Im Bann der Wahrheit

Verstörende Wahrheitsfindung: Edwin Hochmuth, Philipp Rudig und Michaela Senn im Stück „Waisen“ von Dennis Kelly.
  • Verstörende Wahrheitsfindung: Edwin Hochmuth, Philipp Rudig und Michaela Senn im Stück „Waisen“ von Dennis Kelly.
  • Foto: Christa Pertl
  • hochgeladen von Christine Frei
Wo: Theater praesent, Jahnstraße 25, 6020 Innsbruck auf Karte anzeigen

Theater praesent und tON/NOt ist mit ihrer Koproduktion „Waisen“ von Dennis Kelly ein ebenso dichtes wie aufregend gutes Kammerspiel gelungen. 

Die Wahrheit, so befand Ingeborg Bachmann einst, sei dem Menschen zumutbar. Dass sie zuweilen unschön, schwer zu ertragen und daher häufiger mal negiert, verdreht oder nur häppchenweise vorgetragen oder eingestanden wird, auch diese Zumutung dürfen wir als Menschen sowohl im öffentlichen wie im privaten Umfeld immer wieder am eigenen Leib erfahren. Dass sie bei schweren Vergehen zu Mitwissern und Zeugen macht und gerade im Kontext von Familie und Beziehung ungeheure innere Loyalitätskonflikte aufreißt, denen man sich vermutlich lieber nicht stellen mag, genau davon handelt Dennis Kellys Stück „Waisen“. Ein atemberaubend dichtes Kammerspiel, das Theater praesent und tON/NOt nun gemeinsam auf die Bühne des Theater praesent in der Jahnstraße gebracht haben.

Eine Dreiecksgeschichte, in der die weibliche Figur Helen durch das plötzliche Hereinplatzen ihres blutverschmierten Bruders Liam jäh aus der Rolle der glücklich schwangeren Ehefrau herausgerissen wird und sich in jener der ahnend besorgten Schwester wiederfindet. Denn Liam war nach dem gewaltsamen Tod der Eltern über lange Zeit vermutlich ihre einzige verbliebene Bezugsperson. Doch Helens zunehmend aggressivere Nervosität, das enthüllt uns Dennis Kelly Satz um Satz in ungeheuer raffiniert voranschreitenden Dialogen, kommt nicht von ungefähr. Denn Liam ist eine latente Zeitbombe, ihr Ehemann Danny irgendwie zu milde, um Grenzen zu setzen. Und die Beziehungs- und Loyalitätsverstrickungen, die sich genau daraus ergeben, können nur fatal enden. Da er den Vorwurf, ein Feigling zu sein, nicht auf sich sitzen lassen mag, wird Danny schließlich selbst zum Mittäter und so nahtlos an die Gewalt- und Schulddynamik in Helens und Liams Familiengeschichte anknüpfen. Denn jede Gewissensentscheidung wider die Familie, auch das zeigt Dennis Kellys Stück wunderbar auf, macht den Menschen automatisch zu Waisen.

Agnes Mair hat diesen ungemein aufwühlenden Text, der einen trotz der beklemmenden Wahrheitsfindung auch zuweilen laut auflachen lässt, souverän inszeniert. Salha Fraidl hat hierfür die maximal reduzierte Anmutung eines vermeintlich sicheren Wohnzimmers geschaffen. Und Philipp Rudig, Michaela Senn und Edwin Hochmuth schlagen einen mit ihrem intensiven Spiel über eineinhalb Stunden lang regelrecht in ihren Bann.

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