Interview mit Gerald Steinkogler
"Heute darf jeder entscheiden, was er schnitzt"

Gerald Steinkogler

EBENSEE. Der Ebenseer Gerald Steinkogler ist gelernter Buchhändler, Sozialpädagoge, Lebens- und Sozialberater. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin betreibt er einen Bioladen. Im BezirksRundschau-Interview spricht er über seine Begeisterung für die Schnitzkunst des Salzkammergutes

Wie wurde Ihr Interesse an der Schnitzkunst geweckt?

Steinkogler: Die Werkstatt des letzten „Heissl-Schnitzers“ ist keine hundert Meter Luftlinie von mir zu Hause entfernt. Mein Vater war selbst ein passabler Zeichner- und Holzschnitzer. Erst in den späten 1990er Jahren begann ich mich mit den „Weltmeistern“ der „Wildpretschnitzerei“ näher auseinanderzusetzen. Auch einer meiner Brüder wollte sich eine Sammlung mit diesen begehrten Objekten aufbauen und ich begleitete ihn auf Auktionen und zu Antiquitätenhändlern. Mehr und mehr außergewöhnliche Stücke und Sammler lernte ich so kennen.

Warum die Ambition, den Lehrgang zur Heimatforschung zu machen?
Mit vergangenen Zeiten beschäftige ich mich schon seit fast fünfzig Jahren. Bereits als kleine Kinder fanden wir zufällig beim Fischen rostige Münzen, die wir dann lernten zu unterscheiden und zu sammeln. Daraus erwuchs das Interesse an Geschichte, wobei rückblickend bemerkenswert ist dass ich mit etwa zwölf Jahren einen Teil eines römischen Sesterzes und ein wenig später ein Zahlungsmittel aus Kupfer im Zusammenhang mit der Saline aus 1595 gefunden habe. Auf den Gedanken den Heimatforscherlehrgang bei der OÖ Akademie der Volkskultur zu absolvieren brachte mich Alex Savel, der Herausgeber des Traunspiegels, Nun kann ich dieses Hobby professioneller betreiben.

In mehreren Büchern beschreiben Sie Ihre Forschungsergebnisse, was sind die interessantesten Erkenntnisse?
„Jagdliche Holzschnitzarbeiten aus Ebensee (Band I)“: Im Ort selbst waren unter dem Begriff: „des hat da Heissl g`schnitzt“ mindestens acht konzessionierte Holzschnitzer bekannt. Erstmals werden diese Künstler einzeln dargestellt. Daneben durch vergleichende Beispiele die speziellen und auch einzigartige Technik aufgezeigt und erklärt.
„Chronik der Fachschule Ebensee von 1881 – 1923“: Bis 1914 waren in der Fachschule in bis zu fünf Jahrgängen 5.716 Schüler registriert. Etwa die Hälfte dieser Schüler stammten aus dem Ort selbst. Sie alle wurden von den k.k. österreichweit renommierten Bildhauern Johann Greil und Franz Wenger unterrichtet. Darin finden sich u.a. vollständige Jahrgangslisten mit Namen der Schüler, oder ein wiederentdeckter, großer, vollständig erhaltener, neugotischer Altar, der von der Schule für das Schloß Würting bei Wels angefertigt wurde und während der NS-Zeit im Auftrag von SS-Leiter Kaltenbrunner ins Mühlviertel verkauft wurde.
„Weitere Jagdliche Holzschnitzarbeiten aus Ebensee“: Neu entdeckte und nicht publizierte Arbeiten, eine ausführliche, abenteuerliche Biographie von Franz Wenger und schöne Arbeiten von ihm die in Ebensee gemacht wurden und im k.k. Jagdschloß in Mürzsteg (heute Sommersitz d. Bundespräsidenten und nicht mehr öffentlich zugänglich) ausgestellt sind. Vorstellung des bedeutenden, in Ebensee ansässig gewordenen, in Amstetten geborenen, Bildhauers Franz Pachinger. Erstmals fand ich auch die Bestätigung dafür dass Ernest Heissl tatsächlich bereits auf der Weltausstellung in Wien 1873 Werke ausgestellte hatte und darin den Hinweis dass auch sein Vater KARL bereits Wildtiere geschnitzt hat.
„Kripperlroas“: zu den Figuren von Rudolf Heissl sen. und Franz Pachinger. Diese zwei professionelle Ebenseer Krippenfigurenschnitzer sind im selben Jahr (1874) geboren. Der eine war Autodidakt und der andere hat die Fachschule in Ebensee absolviert, war dort selbst Lehrer und machte sich dann in Ebensee selbständig. Ihre „Ebenseer“ Krippenfiguren sind in Kirchen in drei Bundesländern jedes Jahr aufgestellt. Spannend war es auch die erste Ebenseer Kirchenkrippe (Letzte Drittel 18. Jh.) in Deutschland wiederzufinden.

