Jugendland in Insolvenz
Konkurs wurde eröffnet, 96 Mitarbeiter betroffen
- Insolvenz der Jugendland GmbH, 96 Mitarbeiter betroffen.
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Das Insolvenzverfahren am Landesgericht Innsbruck gegen die Jugendland Betreuung GmbH wurde eröffnet. 94 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind betroffen. Über die Höhe der aushaftenden Verbindlichkeiten lassen sich laut KSV1870 aktuell keine seriösen Angaben machen.
INNSBRUCK. Die Jugendland Betreuung GmbH wurde im Jahr 2014 gegründet. Der KSV1870 hat die Jahresabschlüsse für 2020 bis 2022 vorliegen. Die Eigenkapitalquote war in den Jahren 2020 und 2021 deutlich negativ. Im Jahr 2022 wurde sodann eine leicht positive Eigenkapitalquote ausgewiesen. Der Jahresabschluss für 2023 liegt bis dato nicht vor. Über die Gründe dieser Insolvenz liegen dem KSV1870 derzeit noch keine geprüften Informationen vor. Der Antrag auf Eröffnung der Insolvenz wurde von der Jugendland Betreuung GmbH selbst eingebracht. Sie geht im Insolvenzeröffnungsantrag davon aus, dass der Grund der Zahlungsunfähigkeit darin liegt, dass das Land Tirol die Fördertätigkeit eingeschränkt hat. Zur Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Dr. Christian J. Winder aus Innsbruck bestellt. Die erste Prüfungstagsatzung wurde mit 11.11.2024 festgelegt.
Hintergrund
Soziallandesrätin Eva Pawlata erklärte kürzlich, dass es schon seit geraumer Zeit Probleme in der Zusammenarbeit mit Jugendland gegeben habe. In den vergangenen 18 Monaten habe das Land die wirtschaftliche Lage der Einrichtung immer wieder geprüft, zahlreiche Verbesserungsvorschläge gemacht und Fristen gesetzt. Dennoch sei der erhoffte Erfolg ausgelieben. Der Leistungsvertrag mit Jugendland umfasst etwa vier Millionen Euro und beinhaltet die Verantwortung für acht Wohngemeinschaften mit rund 70 Plätzen. Jugendland-Geschäftsführer Reinhard Halder äußerte scharfe Kritik an Pawlata: „Die Insolvenz wäre durch politischen Willen sicher vermeidbar gewesen.“ Diesen gab es jedoch nicht, das müssen wir akzeptieren.“ Laut Halder begann die Schwierigkeit, als Pawlata beschloss, die Leistungsentgelte nicht zu indexieren. Die Landesrätin erwiderte, dass die wirtschaftlichen Probleme bis zuletzt vom Geschäftsführer verschwiegen worden seien. Die Mitarbeiter von Jugendland sollen jedoch auf jeden Fall ein Angebot des Landes erhalten, betont sie.
Jugendland
Reinhald Halder hat erst vor kurzem seine Sicht der Entwicklung zur Insolvenz in einem mehrseitigen Schreiben zusammengefasst. "Im Mai 1987 erhielt der Verein Jugendland von der Tiroler Landesregierung den Auftrag, das zuvor als „Landessäuglings- und Kinderheim Arzl“ bekannte Heim zu leiten. Jugendland präsentierte ein für die damalige Zeit innovatives Konzept, das viel Zustimmung fand: Es wurden sozialpädagogische Wohngruppen für Kinder und Jugendliche eingerichtet, die erstmals koedukativ geführt wurden. Darüber hinaus bot der Verein kreative Freizeitangebote wie Tanz, Theater und Werkstätten an und schuf Beschäftigungsmöglichkeiten für Jugendliche aus den Wohngruppen, die auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt waren. Jugendland erhielt außerdem den Kindergarten, der bis dahin vom Land Tirol im Heim betrieben wurde und auch die Familien aus Arzl offenstand. Der gemeinnützige Verein Jugendland wurde 1985 von einer Gruppe engagierter junger Menschen um Reinhard Halder gegründet. Zu Beginn führte der Verein Werkstattprojekte für arbeitslose Jugendliche in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt des Sozialministeriums durch."
