01.09.2014, 23:15 Uhr

"Dass der Pflegeberuf schlecht bezahlt ist, ist ein Vorurteil, das nicht stimmt"

Hilfswerk-Geschäftsführerin Daniela Gutschi im Bezirksblätter-Interview

Salzburg braucht dringend neue Pflegekräfte. Warum ist der Beruf bei den Jungen nicht so gefragt?
DANIELA GUTSCHI: Das würde ich so nicht sagen, vor allem nach der Pflichtschule gibt es durchaus Interessenten für einen Pflegeausbildung. Das Problem ist aber, dass man diese Ausbildung erst mit 17 Jahren beginnen kann. Und bis dahin haben sich eben dann viele schon umorientiert und bleiben dann auch dort. Das würde sich ändern, wenn wir eine fünfjährige berufsbildende höhere Schule hätten, in der man sich nach zwei Jahren für einen Pflege-Schwerpunkt entscheiden könnte.

Liegt es nicht auch daran, dass der Plegeberuf als ein schlecht bezahlter Beruf gilt?
DANIELA GUTSCHI: Ich weiß, dass es dieses Vorurteil gibt, aber: Es stimmt nicht. Ein Pflegehelfer steigt mit einem Bruttogehalt von 1.826 Euro ein, eine diplomierte Pflegekraft mit 2.100 Euro. Dazu kommen 100prozentige Zuschläge für Wochenend- und Feiertagsdienste, in Kranken- und Seniorenhäusern auch für Nachtdienste, wir beim Hilfswerk stellen unseren Pflegekräften Dienstautos und Mobiltelefone zur Verfügung, die sie auch privat nutzen können. Und noch etwas sollte man nicht vergessen: Der Pflegeberuf ist ein krisensicherer Beruf, der einen hohen Mehrwert bietet, weil es ein Beruf ist, der zufrieden macht, weil es ein Beruf mit Sinn ist. Außerdem gibt es durchaus tolle Karrieremöglichkeiten.

Für das Hilfswerk sind landesweit rund 400 Pflegekräfte in der mobilen Hauskrankenpflege tätig. Anders als in einem Krankenhaus oder Seniorenheim sind diese Pflegekräfte vor Ort auf sich alleine gestellt. Wie unterstützt das Hilfswerk sie?
DANIELA GUTSCHI: Wir setzen sehr auf Kommunikation, also regelmäßige Teambesprechungen und bei Bedarf bieten wir auch Supervision und Coachings. Und wir setzen außerdem sehr auf Weiterbildung und betriebliche Gesundheitsförderung. Das geht von Schulungen zu schwierigen Kunden-Situationen, Trauerbegleitung oder den Umgang mit demenzkranken oder suchtkranken Kunden über Themen wir Hebetechniken, die richtige Balance von Nähe und Distanz zu Kunden bis hin zu Fahrtechnikkursen. Sogar wie man Schneeketten anlegt, lernen unsere Mitarbeiter.

Worin sehen Sie eine der großen Herausforderungen für die Zukunft der Pflegeberufe?
DANIELA GUTSCHI: Die Pflege findet im Schatten statt, im Schatten der Ärzte. Aber eine Pflegerin oder ein Pfleger ist genauso wichtig wie ein Arzt. Ich hoffe, dass sich dieses Selbstbild der Pflegekräfte bald verändert. Unsere Mitarbeiter erleben eine hohe Arbeitszufriedenheit, das wissen wir aus regelmäßigen Mitarbeiterbefragungen. Es sind unmittelbare Erfolge, Dankbarkeit von Kunden und Angehörigen, dafür, dass sie jetzt einer Familie das Leben erleichtert haben. Aber man muss auch Grenzen setzen können – deshalb ist bei uns die betriebliche Gesundheitsförderung, wo es auch um die eigene psychische Gesundheit unserer Mitarbeiter geht, so wichtig.

86 Prozent der Hilfswerk-Pflegekräfte sind Frauen. Das Hilfswerk ist 2012 als familienfreundlicher Arbeitgeber ausgezeichnet worden. Liegt es daran?
DANIELA GUTSCHI: Es ist schön, wenn man so einen Preis bekommt, aber mir ist natürlich wichtig, dass Familienfreundlichkeit auch gelebt wird. Und das ist bei uns tatsächlich so. Wir bieten eine Reihe von Arbeitszeitmodellen an, Urlaubsplanung und Dienstpläne sind zwar kein Wunschkonzert, aber wir versuchen sie im Einklang mit Kinderbetreuungszeiten zu gestalten. Nichts desto trotz suchen wir aber Hände ringend auch männliche Pflegekräfte.

Warum eigentlich?
DANIELA GUTSCHI: Wir haben gelernt, dass in anderen Kulturen Männer gefragt sind, wenn es um die Pflege von Männern geht. Wir hatten einmal den Fall eines streng gläubigen orthodoxen Juden, der wollte, dass er von einer Jungfrau gepflegt wird, die noch dazu nicht die Menstruation haben dürfe. Das haben wir gelöst, indem wir ihm einen männlichen Pfleger geschickt haben. Aber manchmal sind es auch sehr profane Gründe, wie etwa ein körperlich schwerer Kunde, da ist trotz aller Hebetechnik ein Mann eine große Hilfe. Und generell bietet ein gemischtes Team aus Männern und Frauen einfach Vorteile. Gegenüber Frauen haben Männer außerdem meistens zwei Vorteile im Pflegeberuf: Sie haben oft geringere Probleme mit der Abgrenzung und die älteren Damen schmelzen regelrecht dahin, wenn ihnen ein männlicher Pfleger begegnet.

Welche Voraussetzungen sollte man für den Pflegeberuf mitbringen?
DANIELA GUTSCHI: Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere hineinzudenken und nicht nur korrekte Pflegehandlungen zu setzen. Man sollte gerne mit Menschen arbeiten und die Frage 'Will ich Menschen helfen, wenn es ihnen schlecht geht?' mit 'Ja' beantworten. Letztlich braucht man aber auch sprachliche Fähigkeiten, man muss Pflegehandlungen sauber dokumentieren und mit elektronischen Medien umgehen können. Die Zeiten, in denen Fieberkurven auf Papier aufgezeichnet wurden, sind nämlich vorbei. Belohnt wird man bei uns in der mobilen Hauskrankenpflege mit einer hohen Eigenständigkeit und einer abwechslungsreichen Arbeitsumgebung.
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