21.04.2016, 09:55 Uhr

Sollen wir denn alle nehmen? Asyldiskussion in Baden

Um Angst und Mut ging es am Mittwoch Abend (20.4.) in mehrfacher Hinsicht im Kolpinghaus Baden. Die Neos und die Gruppe "Baden zeigt Herz" (im Publikum ihr Initiator ÖVP-Gemeinderat Peter Ramberger) hatten zur Diskussionsveranstaltung "Flüchtlinge in Baden - Wie weiter?" geladen. Stargast war die renommierte Journalistin Livia Klingl, die auch ihr neuestes - gar nicht gutmenschiges - Buch mit dem provokanten Titel "Wir können doch nicht alle nehmen" im Gepäck hatte.
Seit Eröffnung des Paul Weiland-Heimes (ehem. Landespflegeheim) hat die Stadt Baden ihre "Quote" erfüllt. Probleme gibt es kaum. Weder ist die Kriminalitätsrate gestiegen noch ist Baden optisch "überschwemmt" noch gibt es mehr Probleme am Arbeitsmarkt als eh schon immer.

Livia Klingl: "Wollen wir jemand, der die Erdäpfel schält?"

Dies bestätigt auch die Journalistin Livia Klingl aus persönlicher Erfahrung: "Ich wohne im 15. Bezirk in Wien, dem Bezirk mit dem höchsten Ausländeranteil und mit der niedrigsten Kaufkraft. Ich habe Null Probleme mit ausländischen Nachbarn. Ich behaupte auch nicht, dass alle Ausländer reizend sind. Auch nicht alle Flüchtlinge sind pünktlich, fleißig und charmant. Das ist so. Aber ich will pragmatisch sein: Wollen wir aussterben oder wollen wir weitermachen? Wollen wir jemanden, der in die Pensionskassen einzahlt, der die Erdäpfel schält, der die Teller wäscht, der all diese Dinge tut, die unser normales Alltagsleben lebenswert machen? Wir sollten froh sein, dass irgendjemand die Drecksarbeit macht. Man muss sie nicht lieben. Nicht giftig und gallig zu sein, das würde genügen. Aber jedes Mal wenn ich die Zeitung aufschlage, lese ich von der Flüchtlingskrise. Da bekomme ich die Krise."
Die Zahl, die Livia Klingl nennt, klingt gar nicht Angst erregend: Sie spricht von 29.000 Asylwerbern in Österreich, von denen nicht einmal 30 Prozent anerkannt werden. Sie hält im Gegenteil, in einem geburtenschwachen Land wie Österreich, Zuwanderung für nötig.

Identitäre vor Ort

Ein "Aufschrei" kommt von einem jungen Mann mit Bart aus den hinteren Reihen: "Es kommen immer mehr neue Österreicher, ab welcher Zahl müssen denn WIR uns in die neue Gesellschaft integrieren?" Der junge Mann gehört zu einer Gruppe von "Identitären", die erst vor kurzem mit ihrer Störung einer Jelinek-Aufführung im Audi Max in Wien für Aufsehen gesorgt hatten.
Von anderen Diskussionsteilnehmern wird der junge Mann in der Folge - meist provokant - als "ängstlicher junger Mann" bezeichnet. Die Stimmung unter den rund 100 Anwesenden im Saal beginnt aggressiver zu werden. Die Helfer von diversen Vereinen da, die Integrationsskeptiker dort.

Angelika Koller: "Angst ist ein starkes Gefühl - und man darf es haben"

Bis schließlich Angelika Koller (Baden zeigt Herz) sagt: "Angst ist ein starkes Gefühl, Angst zu haben ist legitim. Es geht darum, Ängste abzubauen durch ein Aufeinander-Zugehen." Sie selbst sei als Migrantin nach Österreich gekommen und sah stets eine "Verpflichtung, auf die anderen Menschen zuzugehen." Dazu gehöre Deutsch lernen ebenso wie sich für die Sitten und Gebräuche in Österreich zu interessieren. Es sei einfacher - und für die Einheimischen schneller sichtbar - wenn die Mülltrennung akzeptiert werde. Die schwierige Sprache Deutsch zu lernen dauere länger.
Thomas Sellner, ebenfalls ein Identitärer, fragt hingegen: "Warum kann am Podium keiner sitzen, der die Zuwanderung eindeutig ablehnt?" Später gibt er noch zu, wieder ein Störaktion vorbereitet zu haben. Es wurde aber darauf verzichtet, weil man immerhin in der PublikumsDiskussion zu Wort gekommen war.

Stadtpolitiker blieben fern

Von der höherrangigen Stadtpolitik wurde die Veranstaltung übrigens weitgehend ignoriert - ein Hinweis auf mangelnden Mut, Stellung zu beziehen? Im Publikum "badenzeitherz.at"-Gründer Peter Ramberger, Övp-Gemeinderat und grünen-Gemeinderat Stefan Eitler.

FPÖ: "Diskussion wurde abgewürgt"

Anwesend dagegen FPÖ-Chefin Sonja Haberhauer, die überliess FPÖ-Bezirksobmann Peter Gerstner das Wort. Beide empfanden schlussendlich die Diskussion als "zu früh abgewürgt". Peter Gerstner fragte das Podium nach "Lösungen" und war mit den Antworten unzufrieden. Von seiten der Helfer wurde betont, dass Bildungs- und Ausbildungsinitiativen gesetzt werden und dass es noch mehr Geld brauche, um die Asylwerber in jenen Bereichen - etwa der Pflege - auszubilden, wo in Zukunft großer Bedarf sein werde. "Schafft unsere Gesellschaft das nicht aus eigener Kraft mit den eigenen Leuten?" fragt sich wiederum Thomas Sellner.

Verfassungsschutz war vor Ort

Neos-Bezirkskoordinator Tobias Monte erläuterte nach der Veranstaltung, warum unterschwellig ständig eine Art Spannung zu spüren war. "Wir wussten, dass die Identitären kommen würden, und hatten eine Gegenaktion vorbereitet. Wir wollten als Antwort auf eine eventuelle Störaktion Nelken verteilen. Zum Glück ist es so weit nicht gekommen. Wir hatten aber auch jemanden vom Verfassungsschutz vor Ort." Braucht es also heute schon Mut, auch im kleinen Baden, eine derartige Veranstaltung durchzuführen?

Ängste betrafen vor allem die Zukunft, die "keiner kennt"

Wie es mit Baden und den Flüchtlingen weitergeht, darüber wurde nicht wirklich viel gesprochen. Akute Probleme scheint es nicht zu geben - abgesehen von nie genug sein könnenden finanziellen Mitteln für Dolmetscher und Deutschkurse, jedenfalls wurden keine geäußert. Fast alle Ängste, und Fragen und Sorgen betrafen einen Zeitraum in 40, 50 Jahren in die Zukunft.
Konkreteste Bitte an alle Kopieranstalten und Druckereien in der Region: Mag irgendwer kostenlos Unterrichtsmaterialien für Deutschkurse vervielfältigen? Die Neos vermitteln gerne den Kontakt: Ihr Bürgerfon ist unter 0677-61755980 montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr erreichbar.
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