Philipp Neri Catering
1989 gründete Reinhard Halder mit einem Jugendland Vorstandsmitglied die Philipp Neri GmbH, ein Catering-Unternehmen, das der Ermöglichung von Berufstraining für Jugendliche und der Erwirtschaftung von Mitteln für die Kinderbetreuung im Jugendland diente. Verrechnet wurden immer nur jene Leistungen, die das Catering für Jugendland erbracht hat. Die beiden Gesellschafter sind ehrenamtlich tätig und haben auf Dauer auf Ausschüttungen aus der Gesellschaft verzichtet. Zuletzt hat der Cateringbetrieb Jugendland mit größeren Zuwendungen geholfen, um die schwierige finanzielle Situation besser bewältigen zu können. Es ist der gemeinnützige Wirtschaftsbetrieb im Jugendland, wird im schreiben erklärt.
Wohngruppen
"Seit fast vier Jahrzehnten betreibt Jugendland sozialpädagogische Wohngruppen, die von der Kinder- und Jugendhilfe des Landes Tirol genehmigt und beaufsichtigt werden. Neben dem Standort in Arzl wurden in den Jahren 2008, 2010 und 2012 weitere Wohngruppen in der Reichenau und in Pradl eröffnet. Im Jahr 2014 wurde die gemeinnützige Jugendland GmbH gegründet, die die Führung der Jugendland Einrichtungen übernahm. Alleingesellschafter ist der Verein Jugendland. Der Kindergarten in Arzl übersiedelte 2006 in die Reichenau und wurde um eine Kinderkrippe erweitert."
Die Probleme
"Die Schwierigkeiten begannen mit dem Normtagsatzmodell des Landes Tirol. Um Vergleichbarkeit der Kosten zu schaffen wurde eine Norm-WG erstellt, für ganz Tirol und alle Kinder und Träger. Es ist ein Modell für eine einzelne WG, nicht für einen Träger wie Jugendland. Fast alles ist im Detail vorgegeben, für besondere Angebote, die Kinder brauchen, ist kein Platz", führt Halder in diesem Schreiben aus. "Die Mitfinanzierungen für diese Angebote wurden als ‚zweckwidrige Verwendung‘ eingestuft und sind im Normtagsatz nicht vorgesehen. Eine Rückverrechnung der Beiträge für die Fördermöglichkeiten im Jugendland für einen Zeitraum von sieben Jahren erbrachte nach einer oberflächlichen Berechnung des Landes 600.000 Euro bei einem Gesamtbudget in sieben Jahren von rund 23 Millionen Euro, also 2,6 (!) Prozent des Gesamtbudgets. Die 600.000 Euro wollte das Land von Jugendland wegen ‚zweckwidriger Verwendung‘ zurück, das konnten wir nicht bezahlen. Da das Land das Geld von Jugendland nicht holen konnte, wurde einfach weniger bezahlt. Einseitig wurde die Indexierung des Tagsatzes im Jahr 2023 ausgesetzt. Durch diese Vorgangsweise des Landes fehlten im Budget 450.000 Euro. Zusätzlich wurden lange Zeit zugesagte Sonderfinanzierungen für Abfertigungen ALT einseitig zurückgezogen und ebenfalls mit den 600.000 Euro gegenverrechnet."
- Reinhard Halder scheiterte mit den Versuchen einer Sanierung.
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Die Verantwortung des Geschäftsführers
"Gegen die einseitige Streichung der Indexierung hätte sich Jugendland Geschäftsführer Reinhard Halder im Jahr 2023 wehren müssen. Allerdings wurde ihm bereits damals mitgeteilt, dass der Leistungsvertrag gekündigt werden könne. Halder wollte das nicht riskieren und hoffte, mit bester Auslastung und teilweiser Überbelegung, die in Notlagen oft notwendig war, und damit höheren Einnahmen über die Runden zu kommen", wird im Schreiben ausgeführt. "Die internen Einsparungen wirkten sich vor allem im Verwaltungsbereich aus, was wieder zu Missstimmung beim Land führte, wenn Unterlagen mangels Personal nicht ausreichend oder nicht zeitgerecht übermittelt werden konnten."
