Kulturgut
Watten im Zillertal – Wenn der Rechte wieder regiert
- Das Watten ist ein äußerst beliebtes Kartenspiel in der Region und darüber hinaus.
- Foto: privat
- hochgeladen von Florian Haun
Wenn im Herbst die Tage kürzer werden und die Abende länger, dann ist es wieder soweit und die Wirtshausstuben füllen sich. Dann ist wieder Watterzeit. Kein anderes Kartenspiel ist im Tal so sehr Volks- und Kultursport zugleich, keines wird so leidenschaftlich gespielt, keines so heftig diskutiert. Und genau jetzt, zwischen Almabtrieb und Advent, beginnt wieder die Saison der Watterturniere: Von den Gaststuben in Fügen und Hart bis zum Western Saloon in Aschau rücken die Paare an, um Schlag, Trumpf und Nerven zu messen.
Ein Spiel wie das Zillertal: bodenständig und mit List
Watten wird mit vier Spielern in zwei Teams gespielt, in Tirol klassisch mit dem Salzburger Kartenblatt – Schellen, Herz, Laub und Eichel. Jeder Spieler erhält fünf Karten, doch die eigentlichen Herrscher des Spiels werden erst gar nicht ausgeteilt: Sie werden angesagt. Der Spieler links vom Geber bestimmt den Schlag, also einen Kartenwert – etwa den Unter oder die Sieben. Der Geber sagt anschließend den Trumpf an, eine der vier Farben. Nur diese beiden Spieler dürfen ihre Karten ansehen; die Partner müssen aus dem Spielgeschehen herausfinden, was überhaupt angesagt ist. Daraus ergibt sich die ganze Spannung des Wattens: Es ist ein Spiel der Halbinformation, der Diskretion und der Menschenkenntnis. Wer zu deutlich „blinkt“ oder sich verzinkt, verrät den Gegnern mehr, als ihm lieb ist. Reden über die Karten ist streng verboten – ein Blick, ein Zögern, ein bedächtiges Zuschieben der Karte kann jedoch Bände sprechen.
Die Hierarchie: Kritische, Rechter, Blinde
Was das Watten so eigenwillig macht, ist seine Kartenordnung. An der Spitze stehen die Kritischen – Karten, die immer Trumpf sind und selbst den besten Rechten schlagen. In der verbreitetsten Variante sind es der Maxl (Herz-König), der Bell (Schell-Siebener) und der Spritzer (Eichel-Siebener). Erst danach folgt der Rechte (im Zillertal oft auch Haube genannt): jene Karte, die sowohl Schlag als auch Trumpffarbe ist – die heimliche Hauptperson jeder Runde. Danach kommen die drei übrigen Karten des Schlages, die Blinden, gefolgt von den regulären Trümpfen und den Karten der Seitenfarben.
Ein Stichgewinn folgt strengen Regeln: Trumpf sticht Farbe, höherer Trumpf sticht niederen, Schlag sticht Trumpf – und der Rechte sticht alles außer den Kritischen. Wer drei Stiche holt, gewinnt das Spiel. Wer sich beim Stich vergreift, wird vom Nachbarn spätestens beim nächsten „Geh di zua!“ erinnert.
Watten als Dorfsport: die Turniere
Im Zillertal ist Watten mehr als Zeitvertreib – es ist ein soziales Ereignis. Bei den Watterturnieren, die von Herbst bis Frühjahr in Wirtshäusern, Gemeindesälen und Vereinslokalen über die Bühne gehen, wird zünftig um Sachpreise gespielt: vom Fleischkorb über Schnaps und Zehnerlümmel bis zum Wanderpreis. Turnierwatten wird meist nach strikten Regeln gespielt: fester Ablauf, Turnierleitung, mit Vor- und Hauptrunde bis zum Finale. Wer im Zillertal ein Watterturnier miterlebt, weiß: Hier wird gelacht, geseufzt und geflucht, hier entstehen Freundschaften und hier werden Rechnungen beglichen – zumindest symbolisch. Die alten „Watterhasen“ sitzen neben der Jugend, die es erst lernen muss, dass der Bell nicht zu schlagen ist und dass man den Trumpf nicht immer zugeben sollte, wenn man den Rechten noch in der Hand hält.
Der Rechte muss sitzen
Watten ist ein Spiel der Andeutungen, der Halbwahrheiten und der feinen Gesten – und genau deshalb passt es so gut ins Zillertal. Es verbindet Generationen, füllt die Gasthäuser und schenkt den langen Herbst- und Winterabenden einen würdigen Rahmen. Und wer im Herbst durch das Tal fährt und in einer Stube ein konzentriertes Schweigen wahrnimmt, unterbrochen von einem triumphierenden „Rechter!“ – der weiß: Hier wird um die Ehre gespielt. Und die Saison hat gerade erst begonnen. Also: Karten mischen, Schlag ansagen, Trumpf wählen – und auf den Rechten hoffen. Viel Erfolg beim nächsten Turnier!
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