Betreiber gehen in die Offensive
Reinhard Kuktits: Nicht jeder weißer Stein ist auch Asbest
- "Nicht jeder weiße Stein ist Asbest - es ist unbedenkliches Talk-Gestein", so Reinhard Kuktits, ein langjähriger Steinbruchmitarbeiter.
- Foto: Peter Seper
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Die von betroffenen Steinbruchbetreibern gegründete ARGE Naturgestein übt heftige Kritik an Greenpeace und fordert "die Verbreitung unfundierter Informationen einzustellen". Gleichzeitig holte die ARGE eigene Experten ins Boot, die viele Vorwürfe relativierten. MeinBezirk sprach mit einem Mitarbeiter, der durch die Schließung quasi den Job verloren hat.
BEZIRK OBERWART. Nach einer intensiv geführten medialen Kampagne haben sich vier betroffene Abbaubetriebe von Hartgesteinen im Burgenland zur ARGE Naturgestein zusammengeschlossen und unabhängige Experten von Weltruf hinzugezogen, um der emotional geführten Debatte mit Fakten entgegenzutreten.
Faktum ist, dass in zahlreichen Hartgesteinen der natürliche Stoff Asbest in gebundener Form vorkommt und als solcher vollkommen unbedenklich ist. Dazu Professor Martin Kirschbaum, ein europaweit führender Experte von der RWTH Aachen, der sich seit Jahren intensiv mit der Thematik befasst: „Die Greenpeace-Kampagne stellt gravierende Vorwürfe an Steinbrüche und eingesetzte Baustoffe im Burgenland, stützt diese aber ausschließlich auf eigene, nicht transparent geplante Probenahmen sowie Analysen in einem externen Labor und auf eine sehr zugespitzte Öffentlichkeitsarbeit.“
- In Pilgersdorf gab es eine Begehung mit Vertretern der ARGE Naturgestein - auch aus dem Bezirk Oberwart.
- Foto: MeinBezirk/Victoria Rosenberger
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Nur gefährlich als mikroskopisch kleine Faser
Ein entscheidender fachlicher Punkt ist die Unterscheidung zwischen dem Vorhandensein von Asbestmineralen im Gestein und der tatsächlichen Gesundheitsgefährdung durch freigesetzte Asbestfasern. Asbestminerale können in natürlichen Gesteinen vorkommen, ohne dass zwangsläufig eine relevante Faserfreisetzung stattfindet.
"Gefährlich sind insbesondere die sogenannten WHO-Fasern: dünne, lange, lungengängige Fasern, die bei intensiver mechanischer Bearbeitung (z. B. Sägen, Schleifen, Fräsen) entstehen und eingeatmet werden können. Eine bloße Feststellung „Asbestmineral vorhanden“ oder eine nicht abgesicherte Prozentangabe ersetzt daher keine Bewertung des Expositionsrisikos. Eine fundierte Gefährdungsbeurteilung muss die eventuelle Faserfreisetzung und die tatsächliche Belastung der Luft berücksichtigen", so Kirschbaum.
- Auch im Steinbruch Bernstein steht der Abbau seit Dezember still.
- Foto: MeinBezirk/Lisa Stöckl
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Richtlinie für Beprobung wenig geeignet
"Greenpeace hat zudem eine Untersuchungsmethode von Baurestmassen auf Naturgestein angewandt. Die VDI-Richtlinie 3866 ist primär konzipiert für technische Produkte, bei denen Asbestfasern bewusst in der Herstellung zugesetzt wurden (etwa klassische Asbestbaustoffe). Die Richtlinie ermöglicht im Wesentlichen qualitative Aussagen, ob Asbest vorhanden ist oder nicht. Diese Richtlinie ist jedoch nicht darauf ausgelegt, in heterogenen, geogenen Gesteinen den Asbestgehalt als Massenprozent zuverlässig und normgerecht zu quantifizieren", so Kirschbaum.
