In der Zwickmühle des Krieges

Yamen wurde vom Regime und Regimegegnern öfters bedroht: Anna Greissing führte das Gespräch mit ihm.
  • Yamen wurde vom Regime und Regimegegnern öfters bedroht: Anna Greissing führte das Gespräch mit ihm.
  • hochgeladen von Agnes Czingulszki (acz)

"Es ist nicht leicht, als Mensch mit einem sensiblen Herzen in einem Land zu leben, wo Krieg herrscht; zu sehen, wie Menschen vor Deinen Augen sterben; Wo weinende hoffnungslose Kinder, die ihr Zuhause verloren haben, um ihr Leben und ein kleines Glück bitten.

Das ist der Grund, weshalb ich – Yamen, ein syrischer Künstler – mein Land verließ und nach Europa kam, mit der Hoffnung, hier in Sicherheit zu leben und mir eine Zukunft aufbauen zu können.

Demonstration für Meinungsfreiheit

Im Jahr 2011, der Revolution gegen das Assad-Regime ,sind wir auf die Straßen gegangen und haben mit lauter Stimme für mehr Demokratie, Offenheit und Meinungsfreiheit demonstriert. Wir wollten eine Veränderung des damaligen Zustands, wir wollten endlich unsere Rechte fordern dürfen, ohne zu fürchten, am nächsten Tag ins Gefängnis zu kommen oder tot zu sein. Und Tag für Tag warteten wir auf eine positive Antwort der Regierung auf unsere Forderungen. Aber die Regierung antwortete mit Waffen und begann, gewaltsam gegen die Bevölkerung vorzugehen. Sie töteten Frauen, Kinder, junge und alte Menschen – nur, weil sie auf die Straße gingen und friedlich demonstrierten.

Syrien im Jahr 2010

Ich lebte damals wieder in Homs, meiner Geburtsstadt und Heimat meiner Eltern. Sie liegt im Westen Syriens und ist die drittgrößte Stadt des Landes.
Ich war Ende 2010, nach fast 10 Jahren des Studierens und Arbeitens in anderen Städten und Ländern, wieder dorthin zurückgekehrt. Das war kurz vor dem Ausbruch des Krieges - ich wollte mir damals mit dem im Ausland verdienten Geld eine Existenz in meiner Heimatstadt aufbauen und mich um meine alten Eltern kümmern.

Als dann der Krieg ausbrach, musste ich bald das Elend der syrischen Bevölkerung sehen. Sehen, wie Menschen täglich auf der Straße starben. Wir Alle hatten Angst, wussten nicht, was am nächsten Tag sein würde. Ich hoffte täglich, dass dieser Alptraum enden würde. Immer wieder marschierte ich bei den Demos mit, vor allem aber schrieb ich oft Texte für Plakate und für regimekritische Songs, die ich im Internet veröffentlichte. Wir alle lebten in großer Unsicherheit, viele hatten wirklich Todesangst, auch ich.

Im Nacken das Militär

An einem Tag im Juli 2013 geschah etwas, das meinen Lebensplan verändern würde: ich war mit dem Auto unterwegs, nach Hause. Bei einem Checkpoint hielt mich das Militär auf. Sie zwangen mich auszusteigen, und brachten mich zu einem Container. Dort redeten sie auf mich ein, ich weiß nicht mehr, wieviele Stunden. Sie schrien mich an, dass ich für sie kämpfen müsse, dass ich als Mann mein Land verteidigen müsse. Männer hätten die Pflicht, ihrer Heimat zu dienen. Dass ich mit Waffen nicht umgehen konnte und wollte interessierte sie nicht. Ich versuchte ihnen zu erklären, dass ich ein Künstler sei und kein Kämpfer. Ich war niemals beim Militär gewesen und hatte 2008 sehr viel Ersatzgeld gezahlt, um nicht zum Heer zu müssen. Das ist in Syrien eine legale Option ; entweder zum Dienst, oder die Summe von umgerechnet ca. 5000 Dollar zahlen.

Die Männer ließen nicht von mir ab. Nach meheren Stunden kam mein Bruder. Er hatte Geld dabei und versuchte, die Militärs zu überreden, mich gegen "Lösegeld" freizulassen. Es war viel Geld. Der Kommandeur der Gruppe akzeptierte es und sie ließen mich frei ... Ich hatte Glück, denn ich besaß Geld und einen Bruder der mir half. Meine Ersparnisse von früher retteten mich damals ... Es war nicht selten, dass bei solchen Anlässen junge Männer, die sich nicht freikaufen konnten einfach ermordet wurden,

Die Bedrohung durch Assad-Gegner

Aber noch im selben Monat kamen bewaffnete Männer zu mir nach Hause. Es waren aber keine Leute des Militärs, sondern 2 Männer einer selbst-ernannten Gruppe von Regimegegnern. Auch wenn ich politisch auf ihrer Seite war, wusste ich doch, dass auch diese Gruppen nicht für Freiheit und Demokratie, sondern für ihre eigenen Machtinteressen Kämpfer rekrutieren wollten. Egal auf welcher Seite- ich wollte nur mit friedlichen Mittel für die Rechte des syrischen Volkes kämpfen. Ich weigerte mich also auch diesmal.

