Expertinnen und Experten schlagen Alarm
Social Media - So schädlich ist es für Kinder und Teenager wirklich
- Pressegespräch im Gesundheitsministerium.
- Foto: BMASGPK/David Habermann
- hochgeladen von Karin Martin
Bei einem Pressegespräch im Gesundheitsministerium schlugen Expertinnen und Experten Alarm: Exzessiver Social-Media-Konsum kann die psychische Gesundheit belasten – Gegenmaßnahmen seien dringend notwendig.
ÖSTERREICH. Smartphones und soziale Medien gehören für Kinder und Jugendliche längst zum Alltag. Doch immer deutlicher zeigt sich: Wer schon vor dem 14. Lebensjahr sehr viel Zeit mit Social Media verbringt, hat später ein erhöhtes Risiko für Depressionen, Suizidgedanken oder ein Gefühl der Entfremdung.
"Nur wenn wir als Gesellschaft regulierend eingreifen und gleichzeitig die Medienkompetenz stärken, können wir Kinder davor schützen", sagt Oliver Scheibenbogen, Psychologe und wissenschaftlicher Leiter des ORF/Dok1-Handyexperiments. Notwendig seien sowohl Schutzmaßnahmen als auch mehr Aufklärung.
Auch Gesundheitsministerin Korinna Schumann sieht den Handlungsbedarf. Sie gibt sich zuversichtlich, dass das angekündigte Gesetz zum Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige bis Ende Juni auf den Weg gebracht werden kann. Gleichzeitig soll gezielt die Medien- und Gesundheitskompetenz junger Menschen gestärkt werden, damit sie digitale Inhalte besser verstehen und einordnen können.
Projekt „Gesund aus der Krise“
Ein zentrales Hilfsangebot ist das österreichische Projekt "Gesund aus der Krise", das nach der Pandemie gestartet wurde. Mehr als 54.000 Kinder und junge Erwachsene haben bereits psychologische oder therapeutische Unterstützung erhalten. Eine Auswertung der Universität Innsbruck bestätigt die Wirksamkeit. Für die aktuelle Projektphase hat das Gesundheitsministerium circa 35 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Rund 1.500 Fachkräfte sind aktuell beteiligt.
Wie groß das Problem ist, zeigt auch eine Befragung unter der Berufsgruppe: 74 Prozent der von ihnen betreuten jungen Menschen weisen einen problematischen Social-Media-Konsum auf. Besonders häufig treten Probleme beim Selbstwert, beim Körperbild, beim Schlaf sowie beim Umgang mit der eigenen Online-Nutzung auf. "Viele Jugendliche machen ihren Selbstwert stark von Likes und Followern abhängig", erklärt Beate Wimmer-Puchinger, Projektleiterin und Präsidentin des Berufsverbands Österreichischer Psychologinnen und Psychologen. Gleichzeitig falle es ihnen oft schwer, die Nutzung zu kontrollieren – andere Aktivitäten würden verdrängt.
Auffällig ist zudem, dass insbesondere Mädchen häufig unzufrieden mit ihrem Aussehen sind. Für Wimmer-Puchinger ist klar: "Jugendliche müssen vor exzessivem Social-Media-Konsum geschützt werden." Sie unterstützt daher politische Maßnahmen, wie ein mögliches
Nutzungsverbot für unter 14-Jährige.
Warum Social Media so schwer loslassen
Auch aus therapeutischer Sicht ist Zurückhaltung beim Einstieg sinnvoll. "Je später Kinder soziale Medien nutzen, desto besser ist das für ihre psychische Entwicklung", betont Barbara Haid, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie, Kooperationspartner von "Gesund aus der Krise". Problematisch sei vor allem, dass viele Kinder noch nicht zwischen digitaler Inszenierung und Realität unterscheiden können.
Ein wesentlicher Faktor liegt im Design der Plattformen selbst. Inhalte werden individuell angepasst und sorgen für einen ständigen Anreiz, weiterzuscrollen. „Kinder können solchen Reizen aufgrund ihrer Entwicklung schlechter widerstehen“, weiß Scheibenbogen. Die Folge sind Kontrollverlust und Schwierigkeiten, das eigene Verhalten zu steuern.
Diese Dynamik zeigt sich auch in Studien: Ein großer Teil der Jugendlichen berichtet von einem regelrechten "Sog des Feeds". Fachleute sprechen deshalb sogar von einem "personalisierten Suchtmittel". Hinzu kommen neue Risiken wie Selbstdiagnosen im Internet oder sozialer Rückzug bis hin zur Vereinsamung. "Wenn die Sprache verkümmert, verkümmert das soziale Leben", warnt Wimmer-Puchinger.
Was Kinder stärkt: Schutz, Aufklärung und reale Begegnungen
Neben der individuellen Verantwortung rückt auch die Rolle der Anbieter in den Fokus. Fachleute verweisen darauf, dass Unternehmen ihre Produkte gezielt so gestalten, dass sie möglichst lange genutzt werden – mit potenziellen Folgen für die Gesundheit. Dem müsse Einhalt geboten werden.
Einigkeit besteht bei den Expertinnen und Experten vor allem in einem Punkt: Kinder brauchen echte Begegnungen. "Fähigkeiten wie Emotionsregulation, Selbstwert oder soziale Kompetenz entwickeln sich vor allem im realen Leben", sagt Scheibenbogen. Sein Fazit daher: „Reality first.“
Mehr über das Projekt: Gesund aus der Krise
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