Sie sprechen davon, dass Kulturgut durch Kriege zerstört – was konkret?
Ich kann und möchte nicht darauf eingehen was nun tatsächlich durch Bomben oder sonstige Aktionen zerstört wurde. Ich möchte versuchen zu beschreiben, was als Identifikationsmöglichkeiten zerstört wurde. An künstlerischen Vorbildern, die reichlich vorhanden waren und die in großer Anzahl vorgezeigt haben was man aus einem Stück Holz alles machen kann.
WK I: Die Fachschule für Holzbearbeitung platzte kurz vor dem ersten Weltkrieg größenmäßig aus ihren Nähten. Für die vielen Schüler und Interessenten war die Schule zu klein geworden. Pläne für einen Neubau waren bereits angedacht. Im ersten 1. Weltkrieg waren auch ehemalige Schüler gefallen, der Lehrer Pachinger kehrte erst 1919 aus der Gefangenschaft zurück. Nach dem Krieg war kein Geld für einen Neubau der Schule vorhanden. Professioneller Unterricht im Schnitzen und Zeichnen (bereits für Volksschüler), ich möchte sagen auf einem vor-akademischen Ausmaß, von Künstlern die in ganz Österreich bekannt waren, fiel völlig weg.
WK II: Schon vor dem zweiten Weltkrieg, 1935, wurde in Deutschland das Krippenschnitzen, wegen „Verschwendung des Volkseigentum“ (des Holzes!) verboten.

Es durften also keine Krippenfiguren mehr geschnitzt werden!?
Die Krippe selbst war in der NS-Zeit nicht mehr zeitgemäß und das christliche Gedankengut stand der Propaganda, die ihre germanische Götter- und Heldenverehrung wirksam forcierte, völlig konträr im Weg. Die Gründe für die Entsorgung und die Krippenverkäufe sind vielfältig. Anpassung an das Regime, finanzielle Not und auch Geschäftemacherei sind hier zu nennen. Bekannt ist jedoch dass eine Vielzahl grosser und schöner Krippen weggekommen ist. Wie viel in diesem Bereich tatsächlich in Ebensee vorhanden war kann im Moment nur mehr erahnt werden. Umso mehr erscheint es mir wichtig diese „verlorenen Arbeiten“ hinzuweisen und wenn möglich auch abzubilden. Denn dann ist diese „Lost Art“ nicht völlig verloren und der Künstler nicht völlig vergessen.
Ist vielleicht ein Künstler, auch ein kleiner, unbedeutender, nicht jemand der etwas, nicht nur für sich selbst, sondern für andere, im Rahmen seiner Möglichkeiten herstellt. Beispielsweise einen „Urberl mit der Leinwand“. Die Ebenseer Krippenfigur, die dem neugeborenen eine Leinwand zum Zudecken bringt, damit es nicht friert. In der Umgebung von Nürnberg diente sie nach dem 2. Weltkrieg, wo viele Ebenseer Krippen landeten, als Symbolfigur für Bittbriefe um Flüchtlingen zu helfen.

Jeder kann entscheiden: Schnitze ich eine Krippenfigur, als Symbol für Nächstenliebe, oder einen Prügel, um Wehrlose zu schlagen.

Gerald Steinkogler, Heimatforscher aus Ebensee

Jetzt, in der Gegenwart, in unserem (noch?) demokratischen Land habe ich die Wahl und kann ich mich offen entscheiden, welches „Holz ich selbst schnitzen möchte“. Eine Krippenfigur, als Symbol für Nächstenliebe, oder einen Prügel, um Wehrlose zu schlagen.

Wo kann man deine Bücher kaufen, ausborgen?
Meine Bücher erscheinen in sehr kleiner Auflage im Selbstverlag und können telefonisch oder per Email bei mir bestellt werden. Im Bioladen in der Marktgasse in Ebensee sind sie auch vorhanden. Die Gemeindebücherei in Ebensee hat, glaube ich, den ersten Band von mir. Im Museum Ebensee, sollten meine Bücher auch vorhanden sein.

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