Amoklauf in Annaberg: "Wir müssen damit leben"

In Gedenken an die Polizisten Johann Ecker, Manfred Daurer und Roman Baumgartner sowie den Rettungssanitäter Johann Dorfwirth.
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  • In Gedenken an die Polizisten Johann Ecker, Manfred Daurer und Roman Baumgartner sowie den Rettungssanitäter Johann Dorfwirth.
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MOSTVIERTEL (miha). "Die Zeit heilt alle Wunden. Ich hasse diesen Satz." Johann Baumschlager wirkt auch fünf Jahre nach den Mehrfachmorden in Annaberg (Bezirk Lilienfeld) noch sichtlich angeschlagen. Der Chefinspektor und Pressesprecher der Landespolizeidirektion Niederösterreich (LPD NÖ) sitzt an seinem Schreibtisch in der Neuen Herrengasse 15 in St. Pölten. Vor ihm liegt ein prall gefüllter schwarzer Dokumentenordner mit der Aufschrift Annaberg. "Ist es in Ordnung, wenn ich eine rauche?"
Die Erinnerungen an den 17. September 2013 muss sich der erfahrene Polizist nicht erst aus dem Gedächtnis hervorrufen. "Sie sind nach wie vor präsent – bei jedem von uns", so Baumschlager. Im Eingangsbereich der LPD NÖ hängt eine Gedenktafel mit den Namen der im Einsatz verstorbenen Kollegen. An unterster Stelle liest man "Johann Ecker" und "Manfred Daurer". Neben dem Cobra-Beamten Roman Baumgartner sind es die bis dato letzten umgekommenen Polizisten des Landesreviers.

Vom Wilderer zum Mörder

"Wir haben an jenem Tag nicht nur Kollegen verloren, sondern Freunde", erzählt Baumschlager, der selbst zwei von den drei ermordeten Polizisten persönlich kannte. "Mit einem war ich immer gemeinsam bei Fußballspielen im Einsatz. Er stand neben mir in der Reihe." Die starre Mine des Pressesprechers lässt erahnen, wie tief die Schreckenstat von Alois Huber noch heute in ihm sitzt. "Wir waren auf der Jagd nach einem Wilderer. Niemand hat nur im Entferntesten damit gerechnet, dass wir es mit einem Mörder zu tun bekommen werden."
Die Tage und Wochen nach dem Amoklauf waren laut Baumschlager für alle am Einsatz beteiligten Polizisten extrem belastend – auch für ihn selbst. "Ich habe 1.400 Telefonate und 58 TV-Interviews, 14 davon live, binnen sechs Wochen geführt. Bei jedem einzelnen Gespräch musste ich das Thema neu durchleben", so der Chefinspektor.
Geholfen das Geschehene zu verarbeiten, hat Baumschlager und seinen Kollegen der "Peer Support" (Psychologischer Dienst des Bundesministerium für Inneres, Anm.). "Wir Polizisten sind genauso Menschen mit einem Herz und einer Seele. Das Reden und der gegenseitige Austausch über das Erlebte waren sehr wichtig für uns und sind nach wie vor bei Einsatztrainings und Schulungen Thema", sagt Baumschlager fast dankend. "Aber die Wunden sind da. Und die werden auch bleiben."

"Er wollte nur helfen"

Auch in der Gemeinde Annaberg sind die Wunden von damals heute noch gut sichtbar. Gedenkkreuze sowie ein großer Gedenkstein zeugen von dem brutalen Amoklauf, der wohl niemals zu begreifen sein wird.
"Wir müssen als Gemeinde damit leben", sagt Petra Zeh, Bürgermeisterin von Annaberg. "Es ist jetzt ein Teil unserer Geschichte." Die Ereignisse von vor fünf Jahren sind der Politikerin noch bestens in Erinnerung, allem voran das traurige Schicksal des ermordeten Rotkreuz-Rettungssanitäters und beliebten Gemeindebürgers Johann Dorfwirth. "Alles, was er wollte, war dem angeschossenen Polizisten zu helfen", erzählt Zeh. "Man hat sogar versucht, ihn zurückzuhalten. Aber das kam für ihn nicht infrage. Niemand hat mit so etwas Schlimmen gerechnet."
Die erste Zeit nach dem Amoklauf war laut Zeh eine sehr schwierige für die beschauliche 600-Einwohner-Gemeinde. "Auf einmal war unser sonst so schönes und sicher geglaubtes Zuhause zerstört. Die Grundgeborgenheit war mit einem Schlag weg", erinnert sich Zeh. "Die Trauer, der Schock und auch die Angst waren plötzlich allgegenwärtig."
Gedenkgottesdienste, Trauerfeiern und Andachten prägten im Folgejahr das Gemeindeleben. "Es war ein Trauerjahr für uns alle", so die Bürgermeisterin, die trotz allem versucht, nach vorne zu schauen. "Man darf in der Traurigkeit nicht hängen bleiben, sondern muss versuchen, dem Leben wieder eine Normalität zu geben", meint Zeh. "Alleine den Familien der Opfer zuliebe."

