AMS/BBRZ NÖ, Wr Neustadt
Die individuelle Stärke des Einzelnen zählt

- "MANO", ein für NÖ einzigartiges Projekt, wurde im BBRZ Wiener Neustadt vorgestellt. Auf dem Foto: Doris Stilegger ("MANO"-Verantwortliche), Alexander Goger ("MANO" verhalf ihm zur neuen beruflichen Laufbahn), Sandra Kern (AMS NÖ), Oliver Scheibenbogen (Anton-Proksch-Institut).
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Die Anzahl der Arbeitssuchenden, die von physischen und psychischen Erkrankungen betroffen sind, steigt. Deshalb haben das Arbeitsmarktservice (AMS) Niederösterreich und das Berufliche Bildungs- und Rehabilitationszentrum (BBRZ) ein besonderes Beratungsangebot entwickelt. Mit "MANO" gibt es ein neues Programm, das für eine bessere Nutzung der freiwilligen beruflichen Rehabilitation sorgt.
NÖ/WIENER NEUSTADT. Der Arbeitsmarkt steht vor einer Herausforderung. Laut Statistik Austria haben vier von zehn Erwerbstätigen in Niederösterreich dauerhafte gesundheitliche Probleme. Bis 2024 ist der Anteil der Jobsuchenden mit gesundheitlichen Problemen um mehr als das Doppelte gestiegen (2009: 14 Prozent, 2024: 29 Prozent).

- Ganz am Anfang steht das Beratungsgespräch, wo die individuellen Bedürfnisse im Vordergrund stehen.
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Psychische und Suchterkrankungen gehören mittlerweile mit zu den häufigsten Gründen für gesundheitliche Einschränkungen. Besonders betroffen sind Menschen der Generation 50 plus. Hier hat fast die Hälfte (40 Prozent) Vermittlungseinschränkungen. Oliver Scheibenbogen vom Anton-Proksch-Institut dazu: "Ältere Erwerbstätige erleben psychische Belastungen anders als jüngere – oft subtiler, aber mit stärkerer gesundheitlicher Wirkung."
Umdenken notwendig
Waren früher eher Bauarbeiter ein klassischer Fall für Reha-Maßnahmen, so sind mittlerweile die Dienstleistungsberufe im Vormarsch (43 Prozent der Jobsuchenden haben Probleme). Die Ursachen liegen einerseits in der demografischen Entwicklung (die Menschen werden älter, die meisten Erwerbstätigen sind 50 plus). Andererseits wird der Zugang zur Pension (v.a. Invaliditätspension) erschwert. Dieser Trend wird voraussichtlich anhalten.

- Zum Programm gehören auch regelmäßige Sport- und Entspannungseinheiten.
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"Für Unternehmen wird es wichtig sein, altersdifferenzierte Maßnahmen umzusetzen", so Scheibenbogen. Konkret spricht er von mehr Flexibilität in den Arbeitszeiten (wo im Betrieb möglich), Mentoring, psychologische Beratung und ergonomischen Anpassungen. Ein Umdenken sei erforderlich. Es müsse mehr um die individuellen Bedürfnisse und Erfahrungen gehen, die ein Mensch mitbringt.
Niederösterreich top
Doch Niederösterreich hat im Österreichvergleich einen Erfolg zu verbuchen: Die Langzeitarbeitslosigkeit ist um 44 Prozent gesunken (in Österreich nur um 25 Prozent). Ein Grund ist im Pilotprojekt "MANO" (lat. "an die Hand nehmen") verwurzelt, das es so außerhalb von Niederösterreich nicht gibt. Dabei handelt es sich um eine Zusammenarbeit des AMS NÖ und des BBRZ (Berufliches Bildungs- und Rehabilitationszentrum). Das Angebot gilt für Personen, die beim AMS NÖ gemeldet sind. Derzeit gibt es drei Standorte: in Wien Floridsdorf, St. Pölten und Wiener Neustadt.