Sie zwangen mich, in ein Auto einzusteigen. Wir fuhren zu einem zerbomten Gebäude.Im Auto erkannte ich einen der Männer- wir waren gemeinsam in die Schule gegangen. Auch er erkannte mich, doch im Krieg zählt Freundschaft meistens nicht. Im Bürgerkrieg werden Familien zerrissen, Brüder töten sich gegenseitig.
Man zog mir die Kleider aus, um mich zu demütigen, sie bedrohten mich und sagten, sie würden mich umbringen, wenn ich nicht sofort ihrer Gruppe beitreten und mit ihnen kämpfen würde.

Ich schaffte es trotz allem, innerlich ruhig zu bleiben, weil ich mir aus Erfahrung sicher war, dass sie mich gehen lassen würden, wenn ich ihnen Geld bieten würde. Ich wusste, dass hinter ihren scheinbar politischen Interessen nur ihre persönliche Bereicherung stand. Ich bot ihnen also 1000 Dollar – das war eine Menge Geld in Syrien, der Dollar stand damals sehr hoch im Kurs. Im Gegenzug verlangte ich von ihnen, mich aus Homs hinaus und in eine andere Stadt zu fahren ,damit ich von meinem Konto Geld abheben konnte. Das war deshalb notwendig, weil es in Homs keine Bank mehr gab,- sie waren alle nach und nach geschlossen und von Bomben zerstört worden .Auch die Stadt war damals schon in weiten Teilen völlig zerstört. Wir würden also aus Homs hinaus fahren müssen, um Geld abheben zu können. Mit dem Militärfahrzeug, das die Gruppe im Kampf von den Regierungstruppen erbeutet hatte, würden wir alle Kontrollen an den Checkpoints problemlos passieren können.
Sie akzeptierten. Wir fixierten einen Tag, an dem sie mich abholen würden. Dann ließen sie mich gehen...

An dem Tag begriff ich, dass ich aus Syrien fliehen musste, dass meine Situation von jetzt an sehr gefährlich sein würde. Denn ich hatte verstanden, dass ich von beiden Lagern verfolgt wurde,- nicht nur vom Militär, dass für Assad kämpfte, sondern auch von Assad-Gegnern - und dass sie mich irgendwann töten würden, wenn ich verweigerte mich ihnen nicht anzuschließen. Diesmal hatte mich das Geld noch retten können, aber wer weiß, wie es das nächste Mal ausgehen würde...

Ein paar Tage später holten mich die Männer wie vereinbart ab. Wir fuhren nach Jabla, einer Stadt am Meer nordwestlich von Homs. Dort gab es Bankomaten und ich konnte ihnen das Geld aushändigen. Sie ließen mich gehen. Ich blieb fast einen Monat in Jabla, um meine Flucht aus Syrien über den Libanon zu planen. Ich musste Schmuggler organisieren, die mich über die Grenze bringen konnten. Auch wenn man eigentlich als Syrier keinen Pass braucht, um in den Libanon zu fahren, hatte ich Angst, dass ich von bewaffneten Gruppen an einem der Checkpoints oder an der Grenze gefasst werden könnte,- ich wusste ja, dass ich jetzt sicher auf einer Liste gesuchter "Deserteure" stand.

Mit allen Ersparnissen auf der Flucht

Bevor ich Jabla verließ, hob ich meine Ersparnisse, die mir noch blieben ab. Ende September 2013 erreichte in Beirut. Dort konnte ich bei einer Tante Unterschlupf finden. Ich benötigte mehrere Monate .um meine Flucht nach Europa vorzubereiten.. Mein Plan war mit Schmugglern bis in die Türkei zu kommen. Endlich, nach fast 7 Monaten, gelang mir die Flucht. Im April 2014 kam ich in der Türkei an. Istanbul war mein letzter Zwischenstopp, bevor ich im Juli 2014 Wien erreichte. Dieser letzte Teil der Flucht über die Balkanroute war leichter zu organisieren gewesen, weil es in Istanbul für Syrer mittlerweile einfach ist, Schmuggler für die Weiterfahrt in europäische Länder zu finden,- man trifft sie überall, sogar in den Kaffeehäusern. Der Bedarf ist so groß, dass hier ein sehr lukratives Business mit Flüchtlingen entstanden ist.

Am 11. August 2014 erreichte ich meine derzeitige Endstation – Innsbruck. Alles, was mir von meinem früheren Leben übriggeblieben ist, ist eine kleine Tasche mit Kleidern und ein Berg voller Hoffnung für meine neue Zukunft. Die Tasche mit meinen wertvollsten und wichtigsten Sachen hatten sich die Schmuggler genommen. Für meine Flucht aus Syrien nach Europa hatte ich 22.000 Dollar ausgegeben – alles, was ich in meinem ganzen bisherigen Leben gespart hatte. Davon ist nichts übriggeblieben. Für manche hat die Freiheit einen hohen Preis. Aber während viele auf der Flucht im Meer oder zu Land sterben, bevor sie den Ort ihrer Hoffnungen erreichen, habe ich es heil nach Österreich geschafft. Dafür bin ich sehr dankbar, egal, was nun kommen mag.

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