„Jedermann“: Gelebt im Jetzt, versöhnt im Dann!

Abtanzen bis zum Schluss: die illustre Party-Gesellschaft will von Jedermanns letztem Weg nichts wissen.
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  • Abtanzen bis zum Schluss: die illustre Party-Gesellschaft will von Jedermanns letztem Weg nichts wissen.
  • Foto: Sylvia Größwang
  • hochgeladen von Klaus Adolf Steidl

Die Geschichte kommt zunächst simpel-linear daher, weil zu oft erlebt, weil bereits Volksgut, und wird an vielen Orten dieser Welt – so auch aktuell im Festungsneuhof in Kufstein – mal treu nach Urtext, mal ähnlich, mal adaptiert weitererzählt: „Jedermann“ – die Mär von dolce vita und nie endenden Parties, der Verkündigung der eigenen Endlichkeit – ups, gerade dann, wenn es am schönsten ist, dem weinerlichen Schachern um ein paar weitere Lebensjahre, der Läuterung und Wandlung zum guten Menschen und der finalen Erlösung im Jetzt und (oder) im Anderswo.

So wagte sich das Stadttheater an Hoffmannsthals Stoff und Text, der – und das wissen nicht nur Bildungsbürger/innen und Schulabgänger/innen – wohl nichts weniger hergibt als die Belehrung (Bekehrung?) des Publikums am Beispiel des zum Scheitern verurteilten Genuss-Menschen. Das Narrativ eben vom „Sterben des reichen Mannes“: In der Inszenierung von Klaus Reitberger steht an seiner Stelle ein erfolgsverwöhntes, wohl kalkulierendes Vollweib (dargestellt von Karolina Bucher), was sich im Verlauf des Stückes als kluger Gender-Kunstgriff herausstellen sollte. „Viel Geld macht klug“, hallt es an einer Stelle durch den Hof, das Lebensmotto der jungen, schönen Frau samt Buhl (Albin Winkler) ist damit klar umrissen.
Zum einen lebt die Kufsteiner Jedermann-Variante vom barocken Ursprung der Diesseits-Jenseits-Disharmonie, dem unbändigen Auskosten der schönen Stunden auf Erden, der Hinwendung zum Prächtigen und Großen; die imposante, fast schon märchenhafte Kulisse der Festung unterstreicht dieses Ansinnen. Zum anderen dampft das durch Religion erklärte Bedrohliche von Anfang an im Hintergrund mit: die Zeit, die Frau Jedermann hat, ist von einer Göttin (Nicole Schreyer) bemessen und determiniert, nur gute Taten können das arme Menschlein vor den Höllenqualen retten, Engerl und Teuferl (Maria Kaindl) zanken sich schon im Vorfeld um die Seele der armen Seele.

„Des Teufels Fangnetz in der Welt hat keinen andren Namen als Geld!“

Gefragt nach zeitgemäßen Bezügen der Erzählung gibt Frau Jedermann selbst Auskunft. Reichtum, hier rücksichtslos generiert durch Spekulationen im Casino-Kapitalismus, schafft keine bessere Welt für die Vielen oder gar alle. Schulden müssen beglichen werden, es gibt kein Mitleid mit den Armen. Der verqueren Idee Jedermanns (nachdem sie vom Tod – Martin Heis – über ihr bald bevorstehendes physisches Ende eingehend aufgeklärt wurde), den Tresor samt wertvollem Inhalt einfach in das Jenseits mitzuschleppen, macht der gülden schimmernde Mammon (Markus Mader) gleich den Garaus. Jedermanns Vater (Reinhard Exenberger) mahnt eindringlich: „Aller Prunk ist am Ende Lügentrunk!“

„Tu andren gut, wenn du das Leben liebst!“

Ohne erhobenen Zeigefinger verharrt am Zielpunkt des Schauspiels das Wissen im Raum, dass die Misere auf unserem Planeten (nicht nur) im Zeichen von Menschlichkeit und dem Willen nach gerechter Umverteilung gewendet werden könnte. Vor diesem Szenario wirkt der von einer Sängerin vorgetragene Song „Zombie“ nicht mehr befremdlich, das Schreckensbild von den untoten Allesfressern fügt sich passend und warnend in einen aktuellen Jedermann.
Weitere Termine: 17.6., 22.6., 24.6., 10.7., 12.7., 15.7., 17.7., 19.7., 20.7., 22.7., jeweils 21 Uhr, Festungsneuhof Kufstein.

Wo: Festungsneuhof, Oberer Stadtplatz, 6330 Kufstein auf Karte anzeigen
Autor:

Klaus Adolf Steidl aus Kufstein

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