04.11.2016, 14:53 Uhr

Heidi – gefangen in einem Al(m)(p)traum Märchen

Paul McCarthy / Mike Kelley Edition 1992. "Redheads - Popular Figures - Howdy Doody and Buffalo Bob. Deutlich entfernt von der kindertauglichen Original-Fernsehsendung. (Foto: Paul McCarthy / Mike Kelley & Galerie Krinzinger 1992)
Wien: Galerie Krinzinger |

Erstaunliche Editionen von US-Kunststars wie Paul McCarthy, Mike Kelley, Raymond Pettibon bei Krinzinger

Die kleine süße Heidi aus den Bergen, wie wir sie kennen und lieben, zeigt im Künstler-Video von Paul McCarthy und Mike Kelley ein ganz neues Gesicht. Entstanden im Jahr 1992, bei einer Performance in der Wiener Galerie Krinzinger, sieht man das Mädchen mit Popstar-Madonna-Maske beim anzüglichen Herumtollen mit dem nicht allzu schönen Ziegen-Peter. Mag sein, dass der Name Ziegen-Peters eher vom Rammeln als vom Hüten der Tiere stammt.

Entartet und krank – Klara ein Opfer von Adolf Loos


Klara, das arme Ding aus Frankfurt (Metropolis à la Fritz Lang) trägt ein Gesicht nach einem Gemälde von Otto Dix. Entartet sei sie, genauso wie Dix der bei den Nazis als entartet galt, da sie ein Mensch mit Behinderung ist. Und warum das Ganze? Adolf Loos schrieb über „Ornament und Verbrechen“ – Das Umfeld Heidis, die Bauernstube, die Tracht, alles ornamental und als Kind naturgemäß unbedarft was Sexualität angeht. Klara ist aber selber personifiziertes Opfer von Loos. Sie muss in einer von Loos entworfenen Wohnung leben. Kein Wunder wird auch die lebensfrohe Heidi nach der Zwangsverfrachtung in diese moderne und kalte Wohn-Hölle krank. Doch Hilfe naht, der Umzug zum schrulligen Großvater naht. Klara wird intensiv betreut nach ihrer Reise in al(m)(p)traumhafte Bergwelt. So scheißt sie staunenswerter Weise eine echte Wurst. Kinder von heute haben bestimmt schon mehr gesehen, oder freuen sich auch daran – geschreckt hat das bisher kaum einen.

1992 – "LAX" - die Ausstellung zur jungen Kunst aus Los Angeles

Was uns Krinzinger präsentiert ist gewissermaßen eine Retrospektive mit Editionen zur sensationellen und medial weltweit beachteten Ausstellung „LAX – Künstler aus Los Angeles“ aus den 90er Jahren. Der Galeristin Ursula Krinzinger gelang es damals, nach jahrelanger Vorarbeit diese Ausstellung junger Künstler wie Chris Burden, Mike Kelley, Paul McCarthy, Nancy Rubins, Jim Shaw, Benjamin Weissman und Jeffrey Vallance nach Wien zu holen.

Wien als Inspiration

Ihr Aufenthalt in Wien war Anlass zur Edition, die sich schlicht „LAX“ nennt. Paul McCarthy und Mike Kelley produzierten das skandalöse Video. McCarthy ergänzte das bunte Treiben am Berge durch ein Siebdruck-Künstlerbuch in schwarz-weiß.
Zusätzlich entstand der großformatige Offset-Druck „Popular Figures, Howdy Doody and Buffalo Bob“ der eine polarisierende und ergreifende Western-Marionette sowie eine groteske rothaarige Mumie zeigt. Das schauerliche Gespann wirkt intensiv durch die Farbkombination und spielt auf eine US-Kinder-Fernsehsendung der 1940er Jahre an. Die Mumie ist tätowiert, nach Loos also ein ehemaliger Verbrecher oder ein degenerierter Adeliger. Gilt wohl auch für Frauen. Hier wird die Konsumwelt Amerikas in Pop-Art-Manier hinterfragt.

