Gesundheitstalk 2018: Viele Fortschritte, k(l)eine Wunder

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Gleich die ersten Sätze, die beim heurigen Gesundheitstalk der BezirksRundschau fielen, trafen mitten ins Herz – oder vielmehr ins Kunstherz. Herzspezialist Andreas Zierer beschreibt, wie die Geräte im Lauf der Zeit von 1,5 Kilogramm auf 150 Gramm geschrumpft sind und räumt mit dem verbreiteten Irrtum auf, dass Kunstherzen menschliche Herzen ersetzen: „Der Begriff Kunstherz meint eigentlich ein Unterstützungssystem, das zusätzlich Blut in den Körperkreislauf pumpt und ihn so entlastet“, erklärt Zierer – das „alte“ Herz bleibt dem Patienten also erhalten. Immer noch problematisch sei die Stromversorgung, da dafür derzeit noch eine Kabelverbindung nötig ist – ein offenes Tor für Infektionen. Dank Induktionstechnik – bekannt von kontaktlosen Handy-Ladestationen – werde dieses Problem aber bald der Vergangenheit angehören.

„Es ist immer noch ein besonderer Moment für mich, wenn das Herz nach der OP wieder zu schlagen beginnt.“

Andreas Zierer

Zwar klingt es relativ trocken und routiniert, wenn Zierer beschreibt, wie er Brustkörbe öffnet und Herzen oft für etwa eine Stunde ruhig stellt, das Gefühl aber für das Wunder Mensch ist ihm geblieben. „Es ist immer noch ein besonderer Moment für mich, wenn das Herz nach der OP wieder zu schlagen beginnt“, beschreibt der leidenschaftliche Chirurg seine Stimmung nach dem Wiedereinleiten der Blutversorgung. Für Menschen, die ihm dienstlich möglichst nicht begegnen wollen, hat Zierer ein paar Tipps: „Nicht jeden Tag ein Schnitzel“, dafür solle man lieber öfter mal Fisch genießen. Und beim Sport nicht übertreiben – lieber regelmäßig, aber nicht zu anstrengend, sonst würde es eher das Gegenteil bewirken und zur Belastung werden – halt alles „mit Maß und Ziel“. Gegen viele Erkrankungen könne man aber nur wenig tun, so Zierer, so seien etwa Herzklappenkrankheiten oft angeboren.

Augenoperation: Je älter, desto wahrscheinlicher

Wie viele Herzleiden, so sind auch Erkrankungen der Augen oft altersabhängig. Die weltweit häufigste Operation, nämlich die beim grauen Star, müsse heute viel öfter durchgeführt werden, weil die Menschen älter werden, erklärt Augenspezialist Matthias Bolz. „Fast jeder Mensch wird früher oder später durch eine Augenoperation gehen“, ist er sicher. Unterscheiden müsse man aber zwischen nötigen und, wie Bolz sagt, „Lifestyle-Operationen“. Zu Zweiteren zählt er beispielsweise das Lasern der Augen mit dem Ziel, auf eine Brille verzichten zu können. Auch wenn immer die Möglichkeit einer Infektion bestünde, so sei die Methode heute sehr sicher, beruhigt der Spezialist. Ans Eingemachte geht es, wenn Blinde wieder sehen sollen. Falls intakte Netzhautschichten vorhanden sind, erklärt Bolz, könne man funktionsunfähige Augen durchaus wieder dazu bringen, etwa Türen zu erkennen.

„Fast jeder Mensch wird früher oder später durch eine Augenoperation gehen.“

Matthias Bolz

Das sei zwar nicht viel für einen normal Sehenden, für einen Blinden aber sei das „ein ganzes Universum“. Wie Zukunftsmusik klingt es auch, wenn Bolz von Ventilsystemen spricht, die Patienten eingebaut werden, um den Augendruck auszugleichen oder vom Austausch der natürlichen durch eine künstliche Linse – aber das alles ist bereits Realität. Errungenschaften wie etwa eine sogenannte „Mulitfokallinse“, zu vergleichen mit einer Gleitsichtbrille, haben allerdings auch Nachteile und sind nicht für jede Anwendung gleich gut geeignet. Wer beispielsweise oft in der Nacht im Auto sitzt, solle auf so etwas lieber verzichten – von den vier- bis sechstausend Euro, die der Patient dafür auslegen muss, gar nicht zu reden. Bezüglich der Urangst davor, dass jemand am eigenen Auge herumschneidet, versucht Bolz zu beruhigen: „Augenoperationen sind wirklich halb so wild.“ An einem normalen Tag führt der Chirurg übrigens zwölf bis 14 Grauer-Star-Operationen durch und verabreicht rund 15 Spritzen gegen Makuladegeneration – das wohl zweithäufigste ernst zu nehmende Augenleiden.

