18.03.2016, 11:14 Uhr

Industrie 4.0: Mensch-Maschinen-Verhältnisse

Kicker: „Es geht ja darum, was findet der Kunde vor, wenn er den Raum betritt?"

Es gab eine Zeit, da waren Augenmaß und Augenhöhe durchaus Kriterien eines Bankgeschäftes. In einem Haus auf dem Land kannte man, anders als in der Großstadt, den überwiegenden Teil der Kundschaft persönlich. Die Bonität eines Menschen konnte in seinem Ruf begründet liegen.


Harald Kicker hat innerhalb seines Arbeitslebens sehr radikale Veränderungen der Bedingungen und Modi kennengelernt. Ganz klar, daß die Buchhaltung einst ein personell breit besetzter Teil dieses Metiers war. Hier konnte man schon zeitig sehen, wie menschliche Fertigkeiten an Maschinensysteme übergeben wurden.

Nun sind wir auf einem Weg in eine Vierte Industrielle Revolution. Warum soll dieses Thema an einer Bankfiliale in Gleisdorf anschaulich werden? Weil diese aktuelle Serie von Veränderungsschüben sich in solchen Betrieben schon lange ganz offensichtlich angekündigt hat, um nun eine Schubkraft zu entfalten, die in maximal zwei bis drei Jahrzehnten unsere gesamte Arbeitswelt radikal verändert haben wird.

Diese Veränderung Richtung Industrie 4.0 meint mehrere neue Wellen der Automatisierung von Tätigkeiten, begleitet von einer elektronischen Vernetzung der Dinge und Lebewesen über Chips. Das ereignet sich im Kielwasser des rasanten Fortschritts selbstlernender Maschinen-Systeme.

Harald Kicker hat die Anfänge der EDV im Bankgeschäft erlebt, als Papierblätter an ihren Rändern Magnetstreifen erhielten, um maschinell lesbar zu werden. Da teilten sich Mensch und Maschine die Datenerfassung noch und es konnte zu sehr arbeitsintensiven Stunden kommen, wenn beispielsweise eines der Kundenblätter von einem Menschen im großen Trog falsch eingeordnet wurde, wie man eine Karteikarte im Kasten an verkehrter Stelle versenkt. Da mußte dieses Blatt dann mühsam gesucht werden.

Sie ahnen, worum es hier geht?

Die ersten beiden industriellen Revolutionen führten die Dampfkraft ein und schließlich die Automatisierung. Maschinen nahmen den Menschen einerseits körperliche Mühen ab, zwangen ihnen andererseits ermüdenden Routinen auf. Die Dritte Industrielle Revolution ist die Digitale Revolution.

Dabei erleben wir schon seit Jahrzehnten, daß computergestützte Systeme immer mehr Arbeiten leisten, die wir vorher nur Menschen zugetraut hätten. Aus geistlosen Rechenknechten wurden Apparaturen, die heute weit mehr können, als die meisten Menschen für möglich halten.

Kicker erinnert sich an den langen Tresen in der Halle. Da waren drei Schalter eingerichtet. An dieser „Budel“ spielte sich das Gros der Kundenkontakte ab. Im Aufkommen neuer Konzepte verzichtete man in der Gleisdorfer Bank allerdings auf ein völliges Ausräumen der Halle.

Kicker: „Es geht ja darum, was findet der Kunde vor, wenn er den Raum betritt? Wird er noch von jemandem angesprochen?“ Da lautete die Entscheidung, man solle auf reale Menschen treffen. Daran ist bis heute festgehalten worden, obwohl längst die nächste Automatisierungsstufe installiert wurde.

Kicker: „Wir haben immer noch zwei Terminals mit Kassen, die von unsren Angestellten betreut werden.“ Das heißt, im Haus gibt es nach wie vor keinen Einzahlungsautomaten. Was steht da also im Raum, wodurch wir die Veränderungen schon seit einer Dekade mitten in der Stadt heraufkommen sehen können? Die erste Neuerung waren damals Buchungsautomaten.

