Rekordwert bei kranken Arbeitnehmern im Dienst
Fast drei Viertel arbeiten trotz Krankheit
- AK-Präsident Andreas Stangl (r.) und Dennis Tamesberger, Abteilung Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftspolitik.
- Foto: AK OÖ/Wolfgang Spitzbart
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Während die Krankenstandstage in Österreich sinken, arbeiten immer mehr Menschen trotz gesundheitlicher Beschwerden. Das zeigt eine aktuelle Analyse der Arbeiterkammer Oberösterreich, die am Freitag präsentiert wurde. Fast drei Viertel der oberösterreichischen Beschäftigten gingen 2025 krank zur Arbeit – ein historischer Höchstwert.
OÖ. 72 Prozent der Arbeitnehmer in Oberösterreich haben in den vergangenen sechs Monaten trotz Krankheit gearbeitet. Damit liegt das Bundesland sieben Prozentpunkte über dem österreichischen Durchschnitt von 65 Prozent. Zum Vergleich: 2015 betrug dieser Anteil noch rund 30 Prozent, bis 2020 stieg er auf über 50 Prozent.
Junge Frauen besonders betroffen
Frauen arbeiten mit 75 Prozent häufiger krank als Männer mit 70 Prozent. Besonders ausgeprägt ist das Phänomen bei jüngeren Arbeitnehmern: In den Altersgruppen zwischen 16 und 35 Jahren gehen jeweils 79 Prozent trotz gesundheitlicher Einschränkungen arbeiten. Eine Rolle spielt auch die Möglichkeit im Homeoffice trotz gesundheitlicher Probleme arbeiten zu können: Blickt man nur auf jene, die die Möglichkeit dazu haben, so arbeiten 76 Prozent, auch wenn sie angeschlagen sind. Den Spitzenwert insgesamt erreichen junge Frauen zwischen 16 und 25 Jahren mit 93 Prozent.
Pflichtgefühl und Existenzängste als Treiber
Die Gründe für das Arbeiten trotz Krankheit sind vielfältig. 57 Prozent der Betroffenen nennen das Pflichtgefühl gegenüber Kollegen als Hauptmotiv. 41 Prozent befürchten, dass die Arbeit sonst liegen bleibt, 31 Prozent hatten keine Vertretung. Doch auch Ängste spielen eine Rolle: 13 Prozent fürchten ein schlechtes Arbeitsklima, elf Prozent Unmut oder Ermahnung durch Vorgesetzte, acht Prozent haben Angst vor einer Kündigung. Der Zusammenhang mit Arbeitsbelastung ist evident: 94 Prozent der Personen, die sich durch Arbeitsdruck stark belastet fühlen, gehen krank zur Arbeit. Bei Beschäftigten ohne oder mit geringer Belastung liegt dieser Anteil bei 66 Prozent. Mehr als ein Viertel der Arbeitnehmer fühlt sich durch Zeitdruck belastet, mehr als ein Fünftel durch Arbeitsdruck.
Gesundheitliche Folgen nicht zu unterschätzen
Die Konsequenzen des Präsentismus sind erheblich: 45 Prozent der Betroffenen berichten von häufiger Müdigkeit und Abgeschlagenheit, 29 Prozent waren unkonzentriert bei der Arbeit, 22 Prozent waren länger krank als nötig. 13 Prozent erlitten einen Rückfall, zehn Prozent entwickelten später stärkere gesundheitliche Probleme.
Besonders deutlich zeigen sich die Auswirkungen bei der psychischen Gesundheit: Rund 80 Prozent der stark durch Arbeitsdruck Belasteten leiden unter depressiven Beschwerden, während dieser Anteil bei Menschen ohne Arbeitsdruck bei 32 Prozent liegt.
Große Unterschiede zwischen Branchen bei Krankenstandstagen
Gleichzeitig verzeichnet Österreich einen Rückgang bei den Krankenstandstagen. 2025 lag die durchschnittliche Dauer bei 14,7 Tagen pro Arbeitnehmer, nach 15,4 Tagen in den Jahren 2022 und 2023. In Oberösterreich betrug der Wert 15,4 Tage bei ÖGK-Versicherten. Die Krankenstandsdauer variiert stark nach Wirtschaftszweigen. Die höchsten Werte weist die Arbeitskräfteüberlassung mit durchschnittlich 21 Tagen auf, gefolgt von Post-, Kurier- und Expressdiensten mit 20,7 Tagen. In der Wasserversorgung sowie Abwasser- und Abfallentsorgung waren es 18,7 Tage, im Bergbau 17,3 Tage. Die öffentliche Verwaltung verzeichnete 19,7 Krankenstandstage, was die Arbeiterkammer mit dem höheren Durchschnittsalter der Beschäftigten erklärt.
„Es sind dieselben Wirtschaftsbund-Funktionäre, die auf der einen Seite einen Mangel bei der Kassenarztversorgung produzieren und auf der anderen Seite eine Verschlechterung bei der Entgeltfortzahlung fordern.“
Andreas Stangl, AK OÖ-Präsident
Die Forderungen der Arbeiterkammer OÖ
Die aus Sicht der AK teils dramatisch langen Wartezeiten auf Leistungen der öffentlichen Gesundheitsversorgung in sämtlichen Bereichen sollen deutlich verkürzt werden. Auch bei geplanten Operationen brauche es eine faire und transparente Terminvergabe, die niemanden benachteilige. Im Krankheitsfall dürfe es keinerlei Verschlechterungen bei der Entgeltfortzahlung geben. Überlegungen, die ersten Krankenstandstage als unbezahlte Urlaubstage oder Karenztage zu deklarieren, weist die Arbeiterkammer entschieden zurück. Stattdessen fordert sie einen wirksamen Kündigungsschutz während des Krankenstandes, damit Beschäftigte nicht zusätzlich unter Druck geraten. Darüber hinaus seien verstärkte Investitionen in Prävention und betriebliche Gesundheitsförderung notwendig. Strukturelle Maßnahmen wie eine ausreichende Personalausstattung im Gesundheitswesen seien dabei unverzichtbar, um die Versorgungsqualität nachhaltig zu sichern.
Misstrauen unter Arbeitnehmer:innen
Die Wirtschaftskammer OÖ (WKOÖ) kontert mit einer aktuellen Befragung von Arbeitnehmern zum Thema Krankenstand. Demnach geben 38 Prozent der Arbeitnehmer an, dass Kollegen Krankenstände „missbräuchlich nutzen“. In diesem Misstrauen innerhalb der Arbeitnehmerschaft sieht die WKOÖ ihre Forderung nach einem „Kontrollorgan gegen Krankenstandsmissbrauch“ bestätigt. Im vergangenen Jahr mussten die österreichischen Unternehmen laut WKOÖ in 5,9 Millionen Krankenstandsfällen – daraus resultieren in Summe 54 Millionen Krankenstandstage – Entgeltfortzahlungskosten in Höhe von 4,8 Milliarden stemmen.
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