Profilerin analysiert
So tickt der mutmaßliche Attentäter von Villach

Dieses Grinsen und der erhobene Zeigefinger des mutmaßlichen Attentäters ging um die Welt – Profilerin Staniek versucht zu erklären, was hinter dem provozierenden Verhalten steckt. | Foto: X
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Überhebliches Grinsen nach Horrortat in Villach: MeinBezirk hat Profilerin Patricia Staniek zu den wirren Welten von Attentätern befragt und wollte wissen, wie es dazu kommt, dass ein Mensch derartige Grenzen überschreitet und zum terroristischen Messerstecher wird.

VILLACH, KÄRNTEN. Am zweiten Tag nach dem Terroranschlag in der Villacher Altstadt wurde bekannt, dass hinter dem Motiv des mutmaßlichen Täters ein islamistisches Motiv steckt. MeinBezirk hat Kriminalanalytikerin und Behaviourprofiler Patricia Staniek gefragt, wie es überhaupt so weit kommen kann, was hinter dem Überlegenheitsgehabe steckt und welche Muster einen Menschen zum Messerstecher machen.

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Im Internet geht ein Foto mit dem mutmaßlichen Täter viral: Was, denken Sie, sollen uns Mimik und Gestik verraten?
Staniek: Das Lachen in so einer Situation könnte der Ausdruck von Triumph, Genugtuung oder Provokation sein, was auch das Erheben des Zeigefingers (Anm.: Zeichen für heiligen Dschihad) unterstreichen würde. Das Lachen kann z.B. dann auftreten, wenn der Täter denkt, sein ideologisches Ziel erreicht zu haben. Natürlich ist das nur eine Vermutung, da kein Gutachten eines Psychologen über den psychischen Zustand vorliegt – so ist es zurzeit rein spekulativ.

Die renommierte Kriminalanalytikerin und Behaviourprofiler Patricia Staniek blickt hinter die Fassade von Straftätern. | Foto: Bella Volen
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Die Radikalisierung soll innerhalb weniger Wochen passiert sein: Wie ist das nachvollziehbar?
Die Geschwindigkeit, wie Radikalisierungsprozesse ablaufen, ist unterschiedlich. Oft funktioniert das in kurzer Zeit, also meist wenigen Wochen. Je mehr sich jemand mit islamistischer Propaganda auseinandersetzt, meist über TikTok und dortige einschlägige ‚Influencer‘ oder andere Internetkanäle, umso schneller geht es. Besonders dann, wenn die Person in einer für sich aussichtslosen oder instabilen Situation lebt, oft gemischt mit sozialer Isolation. Entscheidend sind immer das Erleben und die Erfahrungen, die der Attentäter in seinem Leben gemacht hat, welche Kontakte er zu extremistischen Szenen hat und auch die Schere zwischen Herkunft, eigener Familie, Werten und westlicher Welt, die er nicht versteht. Feindbilder werden gemalt, wir gegen die, die sind böse, wir sind die Guten. Nur unsere Ideologie kann stimmen.

Wie erklären Sie sich, dass ein Mensch zum Messer greift und wahllos auf Menschen einsticht?
Überwiegend ist es eine Mischung aus mehreren psychischen und sozialen Faktoren, wie das Gefühl von Marginalisierung, z.B. soziale Abgegrenztheit, Einsamkeit und Perspektivlosigkeit. Die intensive Auseinandersetzung mit extremistischen Ideologien, das Bewundern extremistischer Vorbilder und Redner, kann dazu führen, dass Gewalt als legitimes Ziel gesehen wird. Das Messer ist die einfachste Methode. An ein Messer kommt man rasch. Manche Attentäter legitimieren ihre Taten mit den Worten: ‚Sie sind jetzt im Paradies‘. Der fehlende Platz in der Gesellschaft, die Orientierungslosigkeit und das Suchen nach ‚Sinn‘ erleichtern den Zugriff auf diese jungen Männer und deren Beeinflussung.

Was kann zu den Mustern beim Medienkonsum gesagt werden?
Für ein Muster spricht bspw. die intensive Auseinandersetzung mit Propagandamaterial, welches darauf ausgerichtet ist, die Überzeugungen zu festigen und zu stärken. Internetforen und der Austausch darin, das Gefühl, Gleichgesinnte, eine Community zu haben, nicht alleine dazustehen, können die Radikalisierung beschleunigen bzw. festigen. Diese Gruppen zeigen sich abgeschottet und sind somit ein ‚soziales Gefüge‘, zu dem man dazugehört. Man ist nicht mehr alleine! Hier werden sie instrumentalisiert und es wird ihnen z. B. Märtyrer-Ruhm und Heldentum versprochen. ‚Wir, die Helden, gegen den Rest der Welt‘. Diese radikalisierende Welt ist schwarz-weiß geprägt: im Westen der Feind, die Verräter, die Ungläubigen. Opferhaltung. Und das Versprechen, dass westliche Gesetze weich sind und sie eh bald wieder frei sind, lädt ebenfalls dazu ein. Geschichten von Ungerechtigkeiten helfen bei der raschen Radikalisierung.

Können Sie sich erklären, dass die Attentäter meistens Männer im Alter um die 20 Jahre sind?
Da ist darüber nachzudenken, in welchem Alter diese jungen Männer bereits zu uns gekommen sind. Die meisten sind mit 20 ja eine Weile hier. Sie sind hierher geflüchtet und erleben eine vollkommen andere Kultur. Viele hatten ein vollkommen anderes Bild. In etlichen Kulturen herrscht ein patriarchalisches Rollenbild, von Männern wird dort erwartet, Stärke zu zeigen. Diese jungen Männer sind zumeist in Gewaltumfeldern aufgewachsen, haben eine ganz andere Kultur, ganz andere Rollenbilder als wir. Viele kennen nichts anderes als Gewalt, das ist das Bild, das sie mit hierher genommen haben. Vermutlich hatten sie auch ein anderes Bild vom Leben in der westlichen Welt. Wie sie uns erleben, passt nicht in ihr Lebensbild. Natürlich können zusätzlich zu den Erfahrungen, den sozialen Rollenerwartungen noch altersbedingte hormonelle Einflüsse hineinspielen, die Aggressivität begünstigen können. Das Menschenbild ist oft ein komplett anderes als das, was hier lebt.

Die Villacher demonstrieren Zusammenhalt und Stärke: Von Terroristen lassen sich die Draustädter nicht einschüchtern. | Foto: MeinBezirk.at
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Sind derartige Täter von Geburt an dazu fähig oder bringt sie die Gesellschaft dazu?
Ich gehe davon aus, dass die Bereitschaft zu extremistischen Handlungen durch ein komplexes Zusammenwirken von individuellen, sozialen und gesellschaftlichen Faktoren gefördert wird. Persönliche Krisen, Erfahrungen von Ausgrenzung, der Einfluss radikaler Ideologien und fehlende soziale Rollenbilder können dazu beitragen, dass Individuen anfällig für Radikalisierung werden. Die Gesellschaft, in der sie aufwachsen, spielt eine entscheidende Rolle, indem sie entweder präventiv wirkt oder durch Defizite die Radikalisierung begünstigt.


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