29.09.2014, 12:53 Uhr

Senioren als „gutes Zeichen“ – Alpenzoodirektor Dr. Michael Martys spricht über Wildtiere, den Alpenzoo und die Auffangstation (ein Interview)

Die Auffang- & Pflegestation wurde 2011 etabliert, um den kranken und schwachen Wildtieren zu helfen, und wurde vom Förderverein „Freunde des Alpenzoo“ maßgeblich finanziert.
Dr. Michael Martys, Zoologe und Direktor des Alpenzoo, gibt Einblicke in die Aufgaben des Alpenzoo sowie der Auffangstation und erklärt auch, was sich im Verhalten mancher Wildtiere verändert hat.

Jagd in Tirol: Die Natur regelt sich von selbst. Wann darf der Mensch eingreifen, wenn es um Wildtiere geht?
Dr. Michael Martys: Unser Umgang mit Wildtieren ist gesetzlich geregelt, zum Beispiel durch das Jagdgesetz. Aber es ist auch eine Frage der Empathie und Ethik für Wildtiere sowie eine des Tierschutzes, nicht Schöpfer spielen zu wollen, sondern unterstützend tätig zu sein. Schließlich geht es um das Wohl der Tiere. In unserem Fall geht es auch um das Wohl von Findlingen, um junge oder verletzte Tiere, die von uns in Pflege genommen werden.

Welche Aufgabe erfüllt der Alpenzoo?
Wir zeigen die Vielfalt der Tierwelt in den Alpen, sind aktiv im Arten- und Tierschutz und fungieren als „Klassenzimmer“ im Biologieunterricht für unsere Besucher.

Was entdeckt der Jäger im Alpenzoo, das er in der freien Wildbahn womöglich nicht zu Gesicht bekommt?
Im Rahmen der Ausbildung zum Jung- oder Berufsjäger geben wir den Anwärtern die Möglichkeit, sich mit der Tierwelt zu befassen, auch mit jenen Tieren, die nicht zu den Klassikern der jagdbaren Tiere zählen. Artenkenntnis ist ein wichtiger Bestandteil der Jagdausbildung.

Welche Faktoren tragen zu einem gesunden Wildbestand bei?
Die Ökologie oder der Lebensraum ist besonders entscheidend: Er schafft die Voraussetzungen für eine gesunde Wildpopulation. Je intakter der Lebensraum ist, desto besser geht es dem Wild.

Der Lebensraum Wald betrifft viele Interessenvertreter. Wie gut funktioniert Ihrer Meinung nach die Zusammenarbeit?

Überall dort, wo wir es mit Wirtschaftszweigen zu tun haben, kommt es notgedrungen zu einer gegenläufigen Interessenlage. Wenn der Jäger eingreift, ist das ein Eingriff in das Ökosystem, wobei der Jäger versucht, steuernd zu wirken. Wenn wir das Ganze aus der Sicht der Forstwirtschaft betrachten, tritt der Wirtschaftsaspekt des Nutzholzes in den Vordergrund und der Lebensraum ist diesem Aspekt untergeordnet. Damit verliert dieser Nutzwald die Lebensfunktion für eine Vielfalt von Arten. Aber auch die Landwirtschaft setzt Prioritäten, die nicht unbedingt mit der Förderung der Artenvielfalt zusammenspielen, wie beispielsweise die Intensivnutzung von Feldern, weil eben produziert werden muss.

Welche Verhaltensänderung haben Sie bei Wildtieren beobachtet, seitdem Sie als Zoologe tätig sind?
Man kann feststellen, dass Kulturfolger – also Tierarten, die das Siedlungsgebiet als eigenen Lebensraum nutzen – verstärkt auftreten; man denke nur an den Steinmarder, der hier in den letzten Jahren massiv zunimmt. Auch eine Birkhenne hat sich bereits nach Innsbruck verirrt und ein Murmeltier wurde im Stadtteil Hötting aufgegriffen. Aber das sind natürlich Ausnahmen – der Dachs und der Fuchs hingegen leben sowieso im Stadtgebiet.

Welche Erklärung gibt es dafür?
Die neue Bauweise bietet bestimmten Tierarten ideale Voraussetzung für Brutnischen und Quartiere auch zum Überwintern. Gärten werden extensiver gestaltet, darum findet man dort unter anderem auch vermehrt Molche, Amphibien und Reptilien.

