Jugendliche und Krankenhaus
Drogenkonsum: “Wenn schon, dann die ganze Bandbreite”
- In Tiroler Kliniken und Einrichtungen werden zunehmend junge Patientinnen und Patienten mit komplexem Substanzkonsum behandelt. Fachkräfte berichten von Mischintoxikationen und einer wachsenden Bedeutung sozialer und struktureller Faktoren im Hintergrund
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In Tiroler Kliniken, Krankenhäuser und verschiedene Einrichtungen werden zunehmend junge Patientinnen und Patienten mit komplexen Drogenintoxikationen behandelt. Fachkräfte berichten gegenüber MeinBezirk von Mischkonsum, frühen Konsummustern und sozialen Dynamiken rund um die Szene – das Land verweist auf Ausbau von Versorgung und Prävention.
TIROL. Breites Spektrum. „Wir haben kaum Jugendliche, die mit ein oder zwei Drogen zu uns kommen“, heißt es aus der Praxis. „Die meisten weisen schon eine ganze Reihe an Drogen auf.“ – darunter Heroin, Kokain, Opiate sowie Medikamente wie Lyrica. Das berichtet eine Person aus dem Gesundheitsbereich im Gespräch mit MeinBezirk. Die Quelle möchte anonym bleiben. „Wenn schon, dann die ganze Bandbreite“, so die Einschätzung zum Konsum weiter.
Klinische Daten: 68 stationäre Fälle in vier Monaten
Offizielle Zahlen aus der Klinik Innsbruck und dem Landeskrankenhaus Hall zeigen für den Zeitraum 1. Jänner bis 30. April insgesamt 68 stationäre Aufnahmen aufgrund von Drogenintoxikationen. Davon waren 22 Patientinnen und 46 Patienten betroffen. 29 Fälle entfielen auf die Altersgruppe 0 bis 19 Jahre, 39 auf die Altersgruppe 20 bis 29 Jahre. In 49 Fällen lag eine Mischintoxikation oder eine Intoxikation mit unbekannten Substanzen vor.
Die Kliniken weisen darauf hin, dass diese Zahlen nur Fälle erfassen, in denen die Intoxikation die Hauptdiagnose war. Fälle, in denen Substanzkonsum als Nebendiagnose festgestellt wurde – etwa bei anderen akuten Erkrankungen – sind nicht enthalten. Die tatsächliche Zahl der behandelten Personen mit Drogenbezug liege somit wohl höher.
Gruppendynamik und soziale Netzwerke
Fachkräfte verweisen zusätzlich auf soziale Dynamiken innerhalb der Szene. Zwar gebe es zahlreiche Beratungsstellen und Unterkünfte für Jugendliche, doch genau dort entstünden teilweise neue Kontakte und Netzwerke zwischen Betroffenen, hieß es gegenüber der Redaktion weiter. Diese Aussage könne auch durch weitere Stimme aus dem Gesunheitswesen bekräftigt werden. Rund 20 bis 30 Jugendliche würden laut Einschätzung regelmäßig in einschlägigen Notaufnahmen auftauchen und sich untereinander kennen. Diese Gruppen seien sozial heterogen, entwickelten aber über gemeinsame Aufenthalte und Einrichtungen stabile Verbindungen zueinander.
„Es ist ganz viel Gruppendynamik dabei“, heißt es aus der Praxis. Jugendliche würden sich gegenseitig auch unterstützen, etwa bei Entzugsphasen, gleichzeitig könne daraus auch eine Verstärkung von Konsummustern entstehen. Hinzu komme eine schnelle digitale Vernetzung, etwa über Messenger-Gruppen.
Ursachen: komplexe Lebenslagen
Die Ursachen für problematischen Konsum seien laut Fachkräften vielschichtig. Häufig genannt werden familiäre Konflikte, Gewalt- oder Missbrauchserfahrungen, fehlende Bezugssysteme sowie schulische Probleme. Betroffen seien Jugendliche aus allen sozialen Schichten. Erste Warnzeichen könnten unter anderem ein abrupter Freundeskreiswechsel oder sozialer Rückzug sein. Eine sichere Früherkennung für diese Problemlage gebe es jedoch nicht, betont man weiter.
„Viele wurden emotional vernachlässigt“, so die Einschätzung aus der Praxis. Entscheidend sei, stabile Beziehungen aufrechtzuerhalten und den Kontakt zu den Jugendlichen nicht abbrechen zu lassen.
