07.12.2017, 10:37 Uhr

Zeitbank: Tausche Hilfe, biete Zeit

Die Zeitbank in Lengau ist eine der größten. Ihre Herausforderung: Die neue Generation ins Boot zu holen.

BEZIRK (penz). Ulrike Paul hat früher den Beruf der Schneiderin gelernt. Nun macht sie sich ihre Fähigkeiten zunutze, indem sie kleinere Näharbeiten, wie Hosen kürzen, für andere Lengauer erledigt. Dem nicht genug. Die 46-Jährige hilft ihren Nachbarn auch im Garten oder bei leichten Tätigkeiten im Haushalt. Dafür hat sie keine Anhängerkupplung und fragt nach Hilfe, wenn sie schwere Sachen transportieren muss. Leistet sie eine Stunde Arbeit oder nimmt sie eine in Anspruch, wird das auf Zeitscheinen einer ganz besonderen Bank notiert. Einer Bank, die mit dem wertvollsten Gut, das wir haben, handelt: der Zeit. Seit elf Jahren tauschen die 121 Mitglieder der "Zeitbank für Alt und Jung" in Lengau ihre Talente untereinander. Sie erarbeiten sich Zeit, verschenken Zeit, verbrauchen Zeit. Der Motor des Vereins ist Siegrid Pammer. "Es heißt ja immer, es komme die Angst vorm Alleinsein im Alter. Das muss nicht sein. Die Zeitbank ist eine perfekte Möglichkeit, einander besser kennenzulernen und neue Bekanntschaften zu finden. Hilfe in Anspruch zu nehmen und zu leisten. Außerdem ist es einfach befreiend, Gutes zu tun", zeigt sich Pammer in ihrem Element. Ulrike Paul stimmt zu: "Das Schöne ist, dass die Leut' zusammenkommen."


Sehr wenig Junge

Die Lengauer Zeitbank ist auf Gemeindeebene die größte in ganz Österreich. Über 70 Prozent der Mitglieder sind älter als 60 Jahre. Derzeit ist es Pammers Ziel, die "nächste Generation" ins Boot zu holen. "Wir brauchen wieder neue Mitglieder. Jedoch nehmen wir keinen mehr auf, der nur Hilfe in Anspruch nimmt. Wir brauchen wieder mehr Aktive", sagt sie und denkt dabei vor allem an eine Gruppe: "Lengauer, die in Pension kommen, wären ideal, da sie auch dann Zeit haben, wenn Berufstätige verhindert sind." Was nicht heißt, dass nicht auch das arbeitende Volk Mitglied werden könne. Ulrike Paul hat einen Job und trotzdem Zeit fürs etwas andere "Ehrenamt": "Man kann sich eh zusammenreden, wann's am besten passt. Wochenenden, Abende – irgendwie wird man sich immer einig. Außerdem tut's dem Verein gut, wenn auch die jüngeren Generationen miteingebunden werden." Zeitbank-Mutter Pammer ergänzt: "Es geht ja auch nicht darum, möglichst viele Stunden zu sammeln. Zwei bis drei im Monat reichen vollkommen. Das ist auch nebenberuflich möglich."

Alles kann, nichts muss

Neben Lengau und Eggelsberg hat auch Hochburg-Ach eine Zeitbank für Alt und Jung. "Uns gibt's seit 2014. Mittlerweile können wir uns über 64 Mitglieder freuen", zeigt Obmann Robert van Kann auf und möchte dem Kassier Karl-Heinz Frei danken: "Er schaut, dass alles läuft." Die Zeitbankler aus Hochburg-Ach haben eine Menge Projekte am Laufen: Einige nehmen dem Elternverband die Kinderbetreuung ab, andere beteiligten sich bei den Aufbauarbeiten für den Brückenlauf. Außerdem werden Kinderferienaktionen angeboten und von Zeitbanklern betreut. Eine weitere große Aufgabe ist die Verwaltung, Reinigung und Reparatur von Pflegebehelfen. Kurz gesagt: Es ist immer etwas los. Wobei van Kann gerne betont: "Ob im Monat eine Stunde oder zehn: Jedem ist selbst überlassen, wie viel Zeit er in den Verein steckt. Ganz nach dem Motto: alles kann, nichts muss." Robert van Kann möchte die Mitgliederzahl noch weiter ausbauen. Ein Potential sei durchaus da. "Auch jene, die meinen sie können selbst keine Hilfe mehr leisten: Zuhören, Geschichten erzählen – irgendeine Fähigkeit lässt sich bei jedem finden." Ein Mal im Monat findet ein Treffen statt, erzählt van Kann weiter, bei dem alle Mitglieder dazu eingeladen sind, zusammenzukommen. Es wird über Gemeindeneuigkeiten und Vereinstätigkeiten gesprochen. Darüber hinaus ist es eine gute Möglichkeit, die anderen Vereinsmitglieder kennenzulernen. Vor allem Neue können sich auf diesem Wege den Anderen vorstellen.

Zur Sache

Die "Zeitbank" ist ein sozialer Verein, dessen Mitglieder auf Tauschbasis kleine Dienstleistungen des Alltags ausführen. Rasen mähen, Hecken schneiden, Möbel schieben und vieles mehr kann getauscht werden. Zu unterscheiden sind die privat organisierte "Zeitbank für Alt und Jung" und der Dachverband "Zeitbank 55+".
Mehr Infos auch unter zeitbank-altjung.at.

Im Bezirk gibt es folgende Zeitbanken:

Zeitbank für Alt und Jung:
• Eggelsberg
Obfrau: Waltraut Huber
• Hochburg-Ach
Obmann: Robert van Kann
• Lengau
Obfrau: Siegrid Pammer

Zeitbank 55+:
• Burgkirchen & Mauerkirchen
Obmann: Walter Haid
• Neukirchen
Obmann: Wilfried Bresslauer
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