"Es entsteht der Eindruck unsystematischer, punktueller Entnahmen an Orten, die sich vor allem zur medialen Darstellung eignen.“
Martin Kirschbaum, RWTH Aachen
Für die hier relevante Fragestellung – das Vorhandensein natürlich vorkommender Asbestminerale in Gesteinskörnungen – ist die VDI 3866 daher nur bedingt oder gar nicht geeignet. Anstelle dessen wären die Methoden und Vorgaben der TRGS 517 (Technische Regel für Gefahrstoffe) anzuwenden gewesen. Kirschbaum stellte zudem fest, dass das von Greenpeace nominierte Labor nicht ausreichend zertifiziert ist, um tatsächliche Referenzmessungen durchzuführen: „Nach den Greenpeace-Unterlagen wurden die Proben an unterschiedlichsten Stellen im öffentlichen Raum entnommen, darunter Parkplätze, Geh- und Radwege, Straßenbankette und Bereiche mit Streusplitt. Die Auswahl dieser Orte erfolgte ersichtlich ohne einen dokumentierten Probenahmeplan. Es gibt keine nachvollziehbare Begründung, warum gerade diese Stellen ausgewählt wurden, inwieweit sie das Burgenland oder auch nur einzelne Gemeinden repräsentativ abbilden sollen oder auf welcher fachlichen Hypothese die Auswahl beruht.
- Der Steinbruch in Badersdorf ist von der Schließung betroffen.
- Foto: MeinBezirk/Michael Strini
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Kritik an Probenentnahmen
Zudem kritisiert der Experte die Probenentnahme massiv: „Die bereitgestellten Fotos und Beschreibungen zeigen unter anderem, dass häufig einzelne auffällige Steine oder Körner von Streusplitt gezielt in Reagenzgläser verbracht wurden. Teilweise wurden aus größeren inhomogenen Flächen nur kleinste Bereiche oder wenige Partikel entnommen. Eine flächenbezogene, gemittelte Probenahme – etwa durch Entnahme vieler Teilproben und deren Mischung zu einer repräsentativen Gesamtprobe – ist nicht erkennbar. Auf diese Weise wird die Möglichkeit begünstigt, besonders auffällige oder untypische Partikel zu selektieren, was statistisch und normativ nicht als repräsentativ gelten kann.“
Für den Experten gilt daher ein klares Fazit: „Die von Greenpeace abgeleiteten Forderungen – insbesondere die Schließung von Steinbrüchen, Sperrungen von Flächen und ein generelles Verbot des Inverkehrbringens bestimmter mineralischer Produkte – setzen voraus, dass eine schwerwiegende, normübersteigende Gefährdungslage fachlich zweifelsfrei belegt ist. Eine solche Beleglage ist auf Basis der bisher publizierten Daten nicht gegeben. Vor diesem Hintergrund erscheinen pauschale Forderungen nach Stilllegungen und Verboten aus technischer und rechtlicher Sicht nicht hinreichend begründet. Gefährdend könnte eine allfällige Belastung der Atemluft mit bestimmten Asbestfasern sein. Das Messen von Asbestmineralien in handverlesenen Natursteinen gibt darüber keine Auskunft.“
Betreiber prüfen juristische Schritte
Die Betreiber der betroffenen Anlagen prüfen indes rechtliche Schritte. Dazu Frank Eichhorn, zuständig für den Steinbruch in Pilgersdorf: „Wir haben in den letzten Wochen auf eine Versachlichung der Diskussion gehofft. Meine Mitarbeiter haben Angst um ihren Job. Hier wird auf dem Rücken der Menschen billige Polemik gemacht.“ Durch Steinbruchschließung müssen Rohstoffe per Lkw geliefert werden.
"Weder von den betroffenen Betrieben noch von den dort gewonnenen Steinen geht oder ging nach meiner langjährigen Erfahrung eine Gefahr für Menschen - weder für die Mitarbeiter noch für Anwender oder Bevölkerung - aus. Die Art und Weise, wie hier vorgegangen wurde, ist weder wissenschaftlich noch seriös und ausschliesslich dazu ausgerichtet die Menschen zu verängstigen."
Martin Kirschbaum
„Dabei fallen mehr als 3 Millionen Lkw-Kilometer pro Jahr zusätzlich an. Ginge es den Damen und Herren von Greenpeace tatsächlich um die Menschen und deren Wohlbefinden, würden sie auch dieses Faktum berücksichtigen“, kritisiert Frank Iszovics vom Steinbruch in Bernstein. Kirschbaum erneuerte seine Kritik an Greenpeace: "Was hier gemacht wurde, ist nicht in Ordnung. Einzelne Steinchen in großer Inszenierung per Pinzette in Reagenzgläsern zu packen und daraus einen Skandal zu konstruieren, ist aus wissenschaftlicher Sicht abzulehnen. Serpentinit ist ein Hartgestein, da wird, auch wenn auf Forstwegen ausgebracht, eine mechanische Belastung ausgeübt, die kein Risiko darstellt. Dahingehend kann ich den Menschen versichern, die Steine aus Pilgersdorf, Badersdorf, Rumpersdorf und Bernstein sind nicht gefährlich.“
- Foto: Greenpeace
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Greenpeace wehrt sich
Diese Kritik wiederum wies Greenpeace in einer Aussendung zurück: "Die nach wissenschaftlichen Standards gezogenen Greenpeace-Proben zeigen brüchige Asbestfasern an stark strapazierten Oberflächen. Klarerweise landen hier krebserregende Asbestfasern in der Luft. Die Steinbruchbetreiber müssen zur Kenntnis nehmen, dass das Geschäftsmodell Asbestschotter keine Zukunft hat. Eine Wiedereröffnung der Steinbrüche ist aufgrund der Asbestfaserbelastung undenkbar“, so Greenpeace-Umweltchemiker Herwig Schuster.