- Das hauseigene Café des BBRZ ist die erste Station zur Wiedereingliederung.
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Hierbei bietet das AMS NÖ Personen, die ihre Arbeit verloren und gesundheitliche Probleme haben, die freiwillige berufliche Rehabilitation an. Doch der Weg zurück ins Erwerbsleben erweist sich oft als steinig: medizinische Behandlungen, unklare Wohnsituation, finanzielle Herausforderungen und Betreuungspflichten werden nicht selten zur psychischen Belastung. Und damit gehen oft ein Verlust des Vertrauens in sich selbst und die eigenen Fähigkeiten einher. Die Folgen: Die berufliche Reha wird verzögert oder abgebrochen. Langzeitarbeitslosigkeit droht.
Erfolgsgeschichte
"MANO" soll genau hier greifen – ein individuelles Beratungsprogramm für Jobsuchende mit beruflichen Herausforderungen. Zur Reha gehört auch, wieder eine eigene Routine zu entwickelt - mit individuellem Stundenplan, Sporteinheiten und Entspannungsübungen etc. Sandra Kern vom AMS NÖ: "Es ist entscheidend, dass wir uns den Jobsuchenden mit gesundheitlichen Problemen konsequent zuwenden und sie mit maßgeschneiderten Angeboten unterstützen." Und weiter: "Die Betroffenen stehen auf eigenen Beinen und haben ein eigenes Einkommen. Die Arbeitgeber erhalten jene Arbeitskräfte, die sie so dringend brauchen."

- Sabrina Domin und Natascha Knoll wagen beide einen Neuanfang nach gesundheitlichen Problemen.
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Alexander Goger ist eine Erfolgsgeschichte dieses Programms. 2022 erlitt er einen Schlaganfall, war halbseitig gelähmt. Dann folgten für den gelernten Schlosser Scheidung und Jobverlust. Existenz- und Zukunftsängste waren die Folge. "In der neurologischen Reha erfuhr ich von einer Info-Veranstaltung des AMS und dort hörte ich von der Möglichkeit für eine Umschulung und berufliche Reha."
So konnte er eine neue Lehre zum Bertiebslogistiker beginnen. Momentan macht er ein Praktikum und wird wohl nach dem Lehrabschluss in die Firma übernommen. "Finanziell geht es sich aus", meint er, denn die Reha ist gefördert. Die Kosten teilen sich AMS, Pensionsversicherungsanstalt (PVA).
Über "MANO"
Bei "MANO" handelt es sich um ein Angebot, bei dem individuell auf die Bedürfnisse der Jobsuchenden eingegangen wird. In Erstgesprächen werden die persönlichen Herausforderungen, Ängste und Belastungen abgeklärt. Erst wenn die Begleitumstände bereinigt sind (etwa Förderungen beantragt, gesundheitliche Probleme abgeklärt sind), wird mit dem eigentlichen Reha-Prozess begonnen.
Die Nutzung des Programms konnte so um 55 Prozent gesteigert werden. Abbrüche und Unterbrechungen der Reha-Angebote sind von 31 Prozent auf 17 Prozent gesunken.
Die finanziellen Fördermittel des AMS NÖ wurden dank "MANO" effizienter eingesetzt und sind pro abgeschlossenen Rehafall um ein Drittel gesunken.
Rund 200 bis 400 Jobsuchende aus NÖ nutzen jährlich das Programm (in Wiener Neustadt sind derzeit 205 Kunden und Kundinnen im BBRZ zur beruflichen Reha).
Knapp 40 Prozent der Betroffenen stehen im Anschluss an das Programm wieder im Berufsleben oder nutzen eine weiterführende Qualifizierung.
Sandra Kern ist sich sicher: "Mit MANO haben wir die Lebenssituation der Betroffenen entscheidend verbessert und einen wesentlichen Beitrag geleistet, um sie ans Erwerbsleben heranzuführen und nachhaltig wieder in den Arbeitsmarkt zu integrieren."
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