17.07.2017, 15:07 Uhr

Dem Eheleben auf die Sprünge helfen

Begeistern als Maria und Paul: Rita Dummer und Stephan Lewetz (Foto: Foto: Kellertheater)

Das Kellertheater stimmt sein Publikum augenzwinkernd auf einen Liebessommer im Frühherbst ein.

Timing ist bekanntlich alles, und das nicht nur in Komödien, wo die Pointen bekanntlich immer richtig sitzen sollten. Kellertheater-Hausherr Manfred Schild darf nach diesem Sommer getrost als ein Meister des Timings bezeichnet werden, denn er befand sich in den letzten Wochen quasi im komödiantischen Dauerlauf. Und überzeugte da wie dort. Für die Schlossbergspiele Rattenberg ersann und inszenierte er etwa die überaus kurzweilige „Kluibenschädel Saga“. Dort saßen die Pointen sogar noch bei strömendem Regen. Für Gerhard Sexls Theatersolo „Die Träumereien des Herrn Franz“ übernahm er kurzerhand die Regie. Und für das Sommerstück seines Theaters griff er beherzt in die Tasten, schrieb auf der Basis von „Work-Love-Balance“, einem Ratgeberbuch des Telfer Paar- und Sexualtherapeuten Bernhard Moritz eine ebenso pointenreiche und wie feinsinnig dosierte Komödie, bei der Moritz wiederum Regie führte. Timing ist natürlich auch in „Frühherbst für Anfänger“, so der einigermaßen zahme Titel des Stücks, ein großes Thema. Denn nach dem überfallsartigen Entschwinden der 21-jährigen Tochter ist Maria und Paul jäh die gemeinsame Schnittmenge ihrer Beziehung abhandengekommen. Höchst an der Zeit also, das über die Jahre eingeschlafene Liebesleben wieder in Schwung zu bringen. Wobei sie vermutlich selbst gar nicht auf die Idee gekommen wären, wenn ihnen nicht eine offenbar wissende Person ausgerechnet zum 22. Hochzeitstag ein Büchlein vor die Haustür gelegt hätte, das diskret mit dem Cover von Leo Tolstois „Krieg und Frieden“ überklebt wurde. Maria ahnt als humanistisch gebildete Frau natürlich sofort, dass dieses schmale Bändchen niemals Tolstois Wälzer sein kann. Also wagen sie beide einen Blick hinein und erstarren. Das Buch nennt sich allen Ernstes „Fit im Schritt ab 45“, bietet allerdings trotz des wenig animierenden Titels doch einigermaßen viel Stoff, um die beiden nun in den kommenden knapp zwei Stunden immer wieder aus der Reserve zu locken. Wobei Maria, auch das wenig verwunderlich, schon von Beginn an die Initiativere der beiden ist, aber Paul sich immerhin auf das Ganze einlässt. Das könnte nun natürlich deftig oder peinlich oder vielleicht sogar langatmig werden, doch Manfred Schild hat für uns ein wahrhaft bezauberndes und zudem humorbegabtes Paar ersonnen, das seine neu erworbene Verklemmtheit auf ungemein liebenswürdige Weise vorführt, ohne sich dabei vollends vorzuführen. Schild und auch Moritz machen uns also nicht zu Voyeuren, sondern zu wohlwollenden und mitfühlenden Beobachtern, die freilich häufig gar nicht anders können, als einfach herzhaft draufloszulachen. Rita Dummer und Stephan Lewetz sind zudem als Maria und Paul ein wunderbar aufeinander eingestimmtes Paar, dem man wirklich gerne bei seinen zuweilen etwas verqueren Annäherungsversuchen zuschaut. Ein echter Hingucker auch das Bühnenbild: Fredi Fritz hat dafür ein riesiges (Lebens-)Buch aufgeschlagen, in dem sich die beiden nun wiederfinden. Keine Frage: „Mit Frühherbst für Anfänger“ dürfte das Kellertheater erneut einem heißen Theatersommer entgegensehen.

Von Christine Frei
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