Studie präsentiert
Politik und Landwirte sagen dem Wolf den Kampf an

Prof. Dr. Klaus Hackländer nannte die wichtigsten Ergebnisse aus der Studie: "Der Wolf ist wieder Realtität, ob es den Leuten schmeckt oder nicht."
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Zunächst sachlich, später doch aufgeheizt war die Stimmung bei der Präsentation einer neuen Studie zur Zukunft von "Almwirtschaft und Wolf" in Pfarrwerfen. Fakt ist: Der Wolf ist wieder da und breitet sich aus, die Politik kämpft um eine Lockerung des Schutzstatus.

PFARRWERFEN, SALZBURG (aho). Wie sehr die Bevölkerung das Thema Wolf beschäftigt, zeigte der aus allen Nähten platzende Festsaal in Pfarrwerfen bei der Präsentation einer neuen Studie mit anschließender Diskussion zum Thema "Die Almwirtschaft und der Wolf": Für viele der Gäste – es handelte sich fast ausschließlich um Wolfsgegner – blieben nur mehr Stehplätze übrig.

Wolf ist wieder Realität

Mindestens 20.000 Wölfe gibt es derzeit wieder in Europa. Weil die Wolfspopulation jährlich um 30 bis 40 Prozent steigt, haben Österreichs Agrarlandesräte die Auswirkungen von rückkehrenden Wölfen beleuchten lassen, die in einer Studie der Universität für Bodenkultur (BOKU) nun veröffentlicht wurden. Prof. Dr. Klaus Hackländer stellte die wichtigsten Ergebnisse vor und legte sich gleich fest:

"Der Wolf ist wieder Realität und wird es auch bleiben, ob es den Leuten schmeckt oder nicht." (Prof. Dr. Klaus Hackländer)

Laut Hackländer führen Wölfe – in 15 Jahren könnten es bis zu 500 in Österreich sein – zwangsläufig zu einem Systemwechsel in der Kulturlandschaft, aber auch der Wolf müsse in seine Schranken gewiesen werden: "Die Politik ist gefordert, den Herdenschutz zu finanzieren und Rahmenbedingungen novellieren zu lassen. Der Wolf ist nicht mehr oder weniger wert wie eine Gams oder ein Hirsch."

Mehrkosten individuell zu berechnen

In seiner Präsentation ging der Forscher auf verschiedene Auswirkungen ein und nannte für die Agrarwirtschaft explizite Beispiele. Die Mehrkosten für den Herdenschutz seien, abhängig von Futterfläche, Topografie, Erreichbarkeit und Infrastruktur, für jede Alm individuell zu berechnen, die Differenzkosten liegen zwischen 150 und 540 Euro pro Großvieheinheit bzw. zwischen 40 und 105 Euro pro Hektar Almfläche. Im Bereich Freizeit und Erholung brachte die Studie hervor, dass die Mehrheit der österreichischen Wanderer nichts gegen eine Bewaldung der Almflächen hätte und sich deren Bergnutzungsverhalten nicht ändern würde, wenn Wölfe auftreten. "Sollten die restlichen Wanderer aber künftig Wolfgebiete meiden, fehlen den Regionen insgesamt 2,6 Prozent der derzeitigen Einnahmen."

"In Österreich werden jährlich 460.000 Nutztiere gealpt. Die Prävention ist effektiv, aber teuer und nicht flächendeckend möglich. Es fehlt an gut ausgebildeten Schäfern und entsprechenden Hunden." (Prof. Dr. Klaus Hackländer)

Schutzmaßnahmen nicht verhältnismäßig

Wolfsbeauftragter Hubert Stock will der Realität ins Auge sehen: "Wenn wir sagen, wir halten Salzburg wolfsfrei, wäre das eine Lüge."
  • Wolfsbeauftragter Hubert Stock will der Realität ins Auge sehen: "Wenn wir sagen, wir halten Salzburg wolfsfrei, wäre das eine Lüge."
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Hubert Stock, Wolfsbeauftragter des Landes, berichtete, dass Bauern bereits 50.000 Euro investiert haben, jedoch nicht im Almbereich, sondern im Hofbereich, weil die Zäunung auf Almen nicht möglich sei: "Auch in der Schweiz, die immer wieder als Vorbild genannt wird, funktioniert das nicht", sagt Stock. Den Bauern gehe es nicht um Entschädigung, sondern um die gesamte Problematik: "Herdenschutzmaßnahmen müssen zumutbar und verhältnismäßig sein – finanziell und arbeitszeitlich."