Gehirn-OP am wachen Patienten

Stärker von der Technik abhängig als andere Richtungen sei die Neurochirurgie, wie Andreas Gruber bemerkt. Als Beispiel nennt er eines seiner wichtigsten Instrumente: das Operationsmikroskop. Ohne dessen Hilfe wäre es gar nicht möglich, in der kleinräumigen Umgebung des Gehirns zu agieren. Völlig neue Möglichkeiten eröffnet auch das interoperative MR – ein Live-Magnetresonanzbild, das einen zweiten Blickwinkel auf die Arbeit während der Operation ermöglicht. „Manche Patienten werden heute sogar im wachen Zustand am Gehirn operiert“ – etwa um Reaktionen im Sprachzentrum sofort überprüfen zu können. In einem besonders beeindruckenden Fall beschreibt Gruber einen Patienten, der während einer Operation an dessen Gehirn auf der Gitarre spielen wollte. „Es war schon etwas makaber, als der Patient während einer Wachoperation ,Knockin’ on Heaven’s Door‘ anstimmte“, erzählt Gruber – passt aber ganz gut zur Beschreibung des Chirurgen, wie er sich im Zuge seiner Feinarbeit am menschlichen Gehirn „quasi in eine andere Welt“ begibt: „Man verliert das Zeitgefühl, vergisst Hunger und Durst – selbst der Harndrang kommt erst, wenn die Operation vorbei ist.“ Eine Absage erteilt Gruber dem sogenannten „Human Enhancement“, dem „Verbessern“ des menschlichen Körpers mittels diverser Interfaces oder Implantate.

„Es war schon etwas makaber, als der Patient während einer Wachoperation ,Knockin’ on Heaven’s Door‘ anstimmte.“

Andreas Gruber

So sei das zwar in Militärkreisen ein großes Thema, letztlich aber wenig praktikabel. Wenig Hoffnung macht Gruber auch, wenn es um die Heilung von Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson geht. Bei Erstem könne man zum heutigen Zeitpunkt gar nichts machen. Bei Parkinson würden zumindest die Symptome ganz gut unterdrückt werden können. Das funktioniere aber nur, solange ein vorher implantierter Hirnschrittmacher regelmäßige elektrische Impulse aussende. Gestiegen sei die Erfolgsquote bei der Behandlung von Schlaganfällen, so Gruber, „wir retten heute einen von zwei Patienten“. Nach wie vor gilt aber auch hier: Abgestorbene Nervenzellen bilden sich nicht mehr neu. Deshalb gäbe es für Querschnittsgelähmte noch immer keine Therapiemöglichkeit – Gerüchte von Kopftransplantationen und zusammenwachsenden Nervensträngen seien absolut nicht glaubwürdig.

Was deutlich wird, ist dass zwar permanent Fortschritte gemacht werden und das in vielen Bereichen der Medizin. Viele Dinge, von denen wir seit Jahren träumen, sind aber nach wie vor Science-Fiction – die Frage ist, wie lange noch.

Die Spezialisten

Matthias Bolz, Augenspezialist
Matthias Bolz ist Spezialist für Augenerkrankungen und Vorstand der Abteilung für Augenheilkunde und Optometrie am Kepler Universitätsklinikum. Arbeitsschwerpunkte Bolz’ liegen unter anderem in der Operation des grauen Stars und der Horn- und Netzhautchirurgie. Der erst 39-Jährige ist zudem im Vorstand der Österreichischen Ophthalmo- logischen Gesellschaft aktiv. In der Fachwelt genießt Bolz eine herausragende Reputation.

Andreas Zierer, Herzspezialist
Andreas Zierer ist Vorstand der Kepler Universitätsklinik für Herz-, Gefäß- und Thoraxchirurgie und hat den Lehrstuhl für eben dieses Gebiet an der Medizinischen Fakultät Linz inne. Der gebürtige Welser leitet zudem das standort- übergreifende oberösterreichische Referenzzentrum für Herz-, Gefäß- und Thoraxchirurgie. Zuvor war Zierer in leitenden Positionen am Klinikum der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main und an der Privatklinik Helios in Siegburg tätig.

Andreas Gruber, Gehirnspezialist
Primar Andreas Gruber ist Professor für Neurochirurgie an der Medizinischen Fakultät in Linz und Vorstand der Universitätsklinik für Neurochirurgie. Der gebürtige Wiener ist außerdem ausgebildeter Notarzt und Additivfacharzt für Intensivmedizin. Zuletzt war er als geschäftsführender erster Oberarzt an der Universitätsklinik für Neurochirurgie Wien tätig. Gastprofessuren führten ihn unter anderem schon an die Universitäten von Oxford und Helsinki. 


Der BezirksRundschau Gesundheitstalk

Der Gesundheitstalk der BezirksRundschau fand heuer bereits zum zweiten Mal statt. Das noch junge Diskussionsformat brachte wieder heimische Spitzenmediziner auf das Podium im Festsaal der Johannes Kepler Universität, die BezirksRundschau-Chefredakteur Thomas Winkler Rede und Antwort standen. Thematisiert wurden die jeweiligen Fachbereiche der anwesenden Ärzte und was dort aktuell möglich ist bzw. was in der Zukunft möglich sein könnte. Das Talk-Format vor Live-Publikum kann als Begleit-Event zur dieswöchigen Ausgabe der BezirksRundschau gesehen werden und unterstreicht den Gesundheitsschwerpunkt des Produkts. Die im Vorfeld angekündigte Vizerektorin der Medizinischen Fakultät Linz und Spezialistin für Anästhesiologie, Lungenzirkulation und Schmerzforschung, Andrea Olschewski, konnte leider aus gesundheitlichen Gründen nicht dabei sein.

Alle Fotos: BRS

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