Reportage
Das "Innsbrucker" Brokat

Mohammad Jabr in seinem neuen Geschäft in der Wilhelm-Greil-Straße. In "Brokat" verkauft er Stoffe, die in seine Familie in seiner Heimat in Damaskus herstellt. Auch in Tirol wird er bald Brokatstoffe auf seinem uralten Webstuhl herstellen.
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  • Mohammad Jabr in seinem neuen Geschäft in der Wilhelm-Greil-Straße. In "Brokat" verkauft er Stoffe, die in seine Familie in seiner Heimat in Damaskus herstellt. Auch in Tirol wird er bald Brokatstoffe auf seinem uralten Webstuhl herstellen.
  • hochgeladen von Agnes Czingulszki (acz)

Auf einem uralten "Computer" stellt Mohammad Jabr Brokatstoffe in der Wilhelm-Greil-Straße her.

INNSBRUCK. Bunte Stoffe, viel Platz und ein uralter Webstuhl: In der Wilhelm-Greil-Straße in Innsbruck eröffnete Mohammad Jabr ein außergewöhnliches Geschäft – das Brokat.

Jacquardwebstuhl

Vor der großen Auslage bleiben die Fußgänger stehen und staunen nicht schlecht, wenn sie den mächtigen Webstuhl erblicken. Er funktioniert mit dem Jacquard-System, das vor über 200 Jahren erfunden worden ist und das Webgeschäft revolutioniert hat. Wie Jabr, dessen Familie in Damaskus in 5. Generation eine Seidenweberei führt, erklärt: "So einen Webstuhl gibt es noch in Frankreich im Louvre. Es ist ein seltenes Stück." Er nennt ihn den "ältesten Computer Tirols", denn der 214 Jahre alte Webstuhl basiert auf dem gleichen binären System, wie es Computer tun. Dank Lochplatten können verschiedene kleinflächige, verschnörkelte Muster entstehen. Noch ist der Webstuhl in der Wilhelm-Greil-Straße nicht in Betrieb. Jabr muss die 7.600 Fäden der Basisfarbe einzeln kürzen, denn auch der Webstuhl musste niedriger werden, sonst hätte er nicht ins Geschäftslokal gepasst. Der Vorgang dauert mindestens einen Monat, erklärt er. Einzeln und genauestens müssen die zarten, leicht reißenden Fäden abgeschnitten werden, um künftig am Webstuhl arbeiten zu können.

Abenteuerliche Reise

Nicht nur die Geschichte Jabrs ist abenteuerlich – er flüchtete vor fünf Jahren vor der Geheimpolizei nach Tirol, wo er Deutsch lernte, eine Laiendolmetscherausbildung machte und als Hausmeister im Paulinum in Schwaz arbeitete –, sondern auch die des Webstuhles. "Das ist ein wertvolles Erbstück", sagt er. "In vier Boxen ist der 750 kg schwere Webstuhl über den Libanon, Frankreich und Wien nach Innsbruck gekommen", erzählt Jabr die viermonatige Reise seines Familienschatzes. Insgesamt kostete ihn das Ganze – mit Bestechung im Kriegsgebiet bei den Checkpoints ("sonst wäre er jetzt kaputt") – fast 8.000 Euro. "Es hat sich gelohnt", streicht er über die alten Balken beim STADTBLATT-Gespräch.

Geschäft in Brixner Straße

Sein erstes Geschäft eröffnete er in der Brixner Straße neben dem Europastüberl vor genau zwei Jahren. Ihm war von Anfang an klar, dass er auch in Österreich das Familienbusiness weiterführen würde. Ein Jahr lang wartete er auf seinen Asylstatus, danach kam aber die nächste Herausforderung: die Anmietung eines Geschäftes. "Niemand wollte mir ein Lokal vermieten", erinnert er sich an die Anfänge zurück – bis er dann in der Nähe des Bahnhofes fündig wurde. Kein Strom, kein Wasser, keine Wände: "Es war nicht ideal, weil es keine Schaufenster gibt, aber das habe ich bekommen. Vier Monate lang musste ich am Geschäft arbeiten, bis ich einziehen konnte." Das zweite Geschäft in der Wilhelm-Greil-Straße war ein Glücksgriff: Die Auslage ist groß und er teilt sich das Lokal mit seinem guten Freund Stephan Aulitzky, der als Imker seine Tiroler Bienenprodukte – Kerzen, Propolis, Lippenbalsam – verkauft.

In Damaskus gibt es noch immer die Weberei, in der seine Geschwister die Führung übernommen haben. Die Stoffe, Krawatten und Schals, die in Damaskus aus Kaschmir und Seide produziert und im Innsbrucker Geschäft verkauft werden, stammen von dort. In Syrien sind fünf Webstühle in Betrieb, die Rohstoffe stammen aus China und Kaschmir und werden vor Ort weiterverarbeitet. In zirka einer Woche ist es dann auch in Innsbruck so weit. Jabr kann in Tirol seine Brokatstoffe selbst herstellen und wer demnächst vor dem großen Schaufenster vorbeigeht, wird ihm dabei live über die Schulter schauen können und sehen, wie Brokat "made in Tirol" entsteht.

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