"Wir haben weder eine Ausbildung für Almhirten, noch eine Zucht für Herdenschutzhunde. Das müsste im großen Rahmen geschaffen werden." (Wolfsbeauftragter Hubert Stock)

Warum die Freigabe zur Entnahme des Problemwolfs so lang dauert, begründete Stock mit einem Präzedenzfall in Österreich, der von den Behörden genauestens geprüft wird. Er weiß aber auch: "Der Managementplan ist eine kurzfristige Lösung, die langfristige Lösung muss sicher anders ausschauen. Man muss Mittel finden, um das ganze für die Landwirtschaft verträglich zu lenken."

Tofernalm macht betroffen

Gerhard Huttegger erntete für seinen Vortrag über die Vorfälle im Bereich Tofernalm viel Applaus. Er selbst musste einmal kurz innehalten, als er das Geschehene der letzten Monate reflektierte.
  • Gerhard Huttegger erntete für seinen Vortrag über die Vorfälle im Bereich Tofernalm viel Applaus. Er selbst musste einmal kurz innehalten, als er das Geschehene der letzten Monate reflektierte.
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Emotional gezeichnet war Gerhard Huttegger, Obmann der Agrargemeinschaft Tofernalm, als er von den Vorfällen im Großarltal und Gasteinertal berichtete. Die Bilanz: 35 tote und 40 vermisste Schafe, drei gerissene und zwei unauffindbare Rinder, ein zu Tode gehetztes Rind. Die Folgen: Muttertiere, die stressbedingt Kälber verlieren, durch Zäune getriebene Tiere, verstörte Herden, Rinder, die sich Beine brechen, verzweifelte Hirten, verunsicherte Bauern. Huttegger fordert klar Weideschutzgebiete:

"Auch unsere Kinder wollen das kostbare Landwirtschafts- und Kulturgut Almwirtschaft später noch erleben." (Gerhard Huttegger, Obmann Agrargemeinschaft Tofernalm)

Seine Schilderungen samt Bildern der Wolfsrisse führten zu Betroffenheit unter allen Anwesenden, die ihm tosenden Applaus spendeten.


Schwaiger: "Müssen Schutz-Regime lockern"

Landesrat Josef Schwaiger: "Das wird ein entscheidender Moment, wenn der erste Wolf zum Abschuss freigegeben wird. Wenn's auch nur einer ist – und vielleicht verzählen sich da manche – ist es ein Erfolg."
  • Landesrat Josef Schwaiger: "Das wird ein entscheidender Moment, wenn der erste Wolf zum Abschuss freigegeben wird. Wenn's auch nur einer ist – und vielleicht verzählen sich da manche – ist es ein Erfolg."
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Landesrat Josef Schwaiger lässt sich von denen, die zu Zäunen raten, nicht dreinreden: "Wir wissen, dass das in den steilen Almgebieten nicht funktioniert. Und wer Herdenschutzhunde kennt, kennt auch deren Aggressivität – das ist in Tourismusgebieten nicht zumutbar." Schwaiger ging auf den strengen Schutz durch die Berner Konvention (Europäischer Rat) und FFH-Richtlinie (Europäische Union) ein, er verstehe den Schutzstatus bei vom Aussterben bedrohten Tieren, aber: "Jetzt gibt's 20.000 Wölfe in Europa und sie wachsen immer weiter. Wir müssen dieses Schutz-Regime lockern und bewirtschaftbar machen."

"Die Politik macht viele Fehler, aber sie darf einen Todfehler nicht machen: den Menschen die Freude an der Arbeit nehmen. Die Almwirtschaft hat mit dieser Geschichte keine Zukunft, wir müssen die Kulturlandschaft erhalten." (Landesrat Josef Schwaiger)

Scharfe Wortmeldungen aus dem Publikum

In der Publikumsdiskussion wurde klar, wie emotional betroffen viele Teilnehmer sind. Hans Wallner, Bergbauer aus Rauris, hatte gleich eine ganze Wutrede vorzulesen: Die Wiederansiedelung des Wolfes sei ein Verbrechen an den Almwirten. "Das ist der größte Schwachsinn, den ich in meinem ganzen Bauernleben gehört habe. Diese Tiere sind nur Spielzeug für Ökologen." Er sprach von einem NGO-Diktat zum Schaden der Landwirtschaft, von schleichender Enteignung der Almen, einer Sauerei und einem unerträglichen Affront – dafür bekam er tosenden Applaus. 

