MARGERITE und GÄNSEBLÜMCHEN. Märchen und Geschichten für Kinder, Kindsköpfe und Kind gebliebene - Teil 97

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So kurz vor der Sonnwendnacht will ich heute die Geschichte vom Gänseblümchen und der Margerite erzählen, zwei Pflanzenschwestern, die in ihrer weißen Blütenpracht allgegenwärtig sind und gar nicht anders können als den Menschen Freude ins Herz zu zaubern. Den Kinder haben es besonders die niedlichen kleinen Gänseblümchen angetan. Sie lieben es, mit ihnen zu spielen. Das Gänseblümchen wurde heuer sogar zur Heilpflanze des Jahres 2017 gekürt. Die Margerite ist für mich der Inbegriff des Frühsommers. Geht es Ihnen nicht auch so, dass Sie beim Anblick einer schönen Blumenwiese mit Margeriten und Glockenblumen am liebsten zu tanzen beginnen würden? Mit ihrer natürlichen Eleganz schafft sie Freude, Harmonie und Klarheit. Ihre Blätter und Blüten dienen zerquetscht als Auflagen bei Quetschungen und Wunden. Außerdem sagt man ihr eine gewisse lindernde Wirkung bei Erkältungskrankheiten nach.

Jetzt geht's aber um Wärme, Licht und die kürzeste Nacht des Jahres mit all ihrem Zauber und ihrer Magie. Ich wünsche eine sagenhaft schöne Mittsommernacht!

Margerite und Gänseblümchen - Bellis bekommt eine Schwester

Das Gänseblümchen war mit sich und der Welt unzufrieden. Die Kinder liebten es wie kein anderes Blümchen auf dieser schönen Erde, okay, aber irgendwie war alles an ihm so klein geraten. Und überhaupt kam es sich viel zu lieblich vor. Dabei wäre es lieber groß und stark wie die Sonnenblume gewesen. Ja, selbst bei den Heileigenschaften, gab es keine großen Highlights. Es konnte zwar speziell bei Kindern bei Husten und Hautunreinheiten helfen, wenn es gut drauf war, wirkte es auch bei leichten Prellungen, Insektenstichen, und... manchmal sogar bei Fieberblasen lindernd. Aber weltbewegend war das seiner Meinung nach noch lange nicht.

Und so grübelte es... und grübelte... und grübelte... betrachtete sein Selbstmitleid von allen Seiten, bis es sich richtig in seinem inneren Dilemma festgefahren hatte. "Da hilft nur ein Streik!" sagte es vehement zu sich selber und schon schloss es fest die Blütenblätter. "Ihr werdet noch schön schaun!" lachte es hämisch in sich hinein. Weder Sonnenschein noch Kinderlachen werden meine Blüte wieder aufkriegen. Sollen sie sich nur ein anderes Blümelein suchen für ihre faden Spiele! Ich öffne mein Blütenköpfchen erst wieder, wenn mir die gute Erdenmutter optisch und wirkungstechnisch unter die Arme greift!"

Als am nächsten Morgen die Sonne vom Himmel strahlte und die Kinder freudig auf die Wiese stürmten, um mit ihrer Freundin, dem Gänseblümchen zu spielen, Ketten und Ohrringe daraus zu winden und im Abzählreim die Blütenblättchen abzuzupfen, blieben sie verstört stehen. "Wo waren die wunderschönen weißen Blütchen mit dem gelben Tupferl hingekommen? Warum hielt das Gänseblümchen denn heute noch sein Köpfchen geschlossen, wo doch die liebe Sonne so fröhlich vom Himmel strahlt?" Sie baten und bettelten, riefen es, sangen ihm Lieder und manche weinten sogar. Als alles nichts nutzte, versuchten die Kinder das Köpfchen mit ihren Fingerchen zu öffnen. Sie zogen, zerrten und rissen daran, bis ihnen das Blut unter den Nägeln hervortrat und sich die Ränder der weißen Blütenblätter rot verfärbten. Aber das Gänseblümchen blieb eisern. "Wenn mich die Erdenmutter nicht befördert, ist Schluss mit Lustig! Das gilt auch für Euch, liebe Kinder!"

"Was ist denn heute auf der großen Wiese los?" wunderten sich die Zwillinge Bellis und Margerit ausnahmsweise unisono. Sie hatten sich heute etwas verspätet, weil sie sich um ein rosa T-Shirt gestritten hatten, von dem es im Laden leider nur mehr eines gegeben hatte.

"Der Lärm da drüben ist ja nicht auszuhalten. Und warum weinen die Kinder? Wir wollten doch heute Gänseblümchenkrönchen winden und Ohrringerl versuchen!"

Da hörte Margerit einen komischen Ton vom Boden herauf, der sich wie ein Protestgesang anhörte. "Ich bleib zu! Zu! Zu! Zu! - Mach mich neu! Sofort! Im Nu!"

"Wie cool ist das denn, Bellis! Hör nur, das Gänseblümchen kann reden und streiken tut es auch! Es sagt es will groß sein und bessere Heileigenschaften besitzen!" flüsterte Margarit mit großen Augen.

"So ein Blödsinn!" Wir Kinder lieben es so wie es ist! Wer hat ihm so dumme Flausen in den Kopf gesetzt?" ereiferte sich Bellis. "Unsere Mama würde sagen, dieses Pflänzchen braucht dringend Grenzen! Warte nur, dein Verhalten wird Konsequenzen haben! Ich werde dir ordentlich die Leviten lesen!"

