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Wie Gregor Neuböck das Mittelalter digitalisiert

Gregor Neuböck hat in der Landesbiliothek seine Berufung gefunden.
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Gregor Neuböck digitalisiert mit seinem Team die wertvollen Bestände der Oberösterreichischen Landesbibliothek, allen voran die mittelalterlichen Handschriften. Auch zahlreiche "Crowdworker" helfen ehrenamtlich mit.

LINZ. Mitten in Linz befindet sich eine Schatzkammer, die nur wenige wirklich kennen. Man findet dort keine Goldbarren oder Kronjuwelen, sondern Papier: seltenes Papier, alt und kostbar. Alte Chroniken, Landkarten und Handschriften, die bis ins neunte Jahrhundert zurückgehen. Wie die Handschrift 472, eine Weltchronik, 331 Blatt stark. Alleine das Scannen dieses Kolosses hat einen ganzen Tag gedauert, erzählt Gregor Neuböck, der die Digitale Bibliothek der Oberösterreichischen Landesbibliothek leitet.


Für die Zukunft sichern

Gemeinsam mit seinem Team sorgt er dafür, dass diese Kostbarkeiten nicht nur für die Zukunft gesichert, sondern für jedermann zugänglich sind, zu jeder Zeit und auf der ganzen Welt. Seit 2010 werden nach und nach landeskundlich relevante Literatur und andere Kostbarkeiten digitalisiert. Dabei wird nicht nur eingescannt, mindestens so wichtig ist die Erfassung von Struktur und Metadaten der Werke, wie Abbildungen, Kapitel oder Vorworte.


Kunst ausdrucken

Technisch zählt die Landesbibliothek zu den Pionieren. Die Software ist Open Source, das System entspricht internationalen wissenschaftlichen Standards. Gescannt wird mit 600 dpi. Wer sich also eine kunstvoll verzierte Handschrift oder eine alte Landkarte zu Hause aufhängen möchte, kann einfach das Digitalisat herunterladen und im nächsten Copyshop ausdrucken. Neben der Datenerfassung gibt es auch wissenschaftliche Kommentierungen, die meist von sogenannten Crowd-Experts stammen. Das sind Wissenschafter, die mit den Dokumenten aus der Landesbibliothek arbeiten und ihre Ergebnisse danach zur Verfügung stellen.


Deals zum Nutzen aller

Das Interesse an den Linzer Beständen ist enorm. "Wir bekommen ständig Anfragen aus der ganzen Welt", erzählt Neuböck. Oft kann er einen "Deal" aushandeln. Ein finnischer Wissenschafter wollte eine Handschrift über die Inquisition transkribieren und deshalb extra nach Linz fliegen. "Ich habe die Handschrift dann digitalisiert und im Gegenzug hat er zugesagt, seine Transkription zur Verfügung zu stellen", so Neuböck. Davon haben alle was. Auch Laien beteiligen sich an der Transkription oder Erfassung der digitalisierten Werke. Etwa 55.000 Seiten haben diese ehrenamtlichen "Crowdworker" aus der ganzen Welt bereits bearbeitet. Einer hat eine Affinität zum Kochen und bereits 22 handschriftliche Kochbücher transkribiert.


Highlight Verlustlisten

Auch sonst ist das Interesse an dem digitalen Archiv groß. Nutzer aus 195 Ländern greifen darauf zu, bis zu 15.000 Seitenaufrufe werden pro Tag gezählt. "Highlight" sind die Verlustlisten aus dem Ersten Weltkrieg, die man für ganz Österreich-Ungarn findet – ein wichtiges Service für Angehörige aus der ganzen ehemaligen Monarchie.


"Einzigartige Dinge"

Die Leidenschaft, die den Medienpädagogen Neuböck antreibt, ist nicht zu übersehen. "Das Thema hat mich gefressen", sagt er. Die Wirkung besonders der Handschriften beobachtet er aber auch bei anderen. Ist eine Schulklasse zu Besuch, wird es ganz schnell still, wenn er ein schönes Exemplar zeigt. "Man merkt einfach, dass das einzigartige Dinge sind", sagt er. In der Digitalen Bibliothek findet man aber auch weniger spektakuläre Werke, etwa Zeitschriften von allen möglichen Vereinen. Alles, was hierzulande erscheint, muss per Gesetz abgeliefert werden, erzählt Neuböck.


Schalterdienst

Auch wenn es anders wirkt: Die Digitalisierung ist nicht seine einzige Aufgabe. Neuböck ist auch der Haupt-E-Book-Ankäufer und steht bis zu dreimal pro Woche als Ansprechpartner am Schalter. Auch ohne diese Verpflichtungen wird er sein Digitalisierungs-Projekt natürlich nie beenden können. Ein Ziel hat sich der 53-Jährige aber gesteckt: "Mittelalterliche Vollhandschriften haben wir ungefähr 350. Die müssen drin sein, wenn ich in Pension gehe."

Autor:

Christian Diabl aus Linz

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