine Zeit „bemerkenswert modernen“ Bischof. Er verwies auf dessen Einsatz für die liturgische Bewegung, seine starke Orientierung an der Bibel, seine verständliche und direkte Sprache sowie seine besondere Nähe zur Jugend. Auch Memelauers Humor und seine Bodenständigkeit als Mostviertler spielten dabei eine Rolle.
Den Schwerpunkt bildete jedoch die nationalsozialistische „Euthanasie“. Wallner zeigte auf, dass die Ermordung kranker und behinderter Menschen nicht aus dem Nichts entstand. Eugenische Vorstellungen waren bereits vor der NS-Zeit international verbreitet. Unter den Nationalsozialisten erfolgte jedoch ein entscheidender Bruch: Die rassistische Vorstellung vom „gesunden Volkskörper“ wurde zur staatlichen Ideologie und mündete in die systematische Ermordung von Menschen, deren Leben als „unwert“ bezeichnet wurde.
NS-Euthanasie in der Region
Besonders deutlich machte Wallner den regionalen Bezug. Er schilderte die Vorgänge in den Heil- und Pflegeanstalten Mauer-Öhling bei Amstetten und Ybbs sowie die Transporte in die Tötungsanstalt Schloss Hartheim. Obwohl die sogenannte „Aktion T4“ streng geheim gehalten werden sollte, verbreitete sich in der Bevölkerung rasch das Wissen darüber, was mit den abtransportierten Patientinnen und Patienten geschah. Das NS-"Euthanasie" in Mauer wird derzeit auch in der NÖ Landesausstellung in Mauer thematisiert.
Wallner ordnete Memelauers Predigt auch in die kirchlichen Proteste jener Zeit ein. Besonders die Predigten des Münsteraner Bischofs Clemens August Graf von Galen im Sommer 1941 hatten große Wirkung. Im August 1941 wurden die zentral organisierten Transporte offiziell gestoppt; die Krankenmorde gingen jedoch in anderer, dezentraler Form weiter. Genau vor diesem Hintergrund hielt Memelauer am Silvesterabend 1941 seine Predigt.
Wallner hob hervor, was Memelauers Predigt besonders machte: Der Bischof argumentierte nicht allein mit dem Gebot „Du sollst nicht töten“, sondern stellte den liebenden Gott und die unveräußerliche Würde jedes menschlichen Lebens ins Zentrum. Der entscheidende Satz lautete: „Vor unserem Herrgott gibt es kein unwertes Leben.“ Damit verurteilte Memelauer die nationalsozialistischen Krankenmorde in einer für einen österreichischen Bischof „außergewöhnlichen Deutlichkeit“.
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Bemerkenswert ist auch das von Wallner beschriebene „leise Echo“: Die Predigt fand bei den Gläubigen offenbar starke Zustimmung, doch eine erkennbare Reaktion des NS-Regimes blieb aus. Auch nach 1945 geriet sie lange weitgehend in Vergessenheit. Erst Jahrzehnte später wurde ihre historische Bedeutung wieder stärker wahrgenommen. Wallner selbst hat diesen Aspekt wissenschaftlich unter dem Titel „Laute Predigt – leises Echo“ untersucht.
Als zentrale Botschaft des Abends blieb damit ein Satz, der weit über seinen historischen Anlass hinausweist: Memelauers Predigt war ein öffentliches Bekenntnis zur Würde jedes Menschen in einer Zeit, in der der Staat Menschen nach ihrem vermeintlichen „Wert“ einteilte. Das Dokument gilt heute als eines der bedeutenden kirchlichen Zeugnisse gegen die NS-„Euthanasie“ in Österreich.
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