10.04.2017, 22:09 Uhr

„Wichtig ist, mit wem ich lebe, nicht so sehr wo“

Renate Spreitz aus Trofaiach beziehungsweise Leoben lebt seit 27 Jahren in Kanada. (Foto: KK)

Seit 27 Jahren lebt die Trofaiacherin Renate Spreitz im kanadischen Toronto beziehungsweise Vancouver. Sie zog damals los, um ihre Englisch-Kenntnisse zu vertiefen – und blieb.

„Kanada ist ein schönes Land. Im Prinzip wie Österreich – Berge, hügeliges Land, Flachland, Seen – nur ist es riesengroß und die Strecken von einer Landschaft zur anderen sind endlos.“ So beschreibt Renate Spreitz ihre zweite Heimat, in die sie 1990 durch Zufall gekommen war. Die heute 62-Jährige arbeitete von 1974 bis 1984 im damaligen City-Kaufhaus in Leoben als Verkäuferin in der Parfümerieabteilung. „Ich war in Leoben bekannt wie ein bunter Hund“, sagt sie schmunzelnd, und erzählt weiter: „In den 1980er-Jahren bin ich viel gereist und habe bemerkt, wie wenig mir Schulenglisch nützt. Daher wollte ich meine Kenntnisse in einem englischsprachigen Land verbessern und bin durch Zufall zu einer Stelle als Haushälterin bei einer deutschen Familie weit nördlich von Toronto gekommen. Zwischen Wölfen, Bären, Waschbären und Pferderanches habe ich leider gar nichts gelernt und mir schließlich eine Stelle bei echten Kanadiern in Toronto gesucht.“

Große Liebe

Dort war es auch, wo sie in einem Restaurant ihren späteren Mann David, einen Chinesen, kennenlernte, sich verliebte und beschloss, zu bleiben. „Ich habe meine Eltern angerufen und verkündet, dass ich hier bleiben und heiraten werde. 1992 haben David und ich zum ersten Mal meine Familie und Freunde in Österreich besucht und alle waren gespannt, wer es geschafft hatte, mich zum Heiraten zu bewegen“, erinnert sich die gebürtige Trofaiacherin. Im selben Jahr ist das Paar von Toronto nach Vancouver gezogen, 1994 wurde Sohn Oliver geboren. David versorgte die Familie, indem er Büromaschinen reparierte, Renate gab ihre Arbeit als Serviererin im Deutschen Klub auf, um Hausfrau und Mutter zu sein. „Olivers Muttersprache ist Deutsch, seine Landessprache Englisch. Er ist mit drei Kulturen aufgewachsen – Deutsch, Chinesisch und Kanadisch. Schnitzel, Leberkäse, Salami, Schwarzbrot oder Vanillekipferl sind nach wie vor seine Lieblingsspeisen“, sagt Renate Spreitz.


Adventkranz und Herzerlstock

Österreichisches Brauchtum wird von ihr bis heute sehr stark gelebt. „Adventkranz, Adventkalender, österreichische Weihnachtslieder, Weihnachten am Heiligen Abend und nicht erst am 25. Dezember und auch Ostern feiern wir noch immer nach alter Tradition. Auch mein Garten war immer österreichisch: Ribisel, Stachelbeeren, Herzerlstock, Margariten, Radieschen und Rhabarber wuchsen da.“ Bis Oliver in die Highschool kam, standen regelmäßig mehrwöchige Besuche im Sommer und Winter bei der Familie in Trofaiach am Plan. Oliver ging im Winter sogar in Trofaiach zur Schule. „Ein Kind ist zwischen den Kulturen hin- und hergerissen und wir schauten darauf, dass wir alles vereinen konnten. So kam schon im November der Santa Claus in Kanada, in Österreich dann das Christkind“, so Spreitz, die jahrelang eine Hausreinigungsfirma betrieb und derzeit für zwei Familien die Hausarbeit macht.


Umzug nach Marple Ridge

Im Sommer ziehen sie und David nach Marple Ridge, eineinhalb Autostunden von Vancouver entfernt, wo sie ein Grundstück besitzen, der 22-jährige Sohn Oliver bleibt in Vancouver. Zu ihrem Heimatbezirk Leoben hält sie nach wie vor Kontakt durch Kollegen und Freunde. „Ich bereue es nicht, so weit weggezogen zu sein. Für mich ist es wichtig, mit wem ich lebe, nicht so sehr wo. Ich bin vollkommen zufrieden und glücklich – hier wie in Österreich. Doch im Herzen werde ich immer Österreicherin bleiben“, betont die 62-Jährige.
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