Diskussionsrunde zum Thema Schule
„Sie will nicht mehr zur Schule – mit elf“
- Von links: Zwei der teilnehmenden vier Mütter und die Legasthenie-Trainerinnen Sarah Novak und Andrea Obergrießnig aus Treffen.
- Foto: MeinBezirk.at
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Diskussionsrunde: Vier Mütter, eine Lehrerin und Mutter sowie zwei Legasthenietrainerinnen aus dem Bezirk Villach sprachen in Treffen über unser Schulsystem. MeinBezirk.at war dabei.
TREFFEN. Manche der teilnehmenden Personen wollen gerne anonym gehalten werden (Anm.), eines haben sie aber alle gemeinsam: die Unzufriedenheit mit dem Schulsystem in Österreich, vor allem, wenn es um Kinder geht, die etwas „anders“ lernen. Wie erleben sie den Schulalltag? „Meine ältere Tochter (13) ist sehr selbstständig und schreibt immer gute Noten. Mit der Jüngeren ist das anders. Sie geht auf eine MS und bei ihr wurde Legasthenie festgestellt. Das war schon in der Volksschule ein Problem und sie will durch ihre schlechten Erfahrungen nicht mehr in die Schule gehen – mit elf Jahren. Druck möchten wir keinen machen, auf der anderen Seite geht es nicht ohne. In Mathematik versteht sie oft die Angaben nicht. Oder bei Geschichtstests liest sie die Fragen, versteht aber nicht, was gemeint ist. Dann heißt es, warum lernst du nichts? Und sie hat das ganze Wochenende gelernt. Legasthenie ist vielschichtiger als man denkt“, erzählt eine Mutter aus der Region Villach.
"Extrem belastend"
Auch die zweite Mutter in der Diskussionsrunde, die anonym bleiben möchte, findet die Schulsituation als extrem belastend: „Wir haben eine Patchworkfamilie mit insgesamt fünf Kindern. Eines der jüngeren ist ein Integrationskind und hat in der Volksschule die erste Klasse mit viel Unterstützung von mir bewältigt. Im zweiten Jahr war klar, es geht nicht, und er wurde zurückgestuft. In der neuen Klasse war er dann der Außenseiter. Seine jüngere Schwester ist eine Klasse unter ihm und hat Legasthenie. Eigentlich ist sie sehr fleißig und gerne in die Schule gegangen. Das hat sich inzwischen verändert, weil das Mobbing unbeschreiblich ist, teils mit körperlichen Verletzungen. Auch schulisch ist es sehr durchwachsen. Bei meinen zwei jüngsten Kindern sehe ich einerseits das Problem in der Abschaffung der Integrationsschulen. Auch für die Lehrer, weil diese mitunter mit solchen Kindern überfordert sich. Die Integrationslehrer sind ja nicht ständig da. Und es fehlt die Aufklärungsarbeit, warum sich jetzt mein Sohn so verhält. Das greift auf die Geschwister über und die ganze Familie, vor allem in einem Dorf, bekommt einen Stempel aufgedrückt, den man nicht mehr wegbekommt. Mit dieser Pseudo-Integration ist niemand glücklich.“
"Will nicht in die Schule"
Auch Sabine aus Afritz (vollständiger Name der Redaktion bekannt) hat zwei Kinder mit Legasthenie. „Richtig schwierig ist es aber mit der Zehnjährigen. Sie will in der Früh nicht in die Schule, sie sagt, egal, wie viel sie übt, sie schreibt eh immer nur schlechte Noten, es macht keinen Sinn mehr. Sie ist sehr frustriert. Vor lauter Angst schreibt sie in der Schule simple Wörter falsch. Und natürlich glaubt man mir nicht, wenn ich sage, sie kann das zu Hause. Ich würde mir vom Lehrpersonal mehr Feingefühl wünschen, sie wissen ja, das Kind bemüht sich und bekommt Legasthenie-Training. Auch nach der Schule weint sie oft. So sollte Schule eigentlich nicht sein. Ich bin gerne in die Volksschule gegangen, bei ihr zählen wir die Tage, und hoffen, dass es in der MS besser wird."
Keine Motivation
Zwei Kinder von Anna H. (richtiger Name der Redaktion bekannt) besuchen ein Gymnasium. „Die tun sich leicht. Mein jüngster geht in die vierte Klasse Volksschule und bekommt seit drei Jahren Legasthenie-Training. Er wollte auch gerne auf das Gymnasium gehen, jetzt kam aber die schriftliche Absage und seine schulische Motivation ist komplett im Keller. Die Begründung ist nichtssagend, die Noten passen nicht… Er hat drei 2er im Zeugnis.“
"Schwierigkeiten nehmen zu"
Teil der Gesprächsrunde ist auch eine VS- und MS-Lehrerin aus dem Gegendtal. „Die Schwierigkeiten in der Schule nehmen zu. Ich glaube aber auch, dass das soziale System eine Rolle spielt. Viele Kinder sind von Montag bis Freitag im Hort und haben wechselnde Bezugspersonen. Da frage ich mich schon, ob Eltern nicht die Möglichkeit haben, dass einer am Nachmittag zu Hause bleibt. Aber klar, vor allem, wenn man ein Kind mit Förderbedarf hat, braucht man Geld, da fängt es an. Und ja, Legasthenie braucht mehr Aufklärung, da sind die Kinder oft auch untereinander gemein. Dabei sind Legastheniker oft sehr intelligente Kinder. Und ob das später im Berufsleben echt so ein Nachteil ist? Technisch gibt es ja schon so viele Möglichkeiten.“
"Mehr Empathie!"
Was wären denn die Wünsche ans Schulsystem? „Empathie! Und die Kinder ernst nehmen. Oder Zusatzausbildungen in Richtung Legasthenie und Dyskalkulie“, so eine der Mütter. Legasthenie-Trainerin Andrea Obergrießnig gibt zu bedenken: „Das ist schwierig, weil beides braucht mehr Einzelbetreuung, das kann man nicht in einer Klasse machen. Aber es würde schon reichen, wenn die Lehrperson Bescheid weiß, dass es mehr ist, als nur ein paar Buchstaben zu verwechseln. Legasthenie ist ein vielfältiges Erscheinungsbild. Gut merkt man es, wenn die Kinder anfangen Texte zu verfassen. Sie denken schneller, als dass sie handeln, weil sie vermehrt in Bildern denken. Und das ist um ein Vielfaches schneller als sprachliches Denken. Ich finde, es ist eine Stärke, wird aber als Schwäche ausgelegt. Das Problem macht das Schulsystem.“
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