16.09.2016, 09:14 Uhr

Tierschützer Balluch: "Tierliche Person im Gesetz einführen"

"Tiere sind politisch nicht repräsentiert, daher setzen wir uns als Gewerkschaft der Tiere für die Verbesserung der Tierhaltung ein." (Foto: Arnold Burghardt)

Martin Balluch vom Verein gegen Tierfabriken, spricht mit meinbezirk.at über die Jagd, Fleischkonsum und warum wir laut Gesetz Schweine, Kühe und Hühner essen dürfen, Katzen und Hunde aber nicht.

Die Aktionen des Verein gegen Tierfabriken (VgT) sorgen meist für viel Wirbel. Zuletzt die Aktionen gegen Gatterjagden. Wollen Sie die Jagd generell abschaffen?
MARTIN BALLUCH:
Wenn ich ein Jagdgesetz machen könnte, würde ich nicht reinschreiben "Die Jagd ist abgeschaftt". Ich würde aber den Spaß- und Zuchtfaktor herausnehmen und stattdessen Ökologie und Tierschutz zentral machen. Derzeit ist fast das Gegenteil der Fall: Es gibt massive Fütterungen, um möglichst viele Tiere zum Schießen zu haben.

Den VgT gibt es seit 1992. Was haben Sie seitdem für die Tiere erreicht?
Das Legebatterie-Verbot, das 2009 in Kraft getreten ist, ist einer der ganz großen Erfolge. Mit diesem Verbot haben wir gezeigt, was möglich ist, wenn alle mitziehen, also die Konsumenten, die Halter und der Handel. Denn es ist uns auch gelungen Käfigeier aus dem Supermarkt zu bekommen. Vorher kam von der Politik das Totschlag-Argument: "Verbessern wir die Tierhaltung, kommen die Produkte aus dem Ausland und die Tierhaltung in Österreich stirbt". Das Verbot von Pelztierfarmen haben wir 1998 erreicht. Es war weltweit das Erste.

Welche weiteren tierschutzrechtlichen Anliegen stehen oben auf der Liste des VgT?
Neben der Gatterjagd, wo wir versuchen ein bundesweites Verbot zu erwirken – es gibt sie noch in Niederösterreich, Salzburg, Burgenland und Wien – haben wir 2012 ein Kastenstandverbot für Mutterschweine erreicht. Die Kastenstände sind körpergroße Käfige, in denen Mutterschweine ihr ganzes Leben stecken. Leider tritt das Gesetz erst 2033 in Kraft. Verbesserungsbedarf gibt es beim Anbindehaltungsverbot von Rindern, das es seit 2005 gibt. Denn wegen einer Reihe von Ausnahmen ist noch immer die Hälfte der Milchkühe ständig angebunden. So darf man die Kuh an der Kette lassen, wenn man Angst vor ihr hat. Wenn jemand Angst vor einer Kuh hat, sollte er doch besser keine halten.

Sind Sie grundsätzlich gegen Nutztierhaltung?
Mein Ideal ist, dass man Tiere nicht verletzt, wenn es nicht notwendig ist. Dazu gehört auch sie zu töten, um sie zu essen. Darum lebe ich vegan. Wenn man nur ganz selten Fleisch essen würde, dann könnte man Tiere besser halten.

Wenn der Fleischkonsum stark zurückgeht, hätte das aber fatale Folge für viele Landwirte und die Fleischindustrie.
Sicher. Aber sie haben sich mitunter auch selbst in diese Ecke manövriert. Vor allem in den 1970er Jahren hat es einen intensiven Preiskampf gegeben. Dadurch ist Schweinefleisch zum billigen Massenprodukt geworden und man kann nur verdienen, wenn man eine irre Menge an Schweinen hat. Die Konsumenten, die billiges Fleisch haben wollen, sind wohl auch mitverantwortlich. Das Gegenteil wäre besser, nämlich die Haltung extensiv zu machen und höhere Preise einzuführen. Man hält weniger Tiere und verdient besser. Durch Zucht haben wir heute Hochleistungsmilchkühe. Selbst Biokühe können den Energiebedarf, den ihre Euter durch Zucht vorgeben, allein mit Gras nicht decken. Sie bekommen energieintensive Nahrung, die sie aber nicht verdauen können. Daher bekommen sie Pansen-Stabilisatoren, um nicht wiederzukäuen.

Im internationalen Vergleich ist Österreich in Sachen Tierschutz dennoch vorbildlich. Sehen Sie das auch so?
Ich sehe mich in Österreich um und denke "es ist schrecklich". Dann sehe ich andere Länder und denke "es ist noch schrecklicher". Es stimmt schon, dass unser Tierschutzgesetz im internationalen Vergleich ziemlich gut ist, wir einen hohen Bio-Anteil und eine kleinstrukturierte Landwirtschaft haben. Vor allem die Situation der Legehennen ist in Österreich im internationalen Vergleich gut, wenn auch zwei Drittel der Tiere in Bodenhaltung mit acht Tieren pro Quadratmeter leben und keinen Auslauf ins Freie haben. Der Fortschritt bei Legehennen wurde erreicht, weil die Österreicher bei diesem Thema Tierschutz Ernst nehmen und die Konsumenten beim Eierkauf mitmachen. Dennoch gibt es auch hierzulande zahllose furchtbare Tierfabriken und insbesondere beim Tierschutz in der Mastschweinehaltung ist Österreich Schlusslicht in der EU.

Laut Gesetz dürfen etwa Katzen und Hunde nicht für den Verzehr getötet werden, Nutztiere aber schon. Wie erklärt sich diese Inkohärenz?
Im Tierschutzgesetz ist vieles nicht kohärent. Laut Gesetz sind Menschen Personen, Tiere aber sind Sachen. Obwohl es Paragraph 285a gibt, in dem steht: "Tiere sind keine Sachen." und weiter heißt es: "Tiere sind wie Sachen zu behandeln". Diese Trennung zwischen Person und Sache ist ein Kind der Aufklärung. Ich würde mir wünschen juristisch eine "tierliche" Person einzuführen. So wäre anerkannt, dass Tiere eigene Interessen haben, was ja auf Sachen nicht zutrifft. Daher setzen wir uns als Gewerkschaft der Tiere für die Verbesserung der Tierhaltung ein, denn Tiere sind politisch nicht repräsentiert. Unser Mandat, dass wir mit 22.000 Mitglieder haben, ist, den Tieren eine Stimme zu geben.

Zur Sache

Martin Balluch ist studierter Physiker und Mathematiker und war zwölf Jahre lang als Forscher (u.a. University of Cambridge) tätig, bevor er Philosophie studierte und mit einer Dissertation über Tierrechtsphilosophie abschloss. Balluch ist seit 2002 Obmann des Vereins gegen Tierfabriken. Bekannt wurde der Tierrechtsaktivist im Rahmen des Tierschutzprozesses 2010, bei dem er als Hauptangeklagter auf der Anklagebank saß. 2012 wurde er rechtskräftig wegen erwiesener Unschuld freigesprochen.

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