Normalerweise würde ich keinen Baum umschneiden

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Als junger Student arbeitete ich als Praktikant auf einer Baustelle in Kolbnitz. Einer meiner damaligen sehnlichsten Wünsche war einmal live dabei zu sein, wie eine Bogenbrücke errichtet wird. Die Hintergrundgeschichte dazu in http://www.meinbezirk.at/villach/chronik/so-etwas-will-ich-auch-einmal-machen-wunsch-an-der-bruecke-ueber-die-sillschlucht-d1029601.html

Dort an der Riekenbachbrücke wurde eine Brücke für den zweigleisigen Ausbau der Tauernbahn errichtet. Drei Monate durfte ich die Aufstellung eines Crucianigerüstes in schwindelnder Höhe nicht nur live miterleben, sondern auch aktiv mitwirken. Dabei sind vom Salzburger Pongau aus auch meine ersten Beziehung zu Kärnten geknüpft worden. Immer dann wenn es in Badgastein geregnet hat, schienen nach dem Tauerntunnel die wärmenden Strahlen der Sonne
vom Himmel.

Am Rande dieser Tätigkeit folgendes Erlebnis. Ein MItarbeiter der ÖBB brauchte für Vermessungsarbeiten einen Orientierungspunkt und wählte dafür das Gipfelkreuz des Salzkofel. Der war von dort aus gut zu sehen. Doch verhinderte eine Baumspitze die Sicht und er gab mir den Auftrag auf den Baum zu klettern und den etwa 25 m höhen Nadelbaum die Spitze zu kappen. Irgendwann hatte ich gehört, dass das einem Baum überhaupt nicht gut tut und möglicherweise seinen Tod bedeutet. Er stand dem übrigen Baugeschehen in keiner Weise im Weg. Die Vermessung des Punktes hätte vielleicht 10 Sekunden gedauert, während der Baum vermutlich schon 25 Jahre gebraucht hat, um diese Höhe zu erreichen.

Ich überlegte kurz und sagte zu dem Vermessungsingenieur: "Ich klettere da hinauf und verbiege die Baumspitze, dass Sie ihre Arbeit erledigen können, aber die Spitze will ich nicht herunterschneiden."

Gesagt getan: Ich kletterte höher und höher. Noch nie war ich so hoch auf einem Nadelbaum hinaufgeklettert. Einige Meter unter der Spitze versuchte ich durch Gewichtsverlagerung die Sicht auf den Salzkofel frei zu machen. Doch verblich. Der Stamm war noch zu dick und bewegte sich kaum.

Von unten hörte ich erneut den Auftrag: "Abschneiden, ich seh nichts!" Mit mulmigen Gefühlen im Bauch blickte ich den immer dünner werdenden Stamm hoch. Es galt eine Entscheidung zu treffen. Da kam mir folgende hirnrissige Idee und sagte: "Du schöner Baum. Der da unten möchte dich abschneiden, um 10 Sekunden lang freie Sicht zu haben. Ich will das nicht, weil ich glaube, dass es dich umbringt. Also: Ich muß jetzt ziemlich weit auf deine wackelige Spitze hinauf und biege dich so auf die Seite, dass die Sicht frei wird. Nur eines: Du mußt halten und darfst nicht abbrechen, wenn ich mich auf die Seite hänge!"

Gesagt getan. Ich kletterte fast bis ganz auf die Spitze. Es wackelte immer mehr und mehr. Aber ich hatte mich entschlossen. Oben angekommen hing ich wie ein Äffchen, umklammerte den hauchdünnen Stamm mit Händen und Füssen und lehnte mich soweit als möglich hinaus. Die Spitze verbog sich um gefühlte 2 m - In Wirklichkeit werdens sicher wesentlich weniger gewesen sein - und von unten hörte ich den befreienden Ruf: "Ich seh den Salzkofel, fertig. Du kannst runterkommen."

Alles dauerte nur 10 Minuten. doch vergessen werde ich die Geschichte nie.

Nun:
Gestern mußte ich einen Baum in unserem Garten umschneiden. Dazu das nächste Mal.

Autor:

Heinz Mauch aus Villach

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