Zum Gedenken vereint

Auch am 17. September 2018 werden sich am Gedenkstein in Lassingrotte (Ortsteil von Annaberg) wieder Polizisten, Rettungssanitäter und Familienangehörige, zusammen mit der Bevölkerung von Annaberg, versammeln, um gemeinsam zu trauern und den vier Opfern des Amoklaufs zu gedenken.
"Er (Alois Huber, Anm.) hat Kollegen, Freunde und Familienväter getötet", sagt Baumschlager mit fester Stimme. "Wir werden sie nicht vergessen lassen. Auch nicht fünf Jahre danach."
Petra Zeh ergänzt: "Auch wenn die Zeit, die Wunden nicht heilen kann, so hilft sie doch, das Geschehene erträglicher zu machen."

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Rückblick: 24 Stunden im Bann der Angst – was am 17. September 2013 passierte

• Es ist kurz nach Mitternacht, als der 55-jährige Alois Huber eine Straßensperre der Polizei-Sondereinheit Cobra – errichtet für die Jagd nach einem bis dato unbekannten Wilderers – auf der L101 zwischen St. Aegyd am Neuwalde und Annaberg mit seinem Fahrzeug durchbricht. Der Flüchtige rast in Richtung Äußere Schmelz (Ortsteil von Annaberg), rammt einen Zaun und schießt auf seine Verfolger. Der Cobra-Beamte Roman Baumgartner (38 Jahre) wird dabei getroffen und erliegt seinen Verletzungen wenig später. Alois Huber verlässt seinen Wagen und flüchtet zu Fuß in ein nahegelegenes Sägewerk.

• Kurze Zeit später rückt das Rote Kreuz Annaberg – unter Polizeischutz – mit dem Sanitäter Johann Dorfwirth (70 Jahre) aus. Aus einem Hinterhalt eröffnet Alois Huber das Feuer und verletzt einen Polizeibeamten an der Hand. Der ihm zu Hilfe eilende Dorfwirth wird ebenfalls getroffen und dabei tödlich verletzt. Huber flüchtet weiter zu Fuß in ein angrenzendes Waldstück.

• In der Zwischenzeit hat sich beim zwei Kilometer entfernten Lassinghof eine Polizeistreife, besetzt mit Johann Ecker (51 Jahre) und Manfred Daurer (44 Jahre), positioniert. Der Flüchtige Huber eröffnet erneut aus dem Hinterhalt das Feuer und trifft beide Polizeibeamten tödlich. Anschließend flieht er – selbst durch eine Kugel getroffen und verletzt – mit dem Polizeifahrzeug, in dem sich noch der getötete Daurer befindet, zu seinem bäuerlichen Anwesen in das rund 60 Kilometer entfernte Großpriel. Gegen vier Uhr früh wird sein Aufenthaltsort von der Polizei lokalisiert. Der Hof wird von der Cobra umstellt.

• Am frühen Nachmittag rücken drei Panzer des Bundesheeres an, Polizei-Hubschrauber kreisen über Goßpriel. Huber schießt immer wieder aus seinem Hof auf die heranrückenden Polizisten. In einer Garage am Anwesen wird die Leiche von Manfred Daurer entdeckt.

• Gegen 18 Uhr beginnt der Zugriff auf den Bauernhof. Mehre Stunden lang wird das Gelände durchkämmt. Kurz nach Mitternacht – 24 Stunden nach Beginn der Bluttat – findet man in einem noch brennenden Geheimraum des Hofes die bereits verkohlte Leiche von Alois Huber. Laut Obduktion hat sich Huber per Kopfschuss selbst gerichtet.

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