Auflage der Landesrätin
Jugendland gründete im Frühjahr 2024 eine neue gemeinnützige GmbH, die Jugendland Bildung GmbH. Diese übernahm schrittweise die Geschäftsbereiche Tagesbetreuung, KünstlerKinder und Bildungszentrum Funtasy. In der Jugendland Betreuung GmbH verblieben nur mehr die Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe. Die Umstrukturierung war ein Wunsch des Landes, erklärt Halder. "Zuletzt verlangte die zuständige Landesrätin einen Wechsel in der Geschäftsführung ab 1.7.2024. Dies wurde von Jugendland zunächst erfüllt, allerdings wollte die für das Finanzwesen künftig verantwortliche Fachkraft die Geschäftsführung aus Haftungsgründen verständlicherweise nicht behalten. Als Leiterin des Finanz- und Rechnungswesens wäre sie aber weiterhin zur Verfügung gestanden." Jugendland hatte bereits vor der Auflage der zuständigen Landesrätin einen personellen und zeitlichen Plan für die Übergabe der Geschäftsführung in jüngere Hände. Auch die Einstellung einer Fachkraft für Finanzwesen war bereits geplant und Ausschreibungen vorbereitet. Dass die bereits mit 1.7.2024 vorgeschriebene Einstellung einer kaufmännischen Alleingeschäftsführung nicht verwirklicht werden konnte, war ausschlaggebender Grund, dass die Verträge mit Jugendland gekündigt wurden und Jugendland die seit fast 40 Jahren erfolgreich geführten Wohngruppen nicht mehr weiterführen sollte. Mit dem Wegfall der Geschäftsgrundlage war klar, dass mittel- und längerfristige Finanzpläne zur Sanierung der Finanzprobleme von heute auf morgen hinfällig waren, keine Aussicht mehr bestand, Verbindlichkeiten abzubauen und der Gang zum Konkursgericht unvermeidbar wurde. In dieser Zwangslage hat Geschäftsführer Reinhard Halder am Mittwoch, 4.9.2024, die Einleitung eines Insolvenzverfahrens beim Landesgericht Innsbruck beantragt, wird weiters festgehalten.
Die Dimension von Kündigung und Insolvenz
Die Auswirkungen der aktuellen Situation sind laut Halder größer, als man sich gedacht hatte, wie er abschließend aufzählt:
- Fast 70 Kinder und Jugendliche verlieren ‚ihr Zuhause Jugendland‘, für viele unvorstellbar und belastend, auch wenn ihre Gruppen und ihre Betreuung unter einem neuen Träger gesichert sein sollten.
- Wurden Kinder und Jugendliche gefragt, die nach dem Tiroler Kinder- und Jugendhilfegesetz in alle sie betreffenden Angelegenheiten einbezogen werden müssen?
- Wurden Eltern gefragt, die ein Äußerungsrecht haben?
- Alle MitarbeiterInnen verlieren ‚ihr Unternehmen‘, das sie sich ausgesucht und für das sie großteils über Jahre, manche über Jahrzehnte gearbeitet haben, sich identifizierend mit der Mission, den Ideen und Grundsätzen im Jugendland. Sie müssen persönliche Nachteile und Einschränkungen im Zuge des Insolvenzverfahrens in Kauf nehmen und trotzdem bis zur Übernahme durch einen neuen Träger für die Betreuung der großteils traumatisierten Kinder zur Verfügung stehen
- Unklar ist, welche Angebote die pädagogischen MitarbeiterInnen von einem neuen Träger erhalten und ob sie überhaupt alle noch gebraucht werden?
- Können Zivildiener und FSJ-Freiwillige ihre Einsatzstellen behalten?
- Jugendland qualifiziert seine MitarbeiterInnen und Wohngruppen seit Jahren intensiv im Fachgebiet der Traumapädagogik. Wird das fortgesetzt?
- Die Tiroler Kinder- und Jugendhilfe verliert einen verlässlichen, flexiblen und in vielen Notsituationen hilfreich gewesenen Partner
- Der Imageschaden auch für die Förderbereiche KünstlerKinder, Tagesbetreuung und Bildungszentrum ist massiv und gefährdet auch deren Existenz.
- Wird das Inventar, das es in allen Wohngruppen und im Unternehmen gibt, ordnungsgemäß abgelöst?
- MitarbeiterInnen im Verwaltungs- und Wirtschaftsbereich bangen um ihre Arbeitsplätze
- Gibt es Träger, die gern und ausreichend vorbereitet die große Herausforderung der Übernahme der Wohngruppen zeitnah bewältigen können?
- Was ist ein unermüdlicher Einsatz über fast vier Jahrzehnte für die Kinder- und Jugendhilfe in Tirol wert, wenn die dargelegten Gründe ausreichen, um auf ein Unternehmen wie Jugendland auf diese Weise zu verzichten?
- Es wird weniger möglich sein, jungen Menschen Chancen zu geben.
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