15.12.2017, 10:56 Uhr

Nichtraucher haben viel zu lange stillgehalten

Gesundheitsschädlicher „Genuss“. Raucher schädigen durch ihre Sucht nicht nur sich selbst, sondern auch andere. Kurz und Strache beschließen trotzdem einen Rückzieher vom Nichtraucherschutzgesetz. Foto: Fotolia

Die Koalitionsverhandler ÖVP und FPÖ setzten mit dem Kippen des von der letzten Bundesregierung beschlossenen Rauchverbotes in der Gastronomie einen Paukenschlag. Die Wogen der Empörung haben sich über ganz Österreich ausgebreitet, denn „diese Entscheidung kostet Menschenleben“, so Vorsorgemediziner Dr. Florian Stigler im Interview mit einer Tageszeitung.

Die künftigen Regierungsparteien ÖVP und FPÖ bemühen sich in den Verhandlungen zur Regierungsbildung um möglichst viele gemeinsame Nenner. Dabei müssen beide Verhandlungspartner auch Kompromisse eingehen. So weit, so klar. Um dabei gegenüber den Wählern glaubwürdig zu bleiben, wollen Kurz und Strache natürlich ihre Wahlversprechen in der künftigen Regierungsarbeit umsetzen. – Logisch. Das Ergebnis dieser Bemühungen sind leider auch einige „faule Deals“ unter dem Motto: „Gibst du mir, geb’ ich dir“.
Mit Entsetzen mussten in diesen Tagen aber alle vernünftigen Bürger und Politiker dieses Landes zur Kenntnis nehmen, dass ÖVP und FPÖ das bereits beschlossene Rauchverbot in Lokalen wieder kippen wollen. Damit ignorieren Kurz und Strache alle wissenschaftlich belegten medizinischen Erkenntnisse über die gesundheitsschädigende Wirkung des Rauchens und fördern nach Aussage von namhaften Medizinern indirekt das luftverpestende Paffen auch in Gegenwart von Nichtrauchern. Die Warnungen der Mediziner werden einfach in den Wind geschlagen. Das ist in höchstem Maße verantwortungslos! Die Initiative „Ärzte gegen Raucherschäden“ bezichtigte ÖVP-Chef Sebastian Kurz „den Gesundheitsschutz auf dem Altar der Tabakindustrie geopfert“ zu haben.



14.000 Tote pro Jahr

Der bekannte Krebsspezialist und Rektor der Med-Uni Graz, Univ.-Prof. Dr. Hellmut Samonigg, diskutierte in der ORF-Sendung „Im Zentrum“ mit Befürwortern und Gegnern über die Auswirkungen dieser politischen Entscheidung. Allein in Österreich sterben jedes Jahr 14.000 Personen an den Folgen des Rauchens. 600 bis 1.000 davon durch das ebenso gesundheitsschädliche Passivrauchen. Unfassbar, dass unsere künftigen Regierer einfach über diese traurige Tatsache hinwegsehen. Sie gehen damit quasi über Leichen.
Alle seriösen Studien zeigen, dass das Rauchverbot in öffentlichen Einrichtungen und in der Gastronomie in jenen Ländern, die das schon vor vielen Jahren eingeführt haben, positive Auswirkungen auf die Gesundheit und Lebensqualität der Menschen hat.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass die meisten Raucher in ihrem Zuhause mehr Vernunft walten lassen, in den eigenen Wohnräumen nicht rauchen, und auch bei Minustemperaturen auf dem Balkon oder auf der Terrasse ihrer Sucht frönen. In Lokalen und bei diversen Veranstaltungen zeigen Raucher gegenüber Nichtrauchern leider weniger Rücksicht.

Trennung von Rauchern und Nichtrauchern

Wie in Österreich üblich, hat man diese halbherzige und weder für die Gastronomie noch für die Gäste zufriedenstellende Lösung eingeführt. Die Gastwirte beklagten zu Recht hohe Investitionskosten und je nach Größe und Art des Betriebes eine Beeinträchtigung des Geschäftes. Hätte man von Anfang an klare Verhältnisse für alle geschaffen, wären viele Probleme ausgeblieben.

Die neue Regelung
Schwer nachvollziehbar ist in diesem Zusammenhang natürlich auch die Anhebung des generellen Rauchverbotes von 16 auf 18 Jahre. Damit dürfen alle unter 18 Jahren künftig nicht mehr im Raucherbereich eines Lokales sitzen und ihr Kracherl trinken. Typisch österreichisch hört sich die Ausnahme von der Regel an: Wenn die Gaststätte nicht über einen Nebenraum verfügt oder das Gastzimmer kleiner als 75 Quadratmeter ist (bisher 50 Quadratmeter), Gäste unter 18 Jahren keinen Zutritt haben oder die Gaststätte als Raucherlokal gekennzeichnet ist. Frei nach dem sogenannten „Berliner Modell“, was immer man darunter versteht. – Alles klar?
Auch in Autos soll es künftig ein Rauchverbot geben, wenn Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren mitfahren. Wie man diese Wischiwaschi-Regelungen effizient kontrollieren will, ist bisher nicht überliefert.

