Sehnsucht nach Veränderung

Boten herzerwärmende Unterhaltung vom Feinsten: das Bogentheater-Ensemble in „Zusammen ist man weniger allein“.
  • Boten herzerwärmende Unterhaltung vom Feinsten: das Bogentheater-Ensemble in „Zusammen ist man weniger allein“.
  • Foto: Bogentheater
  • hochgeladen von Tamara Kainz

Selbst wenn zwischen den aktuellen Produktionen von Soliarts und dem Bogentheater auf den ersten Blick Welten liegen mögen, so ist es doch faszinierend zu sehen, dass entgegen dem allgemeinen Trend der Totaldestruktion, sich bei einigen jungen Theatermacher/innen nun wieder so etwas wie Sehnsucht breitmacht. Eine Sehnsucht nach der Möglichkeit von Lebensformen, die nicht gleich per se sofort aussichtslos sein müssen. Eine Sehnsucht, für die es vielleicht noch gar keine Sprache gibt, weil sie sich möglicherweise noch gar nicht zu Ende denken lässt. Autorin und Regisseurin Sarah Milena Rendel von Soliarts verpackte ihre Überlegungen dazu in eine Trash-Satire-Theater-Sitcom mit dem ganz und gar untrashigen Titel „allesstill“. Sie zeigt uns drei junge Menschen, zwei Frauen, einen Mann (Michèle Jost, Christiane Zimmer, Roman Wegmann), die auf ihrer WG-Couch sitzend den Blick auf ihr Publikum richten, das sich so plötzlich in der Rolle eines lausigen TV-Abendunterhalters wiederfindet. Und wie sie sich da im Wohnzimmer Bier trinkend, schwadronierend, fadisierend, spielend ihre vermeintliche Freizeit vertreiben, ereilt sie die Fake News, dass sich der Kapitalismus abgeschafft haben soll. Die plötzliche Absenz von allen Zwängen erweist sich jedoch als tückisch. Denn was tun mit der neu gewonnenen Freiheit, wie nun das eigene Leben gestalten, wie umgehen mit der Stille. Interessanterweise beginnen sie nun, sich ihrer Beziehung zueinander bewusst zu werden. Rendel holt ihre Figuren zuletzt zwar wieder ins System zurück, aber trotz der vermeintlichen Erleichterung, dass ja alles so bleiben kann, wie es war, bleibt die Frage im Raum, ob wir es nicht doch wagen sollten, uns mal ein Leben abseits des systemischen Trubels und der permanenten Ablenkung von uns selbst vorzustellen. Interessanterweise zeigt ja auch Anna Gavalda in ihrem bezaubernden und vielleicht auch etwas märchenhaft anmutenden WG-Roman „Zusammen ist man weniger allein“, dessen Bühnenfassung Stephanie Larcher-Senn zuletzt für das Bogentheater inszeniert hat, wie Menschen abseits des herkömmlichen Familienmodells zusammenwachsen und in der Beziehung zueinander ein Stück weit ihre Lebensfähigkeit zurückgewinnen. Und auch das Bogentheater hat damit einmal mehr den Nerv seines durchwegs jungen Publikums getroffen. Mehr noch als das: Mit „Zusammen ist weniger allein“ hat sich das Bogentheater tatsächlich in eine neue Liga der Innsbrucker Theaterszene hineingespielt. Das Ensemble war schlichtweg hinreißend. Von Christine Frei

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