12.04.2017, 11:11 Uhr

„Leidenschaft ist, was wir haben“

Martina Mara (Ars Electronica Futurelab) und Siegfried Bauer (Johannes Kepler Universität) (Foto: Alfred Reiter)

In den Labors der Johannes Kepler Universität diskutierten vier Spitzenforscher über die Zukunft der Technik.

OÖ (pfa). „Man braucht Leidenschaft, und das ist das, was wir haben“, sagt Alberta Bonnani. Sie forscht an einem großen Traum: reines Wasser für alle Menschen auf der Welt. Ihr Werkstoff sind Nitrid-Kristalle, wie sie jetzt schon in LED-Lampen vorkommen. „Sie emittieren nicht nur sichtbares Licht, sondern Frequenzen von tiefinfrarot bis tiefultraviolett“, erklärt die Wissenschafterin. Darüber hinaus versucht man derzeit, diese optischen mit elektromagnetischen Eigenschaften zu kombinieren. Die hohen Frequenzen, die die Nitrid-Kristalle emittieren, sind in vielen Bereichen einsetzbar: zur Krebsdiagnostik, zur Wasserreinigung oder auch für schnelle Computer. „Die Materialien sind nicht giftig, biokompatibel, überall auf der Welt einsetzbar, sehr kompakt und robust“, sagt Bonanni.

Elektronik hautnah

Siegfried Bauer forscht an der „leichtesten Elektronik der Welt“. Sein Bild von einem filigranen Flieger im Park der Universität ging um die Welt. Täglich kämpft er gegen jedes Milligramm seiner Folien – bildlich gesprochen ist das Elektronik zum Zusammenknüllen. „Aber sie ist auch nachher wieder voll funktionsfähig“, scherzt er. Dass unsere Haut eine Elektronik ist – wir können ja spüren, wenn wir uns berühren – brachte ihn auf die Idee, die Elektronik auf den Körper zu applizieren. „Wir können Körperfunktionen überwachen oder Prothesen können die gleiche Funktionalität bekommen wie ein normaler Arm.“ In der Technik werden diese Funktionen ebenfalls angewendet: „Mit einer Sensorik kombiniert, kann dann ein Greifer sehr sensible Dinge anfassen.“

Gruselig geht es manchmal bei Martina Mara zu. Die Expertin erklärt: „Der künstliche Mensch wird oft in den Medien gezeigt und ist mit Unheimlichkeit verknüpft.“ Dabei seien Roboter lediglich autonom bewegliche Maschinen. „Roboter-Taxis zum Beispiel könnten wir schon in fünfzehn Jahren flächendeckend finden.“

„Nicht leicht nachzubauen“

Die Angst der Menschen, ersetzt zu werden, sei unbegründet: „Wir Menschen dürfen uns nicht unterschätzen. Uns kann man nicht so leicht nachbauen. Aber warum sollten wir nicht Bereiche abgeben können, die uns keinen so großen Spaß machen?“, fragt sich Mara. „Warum sollten wir nicht davon profitieren, dass unser Auto 360 Grad um uns blicken kann?“ Ebenso könnten Roboter hilfreich sein, Menschen dabei zu unterstützen, im hohen Alter unabhängig zu bleiben, etwa im sensiblen Bereich der Körperpflege oder in der Mobilität. Problematisch sei, wie man mit Menschen umgeht, die von Robotern „wegrationalisiert“ werden, etwa im Fall von Roboterkassen im Supermarkt.

Hier hakt Matthias Fink, Spezialist für Innovations-Management, ein: „Viele Personen werden aus der jetzigen Arbeitswelt hinausfallen. Die Aufgabe der Gesellschaft wird es sein, diese ins Boot zu holen, sonst wird es soziale Unruhen geben.“ Fink stellt sich vor, dass Einkommen von Arbeit entkoppelt wird: „Das Schöne ist, dass sich Menschen auch gerne mit etwas beschäftigen.“ So könne man viel selektiver die Zeit einsetzen.


Urmenschen mit Handy?

Die These, dass sich die soziale Welt stets den technischen Neuerungen anpasse, widerlegt er: „Man kann die Kausalkette auch umdrehen. Als wir noch auf Bäumen gelebt haben, brauchte niemand ein Smartphone. Jetzt, wo wir viel reisen und über größere Distanzen unsere Beziehungen führen, sind sie uns von Nutzen.“ Es sei lediglich eine Frage der Normen, ob die Neuerungen sachdienlich seien oder nicht. „Überlebenswichtig“ werde in Zukunft vor allem ein gutes Sekretariat – diese Einrichtung könnte eine Renaissance erleben. „Im Moment prasselt alles auf die Einzelperson ein“, sagt Fink. Hier gebe es viel Potenzial: „Künftig werden wir Zeiten abonnieren können, in denen die Inhalte für uns gesammelt und aufbereitet werden.“

Begeisterung ist zerstört

Ein großes Thema ist für die Wissenschaft das Bildungssystem, das Basis für den Nachwuchs bildet. „Nach zwei Jahren Physikunterricht ist die Begeisterung zerstört. Es liegt oft an der Art, wie in den Schulen unterrichtet wird. Man muss die Vorstellungen der Kinder ernst nehmen“, sagt Bauer. „Wir müssen kritisches Denken fördern, aber was bedeutet das für die Lehrer?“

Über die Personen:

Alberta Bonanni ist Professorin am Institut für Halbleiter- und Festkörperphysik der JKU. Ihr Spezialgebiet sind Nitrid-Kristalle, wie sie etwa in LED-Lampen zum Einsatz kommen. Dieser Werkstoff wird künftig noch viele weitere Einsatzmöglichkeiten haben, wie zum Beispiel bei superschnellen Computern, in der Diagnostik oder zum Reinigen von Wasser.

Siegfried Bauer leitet die Abteilung „Physik weicher Materie“ der JKU. Er forscht an der „leichtesten Elektronik der Welt“, die so dünn wie das Sechzigstel eines Haars ist oder nur zwei bis drei Gramm pro Quadratmeter wiegt. Privat ist er Fan von „Star Trek“, aber: „Science-Fiction projiziert das, was wir jetzt wissen, in die Zukunft. Das ist katastrophal.“

Matthias Fink leitet das Institut für Innovations-Management der JKU und ist Professor für Unternehmertum und Innovation an der ARU Cambridge. Er erforscht, wie Neues in der Gesellschaft entsteht und welche Effekte diese Neuerungen auf die Gesellschaft haben. Seine Schwerpunkte sind dabei Unternehmensgründungen und Regionalentwicklung.

Martina Mara ist Leiterin des Forschungsbereichs RoboPsychology am Ars Electronica Futurelab in Linz. Sie untersucht, wie die künftigen Einsatzgebiete von Robotern aussehen können und wie sie kommunizieren sollten, damit Menschen sich mit ihnen wohlfühlen – denn oft wird autonome Technologie noch immer als Bedrohung empfunden.
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