Mordalarm in NÖ
"Jeder kann zum Mörder werden" (mit Video)

"Mordalarm in NÖ": Diskussionsrunde der Bezirksblätter im "Das Restaurant" im VAZ mit Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister, dem Leiter des Landeskriminalamtes NÖ, Omar Haijawi-Pirchner, und Psychotherapeutin Rotraud Perner
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  • "Mordalarm in NÖ": Diskussionsrunde der Bezirksblätter im "Das Restaurant" im VAZ mit Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister, dem Leiter des Landeskriminalamtes NÖ, Omar Haijawi-Pirchner, und Psychotherapeutin Rotraud Perner
  • Foto: Ines Androsevic
  • hochgeladen von Petra Weichhart

Der Anstieg der Mordrate im heurigen Jahr geht auch mit der Veränderung der Gesellschaft einher. Die Aggressivität nimmt deutlich zu. In einer Diskussionsrunde mit Landesrätin Christiane Teschl-Hofmeister, dem Leiter des Landeskriminalamtes NÖ, Omar Haijawi-Pirchner, und Psychotherapeutin Rotraud Perner stellen die Bezirksblätter die Frage nach dem Warum.

ST. PÖLTEN (pw). "Mordalarm in NÖ": Erst vor Kurzem wurde wieder eine Frau im Weinviertel erstochen. Die düstere Bilanz bis jetzt: NÖ-weit gab es im heurigen Jahr 16 Gewaltverbrechen mit tödlichem Ausgang. Ein trauriger Anstieg, der die Frage nach dem Warum offen lässt. 

BEZIRKSBLÄTTER: Gibt es aus kriminalistischer Sicht dafür eine Erklärung?
OMAR HAIJAWI-PIRCHNER:
Die Aggressivität in der Bevölkerung ist generell im Steigen. Das sieht man tagtäglich etwa im Straßenverkehr. Aus kriminalistischer Sicht ist die Statistik nicht auffällig, weil wir in einem Rückblick von 30 Jahren sehen, dass es immer wieder einen Anstieg gibt, auch was die Frauenmorde betrifft. Die letzen drei Jahre sind Frauenmorde im Steigen, im Vergleich zum letzten Jahr um etwa 20 Prozent. Das ist natürlich auffällig. Wir haben heuer auch schon drei Kinder, die zu Mordopfern wurden. Hier haben wir klar einen Auftrag, dass wir entsprechend arbeiten, von der Polizei bis zur Politik. Wenn hier auch die notwendigen finanziellen Mittel zur Verfügung stehen, kann für die Zukunft viel getan werden. 

Von den 16 Opfern sind 14 weiblich. Warum sind eigentlich Frauen so oft die Opfer?
ROTRAUD PERNER:
Erstens sind immer schwächere Menschen prädestinierte Opfer. Es gibt noch andere Gründe. Frauen sind in der Sprache geübter und können sich da stärker wehren. Wenn der Gegner im Gespräch sprachlos wird, dann wird er körperlich aggressiv, weil er sich gedemütigt fühlt. Die Wut steigert sich. Hinzu kommen noch die Bilder aus Film und Fernsehen, wo sich Personen damit identifizieren können. Wenn man sich dessen nicht bewusst ist, kann man schwer gegensteuern. Diese Modelle der Deeskalation fehlen und sind auch nicht gewünscht, denn die Täter wollen sich ja stark fühlen. Wenn eine Frau "schlimm" ist und nicht folgt, "muss" man sie bestrafen und dann liegt eine Leiche da. 
CHRISTIANE TESCHL-HOFMEISTER: Wobei sie langsam gewünscht werden, wir haben jetzt die Männerberatung beim runden Tisch gegen Gewalt an Bord. Mittlerweile gibt es eine Generation von Männern, die sich ihrer innewohnenden Wut bewusst sind und etwas dagegen unternehmen wollen.
PERNER: Das ist auch ein Bildungsproblem, wo man ansetzen muss.
TESCHL-HOFMEISTER: Wir müssen uns schon in der Schule damit auseinandersetzen. Das Thema Achtsamkeit ist extrem wichtig, den Kindern näherzubringen. Dass etwa Unterschiede in Herkunft oder Bildung nicht trennen, sondern jeder gleich viel wert ist.

Ist das eine Art Bewusstseinsmachung für die jungen Menschen?
TESCHL-HOFMEISTER:
Das ist auf jeden Fall eine Bewusstseinsmachung. Es gilt, seine eigenen und auch die Grenzen der anderen kennenzulernen. Man muss wissen, wie weit man gehen darf und wo man Grenzen überschreitet. Dann kommt man vielleicht in so eine Situation der Wortlosigkeit gar nicht hinein. 

Derzeit ist Gewalt gegen Frauen ein großes Thema. Braucht es mehr Maßnahmen, um da zu helfen?
TESCHL-HOFMEISTER:
Es passiert viel, aber sicher nicht genug. Da können wir noch mehr tun, aber das braucht Geld. Ich hoffe, dass das auch bei der künftigen Bundesregierung eine wichtige Rolle spielen wird. Das Thema Täterarbeit ist enorm wichtig. Das Gewaltschutzgesetz ist ein guter Schritt in diese Richtung. 