Sepp Gruber (Publikum) kritisiert die distanzierte Haltung aus Brüssel: "Wir brauchen regionales Management."
  • Sepp Gruber (Publikum) kritisiert die distanzierte Haltung aus Brüssel: "Wir brauchen regionales Management."
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Johann Egger schlug zynisch vor, einen Nationalpark für den Wolf zu errichten und alle Salzburger auszusiedeln. Sepp Gruber aus Gastein kritisierte die Ferndiagnose aus Brüssel: "Wenn Betriebe aufhören, Almen zu bewirtschaften, wird uns die Lebensgrundlage genommen. So funktioniert das sicher nicht, es braucht ordentliches regionales Wolfsmanagement." Klaus Vitzthum (Bezirksbauernkammer Pinzgau) stellte sich die Frage: "Warum sollten wir hunderte Euro ausgeben, wenns mit einem auch geht? Mehr kostet die Kugel nicht."

NR-Abg. Franz Eßl und LK-Präsident Rupert Quehenberger waren sich einig, dass man mehr Betroffenheit schaffen müsse, um etwas bewegen zu können. "Die Richtlinien sind kein Evangelium, sie müssen verändert werden können. Es geht nicht um ein paar Schafe oder Rinder, sondern ob die gesamte Landwirtschaft fortgesetzt werden kann", sagt Eßl. Sauer stieß auch manchen auf, dass die aktuelle Umfrage "Wollen Sie, dass der Wolf in Österreich zurückkehrt?" so große Zustimmung in Österreich fand. Einer der Besucher forderte, einmal folgende Frage zu stellen: 

Großarls Bürgermeister Johann Rohrmoser stellte sich hinter seine Bauern im Tal und vertraut Landesrat Schwaiger, den Managementplan zu verfeinern und den Almenraum möglichst wolffrei zu halten. Simon Hasler (Junglandwirt aus Großarl): "Die Anstrengungen der Politik sind gut, aber sie reichen für ein vernünftiges Ergebnis nicht aus." Jakob Pirchner (Obmann Salzburger Schaf- und Ziegenzuchtverband) nannte den Wolfsmanagementplan einen Kompromiss, aber: "Züchtern ist Geld nicht so wichtig, es geht um verlorengehende Zuchtlinien, die viel wertvoller sind. Ich wünsche uns allen einen wolfsfreien Raum."

Landesjägermeister Max Mayr-Melnhof sicherte die Unterstützung der Jägerschaft zu, weiß aber auch, dass man keine Wunder erwarten dürfe: "Einen Wolf zu bejagen, ist reiner Zufall."
  • Landesjägermeister Max Mayr-Melnhof sicherte die Unterstützung der Jägerschaft zu, weiß aber auch, dass man keine Wunder erwarten dürfe: "Einen Wolf zu bejagen, ist reiner Zufall."
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Landesjägermeister Max Mayr-Melnhof, der selbst in anderen Ländern schon Wölfe bejagt hat, weiß, dass dies in Salzburg nicht möglich wäre: "Einen Wolf zu jagen, ist reiner Zufall. Und wenn der eine Wolf weg ist, kommen fünf neue. Wir schaffen keinen wolfsfreien Alpenraum, das ist unmöglich. Ganz zurückdrängen werden wir ihn nicht können, aber wir müssen ihn in Grenzen halten."

Kritik der Naturschutzorganisation

Tags daruf kritisierte die Naturschutzorganisation WWF Österreich das Wolfsmanagement der Salzburger Landesregierung per E-Mail als "völlig untauglich" und verweist einmal mehr auf den Schutzstatus: "Die Landespolitik muss endlich eine praxistaugliche Herdenschutz-Offensive starten, anstatt ständig nur Abschussfantasien zu wälzen, die dem EU-Recht widersprechen“, sagt WWF-Experte Christian Pichler. Bisher sei wenig bis nichts getan worden, um konkret vor Ort zu helfen. Dass Landesrat Schwaiger wiederholt von einem „Problemwolf“ spricht, sei aus naturschutzfachlicher Sicht falsch: „Ein Wolf kann nicht zwischen erlaubter und unerlaubter Beute unterscheiden, solange er nicht durch Herdenschutzmaßnahmen von ungeschützten Weidetieren abgehalten wird“, sagt Pichler, der von "richtig angewendetem Herdenschutz" und damit von Zäunen, Hirten und Herdenschutzhunden spricht.
Bei der Präsentation der Studie in Pfarrwerfen war kein Vertreter von Naturschutzorganisationen vor Ort, was wiederum Landesrat Schwaiger in seinen Schlussworten kritisierte.

Autor:

Alexander Holzmann aus Pongau

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