12.06.2018, 14:23 Uhr

Richard Seeber: "Es gibt noch vieles zu tun"

Richard Seeber war Mitglied des Europäischen Parlaments und er leitet das Tirol Büro in Brüssel. (Foto: Foto: privat)

Von 1995 bis 2004 und wieder seit 2014 leitet Richard Seeber das Tiroler Verbindungsbüro der Europaregion Tirol in Brüssel.

Sie leben als Haiminger seit vielen Jahren in Brüssel. Vermissen sie nicht manchmal Tirol?
Richard Seeber: "Natürlich! Tirol ist und bleibt meine Heimat. Durch meine Tätigkeit als Leiter der Tiroler Vertretung bei der EU bin ich dauernd in Verbindung mit Tirol. Ich muss ja den Kontakt halten mit den KollegInnen im Amt der Tiroler Landesregierung, der Politik, den Sozialpartnern und am wichtigsten, mit den Leuten. So habe ich auch Gelegenheit, Familie und Freunde zu treffen."

Seit 1995 gibt es das Tiroler Verbindungsbüro in Brüssel. Was sind die Schwerpunkte?
"Wir sind die gemeinsame Vertretung von Tirol, Südtirol und Trentino bei der EU. Schwerpunkte sind die Informationsbeschaffung, die Interessenwahrnehmung, die direkte Kommunikation mit den EU-Institutionen und für Tiroler als Anlaufstelle zur Verfügung zu stehen."

Wie haben sich die Aufgaben seit dieser Zeit verändert?
"Unsere Eröffnung im Jahr 1995 war ein politischer Paukenschlag. Insbesondere Italien hat das äußerst kritisch gesehen und die Landeshauptleute von Südtirol und Trient mussten in Rom Rechenschaft darüber ablegen. Durch dieses Büro hat sich auch in Italien einiges getan und uns sind andere italienische Regionalvertretungen gefolgt. Die EU-Institutionen betrachten uns als Partner, der einbezogen werden muss."

Auch das Trentino und Südtirol sind miteingebunden. Hat sich das bewährt?
"Wir sind immer noch die einzige grenzüberschreitend arbeitende regionale Vertretung in Brüssel. Die Zusammenarbeit ist wichtig und richtig, wenn auch nicht immer leicht."

Würden Sie insgesamt eine positive Bilanz für das Verbindungsbüro ziehen?
"Auf jeden Fall. Europa kann sich nur weiterentwickeln, wenn die Zusammenarbeit auf regionaler Ebene vorangetrieben wird. Dort spüren es die Menschen am besten."

Die Euregio ist zwar in den Köpfen der Politik und in Brüssel angekommen, bei den Menschen aber noch nicht. Warum?
"Ich würde das nicht so negativ sehen. Wir alle haben uns an vieles gewöhnt, was früher undenkbar gewesen wäre. Vom gemeinsamen Lawinenwarndienst, über verbesserte Verkehrsverbindungen, Bildungs- und Jugendangebote, Kooperationen im touristischen Bereich und in der Landwirtschaft oder einem gemeinsamen Forschungsfonds. Aber vieles ist noch zu tun."

Derzeit ist in Tirol das Thema Transitverkehr eines der brennendsten, hier prallen Interessen Italiens und Deutschlands gegen die aus Tirol. Wie gehen Sie in Brüssel damit um?
"Das ist und bleibt die 'heißeste Kartoffel'. Wir stehen im engsten Kontakt mit den zuständigen EU-Institutionen und versuchen, unsere Positionen zu verteidigen. Zunehmend können wir auf Verbündete in Brüssel zählen, aber wir müssen gute Argumente liefern. Denken wir an die Genehmigung des sektoralen Fahrverbotes. Das wäre früher undenkbar gewesen."

Sie bekommen oft Besuch von Schulklassen. Wie reagieren diese auf das Tirol Büro, wie reagieren die Jugendlichen auf die EU? Und hat sich diese Einstellung verändert?
"Junge Menschen sind meiner Erfahrung nach der EU gegenüber sehr aufgeschlossen. Manche haben schon selbst Erfahrungen mit einem Schüler- oder Studentenaustauschprogramm gemacht. Sie sind froh, einen Ansprechpartner für ihre Anliegen zu haben."

Sie arbeiten auch an der Entwicklung der Makroregion Alpen mit, Tirol hat heuer die Präsidentschaft der EUSALP.
"Tirol war immer ein Land, das von der Zusammenarbeit mit seinen Nachbarn profitiert hat. In der Tiroler Präsidentschaft sollen daher konkrete Projekte auf den Weg gebracht werden, wie im Verkehrsbereich mit einer gerechten Bepreisung der Alpenübergänge, um Umwegtransit zu verhindern, oder bei Kooperationen bei der Lehrlingsausbildung." 

2020 wird es ein neues Budget für die regionalen Förderungen geben. Kann die Förderhöhe von jährlich etwa 5 Mio. Euro aufrechterhalten werden?
"Wir werden alles daran setzen, dass selbst wir als eine der reichsten Regionen Europas weiterhin von der EU-Regionalförderung profitieren. Konkrete Zahlen wurden noch keine genannt. Spaziergang wird es für uns keiner werden."

Eine private Frage: Sie waren ja EU-Parlamentarier, nächstes Jahr sind wieder Europa-Wahlen. Würde es Sie noch einmal reizen, ins EU-Parlament gewählt zu werden?
"Es war eine sehr interessante Aufgabe und eine große Ehre für mich. Aber mit vielen Einschränkungen für meine Familie. Und: Mir gefällt meine derzeitige Tätigkeit sehr gut."

Wenn ein Tiroler nach Brüssel kommt, was sollte er unbedingt sehen, was sollte er unbedingt kulinarisch probieren?
"Belgien ist bekannt für seine Vielfalt an Bieren und Schokolade. Daher sollte sich jeder am Grand Place in Brüssel in ein Lokal setzen, die Atmosphäre auf sich wirken lassen und ein Bierchen verkosten. Beim Heimgehen sollte man in einem Schokoladengeschäft für die Daheimgebliebenen ein paar Pralinen kaufen."
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