Wäre da mehr wünschenswert?
TESCHL-HOFMEISTER:
Wir haben den Wunsch nach Information, deswegen haben wir Folder im Scheckkarten-Format mit Notrufnummern produziert, die wir etwa in Supermärkten, bei Ärzten oder in Gemeinden auflegen. Das Wissen, welche Hilfe es für Frauen gibt, muss stärker verbreitet werden. Hilfsangebote zu transportieren ist hier sehr wichtig. 
PERNER: Die Notrufnummern müssten so alltäglich sein wie Polizei, Rettung, Feuerwehr.
TESCHL-HOFMEISTER: Was für mich wichtig ist, dass die Frauen in die Lage versetzt werden, dass sie ihre Männer verlassen und selbstbestimmt leben können. Die Kinderbetreuung ist da auch ausschlaggebend.
PERNER: Wir wissen alle, dass es Notwehr gibt, kaum jemand weiß, dass es auch Nothilfe gibt. 

Haben Sie das Gefühl, dass das angenommen wird? Es ist oft so, dass sich betroffene Frauen schämen und die Schuld bei sich selbst suchen.
HAIJAWI-PIRCHNER:
Aus polizeilicher Sicht sehen wir schon, dass Frauen viel häufiger zur Polizei gehen und Hilfe suchen, etwa auch im Gewaltschutzzentrum oder im Frauenhaus. Das hilft uns auch, die vollendeten Delikte zu reduzieren. Für uns wäre wünschenswert, wenn wir unsere Präventionsmaßnahmen noch ausweiten könnten. Dafür bräuchte es mehr Zeit, etwa in den Bildungseinrichtungen. 

Die Gesellschaft wird immer aggressiver. Ist das subjektive Wahrnehmung?
PERNER:
Ich denke schon, dass es eine Veränderung in der Gesellschaft gibt, weil die Ansprüche auf einen respektvollen Umgang gestiegen sind. Früher hat man sich viel nicht getraut, deshalb ist auch viel nicht passiert. Heute haben sie ein anderes Verhaltensrepertoire. Vielen ist gar nicht bewusst, was einen anderen psychisch schädigt. Die Menschen halten weniger aus, was mit zu viel Arbeit und wenig Schlaf zusammenhängen könnte. Das ist eine Folge des Stresses.

Wie sieht das in der Praxis aus? Was berichten die Polizisten aus dem täglichen Alltag?
HAIJAWI-PIRCHNER:
Zum einen sehen wir sehr stark, gerade was die Gewalt gegenüber Polizisten angeht, dass es mehr wird. Wir haben tagtäglich verletzte Kollegen zu verzeichnen. Das bestätigt auch die Statistik. Zum andern auch, dass die Medien Ereignisse aufgrund der Digitalisierung breiter und häufiger streuen. Oft sind nur wenige Minuten nach einer erfolgten Tat die ersten Informationen im Internet zu finden. Natürlich wird das durch soziale Foren auch kommentiert und weiter verbreitet. Das fördert auch Trittbrettfahrer und kann die Häufigkeit von Taten steigern.
TESCHL-HOFMEISTER: Und Taten auch deutlich zu machen. Es klingt oft verharmlosend, wenn die Medien von einem Familiendrama berichten. Es wird selten beim Namen genannt. Es ist Mord. Manchmal wird es nicht als das benannt, was es ist. Die Sprache ist da ein wichtiges Vehikel.
PERNER: Es sind ja immer Beziehungstaten, denn es gibt immer eine Beziehung zwischen Täter und Opfer. In punkto Schuld wird immer nach einer Quelle gesucht. 

Gibt es immer Anzeichen für einen Mord?
HAIJAWI-PIRCHNER:
Es kann natürlich auch aus heiterem Himmel passieren, aber meist gibt es Anzeichen für eine Gewalttat.
PERNER: Man kann eine Gewalttat schon erahnen. Man sollte sich auf das vielzitierte "komische" Gefühl verlassen und sich, wenn möglich, aus der Situation entfernen. Man spürt unbewusst, wenn etwas nicht stimmt. Hier sollte man auf seinen Instinkt vertrauen. Und nicht kämpfen, denn das ist meist das Todesurteil. Deeskalieren und flüchten. 

Frau Perner, sie haben einmal gesagt, dass jeder Mensch zum Mörder werden kann, wenn man ihn nur lange genug reizt. Stimmt das?
PERNER:
Wenn man die Beziehungsdynamiken verfolgt, die zu massiver Gewalt führen, dann merkt man immer, dass eine Person sich nicht respektiert fühlt. Dass die Selbstachtung der Person subjektiv massiv geschädigt wurde. Man braucht jemanden nur so lange in die Enge zu treiben, bis er sich wehrt.

Ist das ein Urinstinkt?
PERNER:
Es ist der Versuch, das verletzte Selbstwertgefühl wieder zu reparieren. Eine Art Selbstheilungsversuch mit ungeeigneten Mitteln.
HAIJAWI-PIRCHNER: Wir sehen sehr oft bei der Befragung von Opfern und Zeugen, dass die Reaktion vom Nachbarn lautet: "Ich hätte nie gedacht, dass diese Person fähig ist, einen Mord zu begehen." Das ist der Beleg dafür, dass es sehr wohl möglich ist. Niemand traut diesem Menschen solch ein Verbrechen zu und trotzdem hat er es begangen.

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