- Reinhard Kuktits hofft auf rasche Entscheidungen, wie es weitergeht. Es geht um zahlreiche Arbeitsplätze.
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Langjähriger Mitarbeiter bangt um Job
Ein langjähriger Mitarbeiter im Steinbruch Rumpersdorf ist Reinhard Kuktits, der im Gespräch mit MeinBezirk ebenfalls heftige Kritik an der Umweltschutzorganisation und dem Vorgehen der Behörden übt: "Ich arbeite seit 38 Jahren im Steinbruch Rumpersdorf, wo der Steinabbau von der Familie Postmann aus Drumling im vorigen Jahrhundert begonnen wurde. Weit über 100 Menschen aus der Region haben in den letzten Jahrzehnten im Steinbruch ihre berufliche Zukunft gefunden. Die Betriebsleitung hatte die gesetzlichen Vorgaben für den Steinabbau strengstens eingehalten. Die Mitarbeiter wurden alle in einem Zweijahresrhythmus lungenfachärztlich untersucht und getestet - und es gab bis heute keine überhöhte Sterblichkeit."
Seit Greenpeace die Asbestbelastung in vier Steinbrüchen im Süd- und Mittelburgenland thematisierte, wird medial in erster Linie über Greenpeace und die untersuchten Gesteinsproben berichtet, so Kuktits: "Dabei sollte man nicht vergessen, nicht jeder weiße Stein ist Asbest – die meisten sind unbedenklicher Talk. Wie sehr die Schließung der Steinbrüche Pilgersdorf, Bernstein, Rumpersdorf und Badersdorf viele Arbeitsplätze im Bereich Steinabbau, Transportunternehmen und auf Baustellen gefährdet, darüber wird nicht berichtet. Die Politik scheint den volkswirtschaftlichen Schaden für den heimischen Tourismus, der durch die Greenpeace-Behauptung eines „halb verseuchten Burgenlandes“ entstand, weitgehend zu ignorieren."
- Reinhard Kuktits kritisiert das ständige Auf und Ab in der Diskussion.
- Foto: Peter Seper
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Kein "Licht am Berufshorizont"
"Und damit bin ich auch schon beim Kernthema – wir Steinbruchmitarbeiter von „Klöcher Bau“ leben die Loyalität zu unserem Arbeitgeber. Nur sehen wir in der Causa Steinbruchschließung kein „Licht am Berufshorizont“ – weder die Bezirkshauptmannschaft noch das Land Burgenland oder die eingerichtete Taskforce haben in den letzten vier Monaten Klartext gesprochen, ob und wie es weitergehen soll. Es reden alle im Kreis, und obwohl Umweltmediziner und Mitglied der Taskforce, Hans Peter Hutter, die Luftmessungen als unbedenklich einstufte, gibt es keine Entscheidung, unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen die Sperre aufgehoben werden kann."
"Wir Mitarbeiter warten auf klare Entscheidungen und Aussichten, wie es um unsere Arbeitsplätze steht. In persönlichen Gesprächen wird klar, über 90 Prozent der Menschen stehen hinter uns Mitarbeitern. In Medien werden seit Monaten hauptsächlich die Meldungen und Äußerungen von Greenpeace kommuniziert und damit Angst in die Bevölkerung getragen. Dass wir mit der Entscheidung der Bezirkshauptmannschaft und voreiligen Schließung der Betriebsstätten unsere Jobs verloren haben, davon lese ich wenig in der medialen Berichterstattung“, so Kuktits, der auf eine baldige Lösung hofft. Konkret betroffen sind in drei Steinbrüchen im Bezirk Oberwart 39 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (Rumpersdorf und Bernstein jeweils 15, Badersdorf neun).
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