Fall aus Ferndorf als Auslöser für Diskussion
Bürokratieflut trifft kleine Bauern mit Wucht
- Können Kühe ohne Auslauf im Stall glücklich sein? Höchstwahrscheinlich nicht!
- Foto: Tanja Handlfinger
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Vielen Landwirten im Bezirk Villach machen immer höher werdende Auflagen zu schaffen. Werden Kleinbauern bald mit noch mehr Bürokratie überhäuft?
VILLACH, VILLACH LAND. Ein Milchbauer aus Ferndorf hält seine Kühe noch immer in Anbindehaltung – obwohl diese Haltungsform längst nicht mehr den geltenden Vorgaben entspricht. Die Konsequenz: Kärntnermilch darf seine Milch derzeit nicht mehr abholen oder verarbeiten. Während der Landwirt laut Kleine Zeitung täglich bis zu 300 Liter Milch verschenkt oder sogar wegschütten muss, entfacht der Fall eine Grundsatzdiskussion über Tierwohl, Bürokratie und die Zukunft kleiner Familienbetriebe. Für Gerhard Altziebler, dritten Präsidenten des Kärntner Gemeindebundes, Bürgermeister der Nachbargemeinde Fresach und Mitglied des Rinderzuchtvereins "caRINDia", ist der Fall ein Sinnbild für eine aus dem Ruder gelaufene Entwicklung: "Das ist die Ausuferung einer verfehlten Agrarpolitik, weil man immer mehr vor EU-weiten Auflagen in die Knie geht. Den Tieren im Stall des besagten Milchbauern geht es gut. Sie sind sauber und werden jeden Tag bestens gepflegt und umsorgt", stellt er klar.
- "Das ist kein Einzelfall. Viele Kleinbetriebe haben bereits ihre Höfe zugedreht" – Gerhard Altziebler
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Ländlicher Bereich kaputt?
Dass Tierwohlstandards eingehalten werden müssen, sei unbestritten. Altziebler sieht allerdings die Politik in der Pflicht, bei der Umsetzung stärker zwischen kleinen Familienbetrieben und großen Agrarbetrieben zu unterscheiden. "Mit solchen Auflagen macht man komplett den ländlichen Bereich kaputt. Ich finde auch, dass man zwischen Kleinbetrieben und Big Playern differenzieren muss. Die Interessenvertretung, die sich Landwirtschaftskammer nennt, müsste viel stärker hinter ihren Schäfchen stehen und verstehen, dass sich viele die vorgeschriebenen Umbauten schlicht und einfach nicht leisten können." Altziebler kritisiert außerdem, "dass während unsere eigenen Bauern mit Auflagen gequält werden, ausländische Produkte in unseren Supermarktregalen landen, für die es im jeweiligen Land kaum Auflagen gibt – keine Hygienestandards, keine Tierwohlkriterien, nichts!".
Kammer kennt Sorgen
Auch in der Landwirtschaftskammer seien die Sorgen vieler Landwirte tägliches Thema. Steigende Kosten, sinkende Erzeugerpreise und immer strengere Vorgaben würden zahlreiche Betriebe massiv unter Druck setzen. "Die sinkenden Preise für Milch, Fleisch und Co. zwingen unsere Produzenten in die Knie. Auch im Bezirk Villach sehen sich viele Kleinbetriebe nicht mehr drüber. Der genannte Fall ist kein Einzelfall", betont LK-Vizepräsident Roman Linder.
- LK-Vizepräsident Roman Linder nimmt auch "seine" Kammer in die Pflicht: "Die Realität ist, dass sich viele Betriebe Investitionen nicht leisten können."
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Übermaß an Bürokratie
Auch er sieht in der wachsenden Bürokratie eine erhebliche Belastung: "Der Bauer verbringt mehr Zeit im Büro als draußen bei seinen Äckern, Wäldern und Tieren. Es braucht einen Kahlschlag in der Bürokratie – und einen Abbau von Jobs in der Kammer, bei der AMA und bei Jugendinstitutionen, damit der Leittragende nicht der kleine Landwirt ist. In der nächsten Förderperiode kommt der nächste Einschnitt, wenn die EU mit minus 30 Prozent der Ausgleichszahlungen daherkommt. Das wird viele treffen – Kleine und Große."
Geht es auf der Alm weiter?
Für Linder reichen die Probleme weit über die Milchwirtschaft hinaus. Auch Fleischproduzenten, Mutterkuhbetriebe und Direktvermarkter würden zunehmend unter Druck geraten. "Man bekommt immer weniger für seine Produkte beziehungsweise Tätigkeiten. Das betrifft auch die Almwirtschaft. Unsere Almen werden verwalden, wenn sie niemand mehr pflegen kann!"
- Helmut Petschar, Geschäftsführer von Kärntnermilch
- Foto: Kärntnermilch
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"Keine Milch ohne Siegel"
An dieser Stelle ist anzumerken, dass weder die AMA noch Kärntnermilch daran schuld sind, dass die Milch des besagten Landwirts aus Ferndorf nicht mehr verarbeitet werden darf. "Dauernde Anbindehaltung ist seit 2005 verboten beziehungsweise nur noch in absoluten Ausnahmefällen bedingt gestattet. Das neue AMA-Gütesiegel 'Tierhaltung plus' stellt klar, dass Tiere mindestens 120 Tage im Jahr Auslauf und Weidehaltung brauchen. Unser Qualitätsversprechen ist ganz klar jenes der 'Tierhaltung plus'", verrät Helmut Petschar, Geschäftsführer von Kärntnermilch, im Interview mit MeinBezirk Villach.
"Staat prüft, nicht wir"
Der Milchexperte stellt auch klar, dass die Kontrollen nicht von seinem Unternehmen durchgeführt werden, sondern von einer staatlichen Kontrollinstanz: "Besagter Bauer hatte drei Jahre Zeit und hat seine Umbauten trotzdem nicht gemacht. Wir dürfen seine Milch nicht mehr abholen. Aber er hat jetzt die Möglichkeit, für Auslauf zu sorgen und die Nachkontrolle zu bestehen. Dann darf er auch wieder liefern. Im Prinzip muss er nur vor seinem Stall einen Zaun errichten und seine Kühe ins Freie lassen. Das sollte machbar sein."
"Unterstützen die Bauern"
Als Kärntnermilch das neue Gütesiegel eingeführt hat, wurden sämtliche Bauern aufgeklärt, beim Umstieg begleitet und unterstützt. "Ganz, ganz viele haben in diese Richtung investiert. Auch viele Kleinbetriebe haben umgebaut. Wir machen keine Abstriche, wenn es um das Tierwohl geht", unterstreicht Petschar: "Unser Qualitätsversprechen, das wir unseren Konsumenten geben, werden wir immer einhalten. Ich möchte aber auch betonen, dass es sich um Einzelfälle handelt. Alle Kärntnermilch-Produzenten – also aktive – stehen voll und ganz hinter unseren qualitativ hochwertigen Produkten."
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