100 Jahre Festspiele
"Die Salzburger Festspiele sind ein Leuchtturm"

Dirigent Franz Welser-Möst eröffnet die Salzburger Festspiele mit der Oper "Elektra".
  • Dirigent Franz Welser-Möst eröffnet die Salzburger Festspiele mit der Oper "Elektra".
  • Foto: Julia Wesely
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Dirigent Franz Welser-Möst spricht über die Festspiele im Corona-Jahr und über die "Löwin von Salzburg".

SALZBURG. Herr Welser-Möst, was für ein Jahr. Sie dirigieren die Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele, am 10. August erscheint Ihr Buch und am 16. August feiern Sie Ihren 60. Geburtstag. Kommen Sie aus dem Feiern noch heraus?
FRANZ WELSER-MÖST: Es hält sich in Grenzen. Eigentlich wollte ich meinen 60. Geburtstag nicht feiern, aber ich glaube, ich komme nicht darum herum (lacht). Wegen der strengen Auflagen bei den Festspielen halte ich das Feiern so gering wie möglich. Gewisse Dinge werde ich aber nachfeiern.

Sie dirigieren die Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele. Viele Menschen haben vieles auf sich genommen, damit die Festspiele heuer stattfinden können. Und es handelt sich um das Jubiläumsjahr. Erzeugt das Druck bei den Künstlern?
FRANZ WELSER-MÖST: Nein, ich finde es toll, was hier in Salzburg geleistet wurde und ich finde, dass die Festspiele großartig organisiert wurden. Da viele gesellschaftliche Anlässe rundherum coronabedingt wegfallen, können wir Künstler noch fokussierter arbeiten. Ich genieße das sehr. Wir haben am 24. Juni begonnen zu proben. Es ist beglückend wieder arbeiten zu dürfen.

Die Salzburger Festspiele sind das einzige Großfestival, das heuer stattfindet. Ist das ein Eisbrecher für die Kulturbranche?
FRANZ WELSER-MÖST: Ich hoffe es. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie groß mein Respekt vor Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler ist, die für die heurigen Festspiele gekämpft hat. Ich nenne sie „Die Löwin von Salzburg“. Wir sehen jetzt umso deutlicher, dass es einen Grund gibt, warum die Festspiele das weltweit bedeutendste Festival für Oper, Musik und Schauspiel ist. Salzburg beweist unglaublichen Mut. 

Auch Max Reinhardt (einer der Gründer der Festspiele) hat bei der Gründung der Festspiele in der schwierigen Nachkriegszeit Mut bewiesen. Er war davon überzeugt, dass nur die Kunst die vom Krieg geschädigten Menschen wieder versöhnen konnte. Er sah Kunst als Lebenssinn. Ist das auch Ihre Auffassung von Kunst?
FRANZ WELSER-MÖST: Zu 100 Prozent. Das ist ja auch die Ironie der Geschichte, dass sich jetzt – 100 Jahre später – in Salzburg etwas wiederholt. 1920 grassierte die spanische Grippe und die Menschen in der Nachkriegszeit waren verunsichert. Die Festspiele waren ein Leuchtturm und sind es auch heute wieder. 

Sie dirigieren für „Elektra“ über hundert Orchestermitglieder. Sie alle arbeiten unter vielen Corona-Bestimmungen und -Auflagen. Stört das das künstlerische Schaffen?
FRANZ WELSER-MÖST: Nein, wir Künstler sind disziplinierte Menschen. Schwierig ist das wirklich nicht. Ich habe in den fünfeinhalb Wochen nie jemanden jammern gehört. Alle nehmen die Bestimmungen mit viel Geduld auf sich, weil es auch um wahnsinnig viel geht.

"Elektra" war damals eine avantgardistische Oper. Ist sie das heute, über 110 Jahre nach der Uraufführung immer noch – modern?
FRANZ WELSER-MÖST: Das Stück ist nach wie vor aktuell. Ich habe in der Hauptprobe gemerkt, dass die Leute richtig mitgegangen sind. Es sind Tränen geflossen bei den Zuhörern. Die Oper erschüttert heute wie vor 100 Jahren. Ich finde es toll, dass dieses Stück angesetzt wurde. "Elektra" hat damals als DAS moderne Stück gegolten. Es ist grandios, dass wir dieses Jahr mit der Oper der Gründungsväter Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal in die Zukunft blicken.  

Was können die Besucher von Ihrer "Elektra" heuer erwarten?
FRANZ WELSER-MÖST: Ich versuche dem gerecht zu werden, was Richard Strauss hingeschrieben hat. Die Besetzung ist nicht klischeehaft, ich würde sagen, sie ist eine sehr lyrische. Darin liegt wohl das Ungewöhnliche der Aufführung. Es sind mit Tanja Ariane Baumgartner (Klytämnestra) und Ausrine Stundyte (Elektra) Sängerinnen am Werk, die keine Stimmbänder aus Stahl haben, sondern berührende, intime Momente zaubern. Regisseur Krzysztof Warlikowski hat gesagt, er habe gedacht, "Elektra" sei ein Monolith, aber durch die musikalische Arbeit habe er gemerkt, dass die Figuren viel fragiler und verletzlicher sind als er angenommen hatte. Wir zeigen Frauen mit allen femininen Qualitäten. 

Am 10. August erscheint Ihr Buch "Als ich die Stille fand". Ist es ein Buch für Künstler, für Kunstliebhaber oder für Fans?
FRANZ WELSER-MÖST: Es hat sich beim Arbeiten herausgestellt, dass es auch jemand lesen kann, der nicht kulturaffin ist. Eine Zielgruppe sind aber die jungen Künstler. Das Buch ist ein Aufruf an die Jungen, einen eigenen Weg zu gehen und sich nicht dem Hype hinzugeben. Dafür kann ich als Beispiel gelten, denn obwohl ich viel geprügelt und totgesagt wurde, stehe ich heute trotzdem da, wo ich stehe.   

– und das ist in Salzburg, worüber wir glücklich sind. Wenn Sie an Salzburg denken, was fühlen Sie dann? 
FRANZ WELSER-MÖST: Mir fallen wirklich zuallererst die Festspiele ein, weil meine emotionale Beziehung zu diesem Festival so stark ist. Aber ich denke auch an das wunderschöne Land. Meine Gefühle für Salzburg sind freudig aufgeregt. 

Gibt es besonders wichtige Plätze in Salzburg für Sie?
FRANZ WELSER-MÖST: Ich gehe mit Ferdl Hirscher (Marcel Hirschers Vater) gerne Bergsteigen. Er hat mich auf den Schönberg im Lammertal mitgenommen. Dort oben fand ich es unglaublich. 

>>Mehr<< zu 100 Jahre Salzburger Festspiele.


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