07.11.2016, 13:45 Uhr

Der Leichendoktor: "Es gibt 100 Arten von Zersetzung"

Mark Benecke ist Kriminalbiologe und Spezialist für forensische Entomologie - einem Fachbereich der Forensik, der sich mit der Insektenbesiedelung von Leichen beschäftigt. (Foto: Rocksau Pictures)

Toter am Loosberg: Kriminalbiologe Mark Benecke im Interview über die Identifizierung von Toten, wie sich Körper zersetzen und wie Insekten Detektivarbeit übernehmen.

Wie darf man sich den Zustand einer Leiche vorstellen, wenn der Körper ein Jahr lang im Wald liegt?
Benecke: Da gibt es ganz unterschiedliche Sachen, wie Insektenfraß durch Ameisen, Schmeißfliegenlarven oder Käfer. Dann kommen noch Bakterien dazu, die den Körper zersetzen. Auch von größeren Tieren wie Wildschweinen oder Füchsen wird der Körper angefressen und so auf mehrere Arten zerstört. Es gibt 100 Sorten von Zersetzung.

Wie wirkt sich das "Einpacken" einer Leiche, wie in diesem Fall in Folie, Draht und einen Schlafsack, aus?
Benecke:
Wenn der Schlafsack dicht ist wie eine Nylonfolie, dann kann das zu einer Konservierung führen. Der Draht selber ist nicht so bedeutungsvoll, außer dass das Gewebe zusammengehalten wird. Die Folie selbst kann wie ein Luft- und Regenschutzschild wirken.

Wie kann man feststellen, wie lange ein Körper schon an einer Stelle liegt? Und wie findet man den exakten Lageort eines Toten heraus, wenn der Körper bewegt wurde?
Benecke:
Die Liegezeit kann man manchmal anhand des Alters der Leichen-Insekten rausfinden. Den Lageort kann man anhand von Blut, aber noch besser Fäulnisflüssigkeit bestimmen - da sieht man öfters einen riesigen Fleck am Boden.

Im Fall von Puch war einige Tage unklar, ob es sich überhaupt um einen Mann oder eine Frau handelt. Ist es so schwierig das festzustellen?
Benecke:
Man darf sich das nicht wie im Film vorstellen. Nicht alle Frauen haben große Brüste und wallendes langes Haar, genau so wie nicht alle Männer groß und muskulös sind. Da gibt es ja alles Mögliche dazwischen. Den Unterschied kann man bei Fäulnis schon sehr schnell nicht mehr sehen. Mit einer DNA-Analyse geht das dann aber ruck-zuck.

Der Tote lag unter einem Reisighaufen, wie wirkt sich das aus?
Benecke:
Das hängt ganz von der Art des Haufens ab. Früher wurden in Dörfern Tote schon mal in Misthaufen versteckt. Das kann konservierend wirken, weil das Material sehr dicht ist. In dem Fall kann man das aber schwer vorhersagen.

Wenn ein Toter so zersetzt wurde, ist es dann nicht unheimlich schwierig die Art der Verletzung zu bestimmen?
Benecke:
Manchmal geht das, wenn du etwa Larven an Stellen findest, an die Insekten gerne drangehen. Oder anhand von Käferfraß an ungewöhnlichen Stellen.

Wie lange kann eine Identifizierung eines Toten dauern?
Benecke:
Wenn DNA-Material in einer Datenbank erfasst ist, ist die Identifizierung sehr, sehr einfach. Wenn nicht, dann geht das nicht mehr mit Labortechnik, sondern durch Ermittlungsarbeit der Polizei. Die Identifizierung kann zwischen einer Minute und 1.000 Jahren dauern - so wie bei dem englischen König, der unter einem Parkplatz verscharrt war.

Zur Person
Mark Benecke ist einer der europaweit bekanntesten Kriminalbiologen. Der 46-Jährige gilt als der Spezialist für forensische Entomologie - einem Fachbereich der Forensik, der sich mit der Besiedelung von Leichen mit Insekten beschäftigt. Anhand von Insekten können so die Liegezeit und die Todesursache bestimmt werden. Benecke studierte in Köln Biologie, Zoologie und Psychologie, war für das FBI tätig und ist heute als Sachverständiger für biologische Spuren, Ausbildner an Polizeischulen in Deutschland, Buchautor, Gastdozent in den Vereinigten Staaten, Vietnam, Kolumbien und auf den Philippinen tätig.
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