Das bedeutet, man füllte eine Überweisung aus, warf das Deckblatt in eine Box, ließ sich den Durchschlag vom Automaten stempeln und hatte so einen Überweisungsbeleg, der freilich noch kein Zahlungsbeleg war. Heute stehen dort Automaten, welche die Belege einscannen, also bildlich erfassen, die Inhalte lesen und weiterverarbeiten können. Statt den Beleg der Kundschaft zu stempeln, druckt der Automat Belege aus.

Das ereignet sich vor Ort parallel zum inzwischen populären Telebanking. Derlei handhabt man zuhause per Computer. Anwendungen für Mobiltelefone sind verfügbar. So wird schon erahnbar, welche Bereiche des traditionellen Bankgeschäftes zunehmend von Maschinen übernommen werden. Grund zur Sorge? Nicht für Kicker. Er sagt: „Es gibt sehr beratungsintensive Bereiche unserer Tätigkeiten.“ Da ist Sachkenntnis gefragt. Gerade das Internet liefert nämlich auch das perfekte Opfer für dubiose Machenschaften; den „halbgebildeten Kunden“.

Wer sich etwa in Anlagefragen seine Vermutungen aus zweifelhaften Quellen zusammenstoppelt, kann von jeder halbseidenen Figur abgezockt werden. Kicker sieht seine berufliche Verpflichtung im Bereich von seriöser Beratung. Das könne man nicht an Maschinen abgeben, sagt er, da sei die kompetente Fachkraft gefordert.

Was heißt das? Kicker: „Herkömmliches Sparen geht immer mehr ins Internet. Auch die Privat- und Autofinanzierung, unsere Klassiker, verlieren wir zunehmend dorthin.“ Kuriose Ausnahme: „Die Menschen in Österreich wollen sich vom traditionellen Sparbuch nicht trennen. Das gibt’s auch längst in elektronischer Form, aber viele wollen ein Bücherl aufschlagen können und die Zahlen sehen.“

Wer Profit erwirtschaftet hat und eine passende Anlageform sucht, wird das kaum mit einer Maschine aushandeln wollen. Sehr brisant ist das auch bei Krediten. Kicker: „Seinerzeit war das nicht mehr als ein Briefbogen mit einer Allonge, auf der ein Wechsel stand. Das gibt’s ja heute nicht mehr. Da kann ein Kreditvertrag schnell 20 bis 40 Seiten haben.“ Es kommen immer mehr Regeln zur Anwendung.

Im Streitfall muß nachgewiesen werden, wie die Beratung gestaltet war, ob Kunden über Risken angemessen informiert wurden etc. Kicker erzählt, da habe die Branche gerade erst so ihre Wunder erlebt, als die angeblich billigen Fremdwährungskredite plötzlich sehr teuer wurden.

Sicher scheint demnach, alles was Rechnungswesen, Büroarbeit und Telekommunikation angeht, wird vermutlich durch nächste Technologiesprünge weltweit Arbeitsplätze verlieren, es werden sogar ganze Berufsgruppen hinfällig werden.

Wo allerdings Sachkenntnis in der Beratungstätigkeit gefordert ist, werden qualifizierte Menschen weiterhin Jobs haben. Was die Schalterhalle heute schon zeigt, ist voller interessanter Hinweise auf laufenden Entwicklungen. Einen Saal, in dem bloß noch Maschinen summen, möchte hier niemand. An den bestehenden Automaten trennt sich freilich jetzt schon die Gesellschaft. Manche brauchen nach Jahren der Einführung immer noch menschliche Hilfe, um einfache Buchungen und Datenabrufe zu schaffen. Andere agieren an diesen jungen Mensch-Maschinen-Schnittstellen völlig sorglos.

Faktum bleibt, daß sich diese neuen Technologieschübe eben schon vor rund einem Jahrzehnt in der Mitte der Stadt bemerkbar gemacht haben. Wir sehen im Augenblick noch nicht, daß sich diese Gesellschaft in auffallendem Maß mit dem Thema befassen würde. Da baut sich zunehmend ein vielfältiger Anforderungsdruck auf. Wir haben erneut zu klären: Was übergeben wir an Maschinen? Was behalten wir uns selbst vor?

+) Fiat Lux: Panorama [link]
+) Gleisdorf Zentrum [link]
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