Land Tirol: Ausbau von Versorgung und Prävention
Das Land Tirol verweist auf einen insgesamt steigenden Bedarf in der Versorgung psychischer Erkrankungen, insbesondere im Bereich Suchterkrankungen. Für suchtgefährdete Kinder und Jugendliche seien in den vergangenen Jahren bestehende Hilfsangebote ausgebaut und neue Strukturen geschaffen worden, etwa spezialisierte Wohngemeinschaften sowie Angebote der Kinder- und Jugendpsychiatrie wie Home Treatment.
Hochriskant konsumierende Minderjährige befänden sich laut Land häufig in komplexen psychosozialen Problemlagen. Neben instabilen Bezugssystemen und Belastungen spielten auch psychische Erkrankungen eine zentrale Rolle. Der Konsum werde dabei als Bewältigungsstrategie verstanden. Für besonders junge Betroffene unter 14 Jahren würden aktuell zusätzliche intensiv betreute Plätze geschaffen.
- "Das Land Tirol steht in einem laufenden, intensiven Austausch mit FachexpertInnen aus unterschiedlichen Bereichen. Eine wichtige Rolle kommt dabei der Arbeitsgruppe „Unterstützung für suchtgefährdete Minderjährige“ des Beirats für psychosoziale Versorgung zu, deren fachliche Einschätzungen und Empfehlungen regelmäßig in die Versorgungs- und Unterstützungsangebote einfließen.", betont LRin Pawlata.
- Foto: Land Tirol/Steinlechner
- hochgeladen von Florian Haun
Zur strategischen Weiterentwicklung verweist das Land auf den Regionalen Strukturplan Gesundheit 2030 sowie den Bedarfs- und Entwicklungsplan „Psychosoziale Gesundheit“. Diese sollen die Versorgungsstrukturen langfristig ausbauen und stärken. Ergänzend bildet das Tiroler Suchtkonzept 2022–2032 die Grundlage für Prävention und Angebotsentwicklung.
Im Bereich Daten setzt das Land auf laufenden Austausch mit Fachexpertinnen und Fachexperten, insbesondere im Rahmen einer Arbeitsgruppe zur Unterstützung suchtgefährdeter Minderjähriger.
Hilfsangebote für Betroffene
Im Präventionsbereich verweist das Land auf Einrichtungen wie die Drogenarbeit Z6, die Beratung, mobile Arbeit und Sprechstunden für Jugendliche anbietet. Ergänzt wurde das Angebot in den vergangenen Jahren durch Drug-Checking und weitere niederschwellige Zugänge. Für 2025 werden Suchtpräventionsmaßnahmen verschiedener Träger in Tirol mit rund drei Millionen Euro gefördert. Ziel sei ein breites Netzwerk aus Schule, Familie, Jugendarbeit und medizinischer Versorgung. Eine von vielen Anlaufstellen ist kontakt&co vom Jugendrotkreuz. Dort betont man:
Sucht beginnt im Alltag. Suchtprävention auch. Ein möglichst gutes Leben in einer möglichst guten Gemeinschaft schützt vor Erkrankungen, auch vor Suchterkrankungen. Wir alle können unsere Beiträge leisten, um gut auf uns und einander zu schauen. Verständnisvolle und respektvolle Gespräche, eine freudvolle gemeinsame Zeit und aktive und kreative Tätigkeiten helfen dabei, halbwegs gut durchs Leben zu kommen.
Die Suchtprävention stellt für unterschiedliche Altersgruppen und Lebensbereiche – etwa Schule, Beruf, Familie, Einrichtungen, Vereine und Gemeinden – entsprechende Programme und Angebote zur Verfügung.
Übergang ins Erwachsenenalter als Bruchstelle
Besonders kritisch wird der Übergang ins Erwachsenenalter in der Praxis beschrieben. Viele Unterstützungsangebote enden mit 18 Jahren. Danach fehlen häufig strukturierte Anschlussangebote, was zu Brüchen in der Betreuung führen könne. Für einige Betroffene bleibe dann nur der Weg in Obdachloseneinrichtungen oder instabile Lebensverhältnisse, so die Einschätzung aus dem Fachbereich.
Hier findest du die wichtigsten Anlaufstellen
🔹 Suchthilfe Tirol
📞 0512 580 080
🌐 www.suchthilfe.tirol
🔹 Drogenarbeit Z6
📞 0699 13143316
🌐 www.drogenarbeitz6.at
🔹 kontakt&co Suchtprävention
📞 0512 58 57 30
🌐 www.kontaktco.at
🔹 Rat auf Draht (rund um die Uhr)
📞 147
🔹 Telefonseelsorge
📞 142
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