15.01.2018, 10:02 Uhr

Der andere Hofer

Beeindrucken als Hofer und Haspinger: Stefan Riedl und Markus Oberrauch. (Foto: Tiroler Landestheater)

Das Tiroler Landestheater erweist Kranewitters Andre Hofer in seiner aktuellen Inszenierung alle Ehre – eine Theaterkritik von Christine FREI

Nach diesem Theaterabend ist man vor allen Dingen beeindruckt von der Courage und der Weitsicht, mit der Franz Kranewitter gegen den Meinungsmainstream seiner Zeit, (der ja ehrlicherweise in verschiedensten Ausprägungen bis heute anhält), diesen Menschen Andre Hofer zu ergründen und zu verstehen versuchte. Sein Befund war natürlich eine Provokation, gleichwohl er den Titelhelden für seine Begriffe vermutlich sogar rehabilitieren wollte, weil Hofer zuletzt ja tatsächlich die Verantwortung für seine Verblendung übernimmt. Aber seine Sicht auf das Geschehen und die Getriebenheit der Akteure, die sich ja nachweislich sehr genau an den historischen Fakten orientierte, entzog dem Mythos eines heroischen und von der gesamten Bevölkerung mitgetragenen Freiheitskampfes jeglichen Boden. Kranewitters messerscharfe wie hochempathische Analyse macht auch deshalb betroffen, weil wir uns heutzutage von anderen Gotteskriegern bedroht sehen und gleichzeitig darauf vergessen, dass diese fanatischen Hetzer in der eigenen Geschichte ebenfalls eine ungemein zerstörerische Rolle spielten. Kranewitters Stück ist in diesem Sinne auch ein Lehrstück über Manipulation und Gruppendynamik, diese schleichende Unterwanderung von Ethik und Hausverstand gerade in krisenhaften Situationen. Schauspielchef Thomas Krauß hat genau diese Aspekte in seiner glasklar aufklärerisch angelegten Inszenierung ganz und gar unprätentiös für sich selbst sprechen lassen. Er vertraut dem Text, ergänzt ihn aber sehr geschickt durch drei erhellende Sequenzen aus Marc Pommerenings Stück „Gottes Guerilla“, ein Auftragswerk des Tiroler Dramatikerfestivals, das 2009 in der Hofgartengärtnerei uraufgeführt wurde. Sie machen deutlich, dass wir immer auch Teil anderer und größerer Geschichten sind, deren Zusammenhänge und Interessen sich uns selten zur Gänze erschließen. Ursula Beutler zeigt in ihrem eher symbolistisch angelegten Bühnenbild, dass das Land Tyrol damals faktisch nur noch als Reminiszenz bestand. Markus Spatzier nimmt über applizierte rote Adler und Dornenherzen auf den Kostümen von Hofer und einen Mitstreitern das Branding der Heldengeschichte vorweg. Stefan Riedl spielt den Andre Hofer: kraftvoll und glaubhaft in seinem Zögern, seiner Rage, seinem Zusammenbruch, seiner Einsicht. Ulrika Last ist ihm als Anna ein starkes Gegenüber. Markus Oberrauch liefert als Kapuzinerpater Haspinger eine grandiose Studie eines hochmanipulativen religiösen Fundamentalisten. Spannend auch Johannes Gabls Interpretation des Raffl: Er erscheint uns als Vorläufer des heutigen systemkritischen Whistleblowers. Durchwegs stark der Rest des Ensembles. Mit Andre Hofer von Kranewitter ist Thomas Krauß und dem Tiroler Landestheater ein beeindruckender Theaterabend gelungen, der uns viel über unsere eigene Herkunft wie über Geschichtsverklärung verrät.
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