11.09.2014, 13:48 Uhr

"Extreme Meinung ist oft Absicht"

Professor Senad Kusur (Foto: Zeiler)

Übersetzung ist nicht einfach, zumal es nicht nur eine Interpretation des Islam gibt.

BEZIRK TULLN. Die Verhaftung eines islamistischen Gotteskriegers im Bezirk Gmünd zeigt: Der internationale Terror reicht bis Niederösterreich. In folge steigt das Misstrauen gegenüber muslimischen Einrichtungen. Wer sind die rund 100.000 Muslime in unserem Bundesland? Die Bezirksblätter Tulln besuchten den Bildungs-, Kultur- und Sportverein der Bosniaken-Keveser in der Tullner Langenlebarnerstraße. Ein kleiner Verein mit großen Plänen, wie Theologe Senad Kusur erzählt. Das bestätigt sich auch, denn an den Wänden hängen bereits Ideen für ein eigenes Vereinshaus mit Tagungsräumen und Moschee. 
Hier in der Langenlebarnerstraße jedoch gibt es bereits jetzt die Möglichkeit, für bosnische Muslime sich auszutauschen, die Tradition zu bewahren und – im Untergeschoß – zu beten. Aber natürlich werden auch die Muttersprache sowie traditionsverbundene Rituale gepflegt.

Sprache als Barriere

Den Islam in der bosnischen Sprache zu erklären, mag einfach sein: „Doch so ist es nicht auf Deutsch. Hier muss man sich entweder christlicher Begriffe bedienen oder deskriptiv den Sachinhalt erklären“, so Kusur, außerdem „gilt nicht nur das vermittelte Wort, sondern auch die Tradition, Spiritualität und die Ethik, die erlebbar gemacht wird“. Daher ziehen Eltern oftmals vor, die Kinder hier auszubilden. Außerdem sei es ein großer Fehler, den jungen Menschen die Religion aufsetzen zu wollen: „Sie müssen sie fühlen und verstehen. Wir dürfen der Jugend nicht das Recht nehmen, das Leben dieser Menschen vorzubestimmen“, so der Theologe. 

Eine Frage der Formulierung

Die verschiedenen islamischen Interpretationsweisen sind zwar durch die ganze Geschichte der islamischen Theologie bekannt, doch in der heutigen pluralen Gesellschaft haben wir das Phänomen, dass diese unterschiedlichen Interpretationen in einem völlig neuem Kontext einander im Lebensraum der gläubigen begegnen. Eine große Herausforderung liegt darin, die Inhalte im heutigen gesellschaftlichen Kontext zu verstehen und zu leben. Da heißt es auch der Vergangenheit auf den Grund zu gehen: „Die Menschen sind verunsichert, wenn die Theologie oder die Tradition, als gelebte Religiöse Praxis, die lange gelebt wurde, plötzlich nicht mehr zeitgemäß ist. Und genau dann ergeben sich Gefahren für Extremlösungen. Deswegen soll man besonders jungen Menschen sehr viel Aufmerksamkeit schenken und sie zu mündigen Personen in ihrer Religiosität werden lassen“. 

Schwarz-Weiß ist gefährlich

Aber es gibt eben nicht nur die eine Interpretation der islamischen Theologie, genauso wenig wie es nicht nur Schwarz und Weiß gibt. Das wäre ein gefährliches Bild, ähnlich jenen Menschen, die sich das Recht nehmen, für alle Muslime zu sprechen. Schließlich fordert jede Religion dazu auf, mündig zu sein. „Wenn jedoch die eigene Meinung einer kollektiven untergeordnet wird, dann wird damit der Sinn der Religion nicht erfüllt. Und dafür gibt es auch einen Ausdruck: „Taqlīd, das bedeutet blinde und unkritische Nachahmung“. Der Zweck der Religion ist es, Gott zu dienen und ein besseres Leben zu führen. Reiner Missbrauch ist es, wenn der Zweck jedoch ideologisch eingeordnet wird. 

Zusammenleben in der Region Tulln

„Wir sind nicht von Beruf Muslime, wir sind Menschen, die in verschiedenen Nachbarschaften leben“. Zudem dürfe man nicht die „als Quelle für unangenehme Situationen in der Religion sehen“. Das Zusammenleben in Tulln ist sehr gut, sowohl für Muslime als auch für die Österreicher, die sich über „exotische Gesprächspartner“ freuen. Vieles hat sich verändert: „Vor etwa zehn Jahren, als wir übers Wochenende nach Bosnien fuhren, bezeichneten wir dies noch als ,zu Hause‘ jetzt ist es umgekehrt, wenn wir nach Tulln kommen, freuen wir uns, wieder in der Heimat zu sein“. 

Erklärungen sind wichtig

Dem nicht genug, sprachen wir mit Ibrahim Mohammed über das Thema, islamischer Lehrer: Die Schüleranzahl jener, die im Islam unterrichtet werden, stagniert: In Purkersdorf sind es etwa zwei oder drei – so auch in den vergangenen Jahren. Grundsätzlich jedoch tendieren Schüler auch dazu nach St. Pölten oder Wien auszuweichen, um dort den Islam-Unterricht in Anspruch zu nehmen.
In der Region seien die Schüler sehr friedlich, anders jene aus beispielsweise Tschetschenien, Bosnien: „Hier muss man vieles erklären. Da sie einfach andere Dinge erleben mussten und dadurch konnten manche auch aggressiver geworden sein“, weiß Ibrahim. Daher müsse man gerade in Sachen Jugend am Ball bleiben um anhand von Sozialen Netzwerken zu erkennen wie die Jugendlichen heutzutage denken: „Jugendliche, die den Islam einseitig, studieren (befassen, begreifen, verstehen), sollte man aufklären, dass es mehrere (Glaubens)Schulen gibt“, so der Professor, der in den Ferien sowohl in der Moschee (in Wien) als auch in Jugendzentren, Nachbarschaftszentren den Islam näher gebracht hat.

Doch – wie steht‘s um das Weltbild?

"Von Gott weitergeleitet an Unsere Propheten. (Da die Muslime an alle Gesandten bzw. Propheten glauben müssen. Moses (a.s.)*, Jesus (a.s.), Mohammad (a.s.) ) müssen wir den Frieden weitertragen und verkünden“, so der Professor, der überzeugt ist, dass die Wurzeln der Extremisten überhaupt nicht in den Religionen der Welt zu suchen sind, sondern eher in der Politik und Wirtschaft

Sprache als Handicap

Die Übersetzung aus dem Arabischen ist nicht leicht, oft käme es vor, dass dies absichtlich ausgenützt werde um eine extreme Meinung zu verbreiten. „Unser Gott meint es gut mit uns Menschen und er will uns nicht so viel Belastung auferlegen, schon gar nicht will er, dass wir gegeneinander kämpfen. Sondern ER will sehen wie wir Menschen miteinander umgehen", so Ibrahim abschließend.

*(a.s.) = Friede sei mit Ihm
0
Weitere Beiträge zu den Themen
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.