Welche Wildtiere haben Tirol in den letzten Jahren als Lebensraum für sich entdeckt?

Aus Bayern kommend findet hierzulande auch der Biber am Inn flussaufwärts für sich geeignete Lebensräume. Auch der Fischotter dürfte sich schön langsam Richtung Tirol bewegen. Und dann spielen große Beutetiere wie Bär, Wolf und Luchs für die Jägerschaft und die Gesellschaft eine große Rolle.

Welches ist Ihr schönstes Erlebnis, das Sie in Ihrer Tätigkeit als Zoologe mit Wildtieren erlebt haben?
Ich möchte aus der Fülle von Einzelerlebnissen keines hervorheben. Meine Dissertation habe ich über das Schwarzwild geschrieben. Mittlerweile freuen mich die „Senioren“ unter unseren Zootieren, weil sie ein Indikator für eine gute Tierhaltung sind. Oder wenn es gelingt, Tiere, die hohe Ansprüche an die Haltung stellen, so zu halten, dass sie lange leben und sich vermehren, wie beispielsweise den Tannenhäher und die Wasseramsel.

Welche Wildtiere finden sich in Ihrer Auffangstation als Patienten wieder?
Über das Jahr gesehen werden zwischen 280 und 400 Findlinge überbracht. Bei 90 Prozent handelt es sich um Vögel, bei zehn Prozent um Säugetiere. Wir entlassen Tiere nur dann wieder in die freie Wildbahn, wenn sie wirklich topfit und gesund sind. Ein Greifvogel, der nicht hundertprozentig fliegen oder jagen kann, verhungert; und wenn seine Gesundung nicht zur Gänze gewährleistet ist, müssen wir ihn leider einschläfern. Anders ist das Ganze bei Vögeln, die ihre Nahrung nicht jagen, sondern sammeln. Zwar steigt ihr Risiko, von einem Fressfeind erwischt zu werden, falls ihre Verletzung nicht vollständig heilen kann, allerdings bietet sich ihnen eher eine Überlebenschance. 60 Prozent aller überbrachten Findlinge können wir die Freiheit schenken. Die restlichen 40 Prozent sterben aufgrund der Schwere ihrer Verletzung.

Welche Aufgaben erfüllt die Auffangstation?
Wir handeln nach dem Tierschutzgedanken. Dieser kommt Allerweltsvögeln wie dem Spatz gleichermaßen zugute wie einer seltenen Art. Die Auffangstation wird vom Alpenzoo geführt. Die Quarantäne verwenden wir als Krankenstation für die Genesung der Patienten. In der Auffangstation gibt es einen großen Raum mit einzelnen Abteilungen, die wir als Platz für die Genesung der Tiere verwenden. Wird uns ein Findling gebracht, entscheidet der Tierarzt, was zu tun ist: Ihn versorgen, behandeln und wieder auswildern oder das Tier, zum Beispiel eine Fledermaus, wird an Experten weitervermitteln. Wir achten streng darauf, die Tiere nicht zu zähmen.

Steht die Auffangstation im Widerspruch zu den jagdlichen Interessen?
Nein. Beispielsweise hat ein Reh in unseren Breiten keine Fressfeinde. Wird ein verletztes Reh zu uns gebracht, wird es von uns versorgt und wenn möglich wieder in die Freiheit entlassen. Wenn dieses Reh dann in das Visier des Jägers gerät, ist das eine andere Sache und steht nicht im Widerspruch zu dem, was wir tun, auch wenn das manche vielleicht so sehen könnten.

Über Dr. Michael Martys
Dr. Michael Martys wollte ursprünglich Archäologe werden, entschied sich dann aber für das Studium der Psychologie, um weniger das Verhalten der Menschen, als vielmehr das der Tiere zu studieren. Er war 15 Jahre lang ein Schüler von Konrad Lorenz, selbst Arzt, Zoologe und Hauptvertreter der klassischen Vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie). Nach dem Tod von Konrad Lorenz verließ Martys das Institut und wechselte in die angewandte Verhaltensforschung; er setzte seine Arbeit im Zoo fort. Ihn fasziniert die belebte Natur und die Vielfalt an Entwicklungen.
www.alpenzoo.at
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