Entscheidung polarisiert

Die künftigen Regierer ernten für ihre Entscheidung auch von Gastronomen nicht nur Applaus, sondern auch Kritik. Eine Petition gegen die Aufhebung des Rauchverbotes erzeugt den mächtigsten Gegenwind. Sie hat innerhalb einer Woche mehr als 300.000 Unterschriften erhalten. Damit scheint eine Volksbefragung zum Thema generelles Rauchverbot in der Gastronomie unausweichlich. Ist ja durchaus auch im Sinne von Strache & Co. Von dieser Seite hat man sich ja mehr direkte Demokratie gewünscht. Mehr dazu auf www.dontsmoke.at

Nichtraucher machen jetzt mobil: „Es ist Zeit!“
Sebastian Kurz dürfte die Brisanz des Themas Nichtraucher und Raucherschutz unterschätzt haben. Die künftige Regierung hat sich damit wahrscheinlich noch vor ihrem offiziellen Amtsantritt ihr erstes Volksbegehren eingehandelt. In der Plenardebatte des Nationalrats hat SPÖ-Chef Christian Kern ein solches für ein allgemeines Rauchverbot bereits angekündigt. Die Stadt Wien überlegt gar, den Fall vor den Verfassungsgerichtshof zu bringen.
Die Diskussion über die Rücknahme des Rauchverbotes in der Gastronomie wird nunmehr auch von Nichtrauchern wesentlich aggressiver geführt. Bisher waren die Nichtraucher ja sehr lange stille Dulder des gesundheitsschädlichen blauen Dunstes in ihrer Umgebung. Das hat sich durch die aktuelle Diskussion deutlich verschärft.

Kritik an Kurz auch aus den Reihen der ÖVP
Mit zum Teil harscher Kritik von ÖVP-Politikern aus den Bundesländern sieht sich inzwischen Sebastian Kurz konfrontiert. Für Kurz, der bisher gegenüber jeglicher Kritik erhaben war, eine neue Situation. Sehr treffend formulierte aus den Reihen der Kritiker Gesundheitslandesrat Christopher Drexler gegenüber der „Kleinen Zeitung“: Die Einzigen, die sich darüber freuen, sind die Putzereien“. Und weiter: „Man tut den Wirten nichts Gutes, man tut Österreichs Reputation nichts Gutes, man tut Beschäftigten in der Gastronomie nichts Gutes und man tut letztendlich auch den Rauchern nichts Gutes“. – Dem ist nichts hinzuzufügen.

Das Thema scheidet auch Geister in der Gastronomie

Die Reaktionen der heimischen Gastwirte auf die Rücknahme des in der SPÖ-ÖVP-Regierung beschlossenen Gesetzes zum Nichtraucherschutz in der Gastronomie fallen unterschiedlich aus. Viele beklagen das ständige Hin und Her, das den Wirten viel Geld koste und kein vernünftiges Planen mehr möglich mache. Manche haben sogar schon vorausschauend in Nichtraucherlokale investiert. Es ist überraschend, wie viele Lokalbetreiber, sofern sie nicht selbst Raucher sind, ein Rauchverbot befürworten würden. Einige haben sich darauf sogar schon sehr gefreut. Aber eigentlich ist das auch nicht so verwunderlich. Denn schließlich sind ja die Wirtsleute und ihre Angestellten dem gesundheitsschädlichen Raucherqualm in ihren Lokalen am meisten ausgesetzt. Ganz zu schweigen von den sichtbaren Schäden, die das Rauchen in den Gaststätten verursacht. Mehr Kosten durch Reinigung, Renovierung und nicht zuletzt teure Lüftungsanlagen haben letztendlich die Wirte zu tragen.

Betreiber von Lokalen, die mehr mit einer Selch als einem Lokal gemeinsam haben, lässt das natürlich kalt. Sie freuen sich über die beabsichtigte Rücknahme des Rauchergesetzes und feiern das mit ihren rauchenden Gästen. Die meisten wollen beim Thema neutral bleiben und weder ihre rauchenden noch ihre nichtrauchenden Gäste verärgern. Deshalb wurde ich bei meinen Recherchen auch gebeten, keine Namen zu nennen.
Die Gastwirte waren in den letzten Jahren zu oft Leidtragende von willkürlichen Verordnungen und zum Teil wirklich unsinnigen Gesetzen. Viele mussten dafür bauliche Maßnahmen setzen und Geld investieren. Jetzt sind die Gastronomen wieder verunsichert und zu Recht sauer auf diese Politik.
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