Die süße Torte des Grauens

Nancy Rubins ließ sich von den bekannten Kaffeehäusern der Stadt zu ihren, im wahrsten Sinne des Wortes: „Tortenbildern“ inspirieren. Die 1992er-Torten, gerahmt hinter Glas, erinnern an diesen süßen Aufenthalt. Für Rubins ist die Torte ein symbolhaftes Zeichen für die höchste Stufe der Zivilisation, gereicht zu festlichen Anlässen, höchst dekorativ, vergeht sie so schnell wie ein süßer Traum. Erstaunlich, wie faszinierend das bröselige und kaum mehr identifizierbare Backwerk auf den Betrachter wirkt. Fast jeder Besucher, so die Galerie, hat etwas zu diesem polarisierenden süßen Stück zu sagen. Sei es ein leichtes Grauen oder Lust auf einen Kaffeehaus-Besuch, jeder wie er will.

Ein heiliges Tuch als Edition – Veronika und „das Geheimnis des Glaubens“

Derweil erlag Jeffrey Vallance dem Charme und Pathos der langen Historie, dem Katholizismus und der Schatzkammer der österreichischen Monarchie. Basierend auf einer Legende um die Heilige Veronika entstand ein Siebdruck / Abdruck des Gesichtes höchstderselben (oder von sich selbst). Ein wahres „vera icon“ auf zartem Stoff. Manche Heilige haben nach zusammenzählen aller Skelett-Teile nun einmal drei Köpfe und fünf Arme, was ein Papst im 15. Jahrhundert zu unterbinden versuchte, hier gibt es eben einige Schweißtücher, ganz im demokratischen Sinne einer Edition. Die ganze Geschichte rund um die Heilige und das Tuch ist natürlich komplett erfunden, doch wen stört das schon. Die Wirkkraft des Tuches ist eben „Geheimnis des Glaubens“.

No way out – immer 69 auf der Uhr

Lari Pittman designte einen Zeitmesser der Fragen aufwirft, so zeigt sie den Satz „This way out“ und als Ziffern nur die 69 an.

Raymond Pettibon’s flammendes Herz der Hoffnung

Raymond Pettibon, der große Grafiker der Comic-Art, ist mit zwei hochwertigen Radierungen, einem roten Herz und einem Kapuzen-Männchen in der Edition vertreten. Pettibon kombiniert wie so gerne handschriftlichen Text und Grafik miteinander. Im Museum der Moderne in Salzburg wird Raymond Pettibon im November mit einer Ausstellung gewürdigt.

Komischer Künstler trifft Komiker „Gleason meets Dalí“

Benjamin Weissman und Jim Shaw arbeiteten ebenfalls zusammen und ließen grafisch Salvador Dalí und den Komiker Gleason zusammentreffen, in deren Hintergrund sich dem Betrachter eine weitere Ebene eröffnet.

Burdens Brücken – mehr als ein Kinder-Spielzeug

Chris Burden, von dem keine Sonder-Edition entstand, präsentiert Krinzinger ergänzend Druckgrafiken einer Brücke, ein Bausatz sowie ein Künstlerbuch. Burden war stets begeistert vom Bauen der „verbindenden, kraftvollen“ Brücken. Zum Teil ließ er auch die Modelle in groß nachbauen.

Junge LA-Kunst setzt sich durch – die Ausstellung wird zur Kunstgeschichte

Fest steht, was damals noch junge Kunst war, ist mittlerweile anerkannter Bestandteil der Kunstgeschichte. Nicht umsonst kommen daher zahlreiche Besucher wie Studenten, Lehrende und Künstler dieser Tage in die Galerie um die viel zitierte „Heidi“-Performance intensiv kennenzulernen beziehungsweise wiederzu entdecken. Krinzinger selbst möchte die Ausstellung als Pendant zur aktuellen Ausstellung "Jannis Varelas" verstanden haben, da dieser auch in Los Angeles wohnhaft ist. Die Galeristin macht daher auf die vorbildhafte Wirkung der Editions-Künstler aufmerksam.

Info

Die Ausstellung dauert noch bis zum 19. November 2016
Öffnungszeiten Dienstag bis Freitag von 12-18 Uhr und SA von 11-16 Uhr

Mehr zur Ausstellung und den Editionen finden Sie hier!
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