"Kannst du überhaupt lesen?" müffelte das Gänseblümchen hinter seinen zugezogenen Blütenblättern hervor und streckte dem Mädchen die Zunge heraus.

"Okay, das Gänseblümchen braucht vielleicht doch mehr Struktur" lautete Margerits intellektueller Einwurf. "Tante Greta sagt, GRENZEN setzen und womöglich dann auch noch bestrafen ist Steinzeitpädagogik! Heute gibt man bei der Erziehung STRUKTUR. Das heißt man wiegt für und wieder ab, bezieht eigenen Vorteil und Öffentlichkeitswirkung ein und überlegt sich passende Rituale, die den Zögling - ohne das er es merkt - in die gewünschte Richtung steuern! Und Tante Greta weiß doch alles!"

"Du spinnst!" rief Bellis. "Das ist Manipulation! Mama sagt Grenzen setzen!"

"Nein!" widersprach Margerit. "Struktur geben!"

Ganz unbeeindruckt vom Gezänk der Zwillinge hatte sich mitten in der Wiese ein kleines Mädchen ins Gras gesetzt. In seinem Kleidchen hatte es viele verschiedene Blütenblätter gesammelt, die es jetzt ins Gras schüttete. Konzentriert begann es, die weißen, gelben grünen und roten Blütenblätter anzuordnen. Als die Sonne hoch am Himmel stand,stand es auf, sang ein Lied und Tanzte um ihr Blütenbild herum. Es zeigte ein ziemlich groß geratenes Gänseblümchen, daneben ein kleineres und dazwischen thronte ein großes Herz.

Früher als sonst war die große Wiese wieder Menschenleer. Süß und still hatte sich der Abend über sie und ihre Bewohner gesenkt. Es war ein ganz besonderer Abend. Ein uralter Zauber voller Geheimnisse lag in der Luft - die Sonnwendnacht war angebrochen. Die kürzeste Nacht im Jahr - so alt wie das Leben selbst. Wie elektrisch konnte man die uralten Kräfte und Wesenheiten fühlen.

Leise und liebevoll hatte sich auch die Erdenmutter am Tau nassen Wiesengrund eingefunden. Ihr Gefolge von Elfen, Naturwesen, Feen und Pflanzengeistern tummelte sich lustig zwischen Blumen und Grashalmen, spielte mit den Käfern verstecken.

"Ich habe euch schon lange beobachtet" erhob sie ihre Stimme, die nicht lauter war als ein Windhauch und doch tief in jedes Herz drang. Die Hüterin des natürlichen Gleichgewichts blickte dem Gänseblümchen tief in die Seele um sich daraufhin dem Bild das das kleine Mädchen gemacht hatte, zuzuwenden. "Wie überall auf der Welt, scheint auch hier einiges aus dem Gleichgewicht geraten zu sein. " Mit einer liebevollen Geste mit der Hand lud sie alle auf der Wiese ein, sich tief mit Erde und Himmel zu verbinden, um die alten Zyklen und Gesetzte wieder zu verstehen und in jede Faser ihrer Körper aufzunehmen. Selbst die drei Mädchen, die mit dem Gänseblümchen in Verbindung getreten waren, waren in ihren Träumen mitten im Geschehen.

"Ein jedes Lebewesen hat seine Bestimmung. So wie es gemeint war, ist es recht... Lernt wieder in euch hineinzuspüren und auf die innere Stimme zu hören. Wer ihr folgt wird den Schlüssel zu drei Zauberwörtern finden: Respekt, Verständnis und Liebe. Macht sie zum Grundstein eures Lebens und bindet auch den natürlichen Kreis der Jahreszeiten wieder darin ein. Je mehr Menschen und Lebewesen das machen, desto schöner wird es wieder auf der Welt!"

So sprach die Erdenmutter. Als sie wieder die Hand erhob, begann ein ausgelassenes Sonnwendfest auf der großen Wiese .

Das kleine Gänseblümchen hatte noch immer rote Blattspitzen - aber diesmal war es die Schamesröte, die nicht von ihr weichen wollte. Das Köpfchen war schon leicht offen, aber ganz tief zu Boden geneigt. Alles fühlte sich komisch an, wie im Rausch - von den Wurzeln bis in die Blattspitzen. Als würden Blattgrün und Pflanzenfasern in seinem Inneren Purzelbäume schlagen. Außerdem fühlte es sich eigenartig zerrissen.

Als die Kinder am nächsten Morgen wieder auf die Wiese strömten, konnten sie sich vor Glück kaum fassen. "Seht doch, so seht doch! Unser Gänseblümchen hat eine Freundin bekommen. Aus dem kleinen Dickkopf waren in der Sonnwendnacht zwei Pflanzen geworden. Neben dem kleinen Gänseblümchen wuchs sein größeres Abbild: die Margerite, die auch ähnliche Heileigenschaften besaß.

Bellis - das kleine Gänseblümchen, das seit jener Sonnwendnacht auch als Revolutionärspflanze bekannt war, war sich von jenem Tag an wieder voll seiner Eigenschaften bewusst und hat bis zum heutigen Tag nie wieder vergessen, wie man den Kindern Freude bereitet. Schließlich waren sie es, die ihm durch ihre Liebe den heißesten Wunsch erfüllt und ihm den Blick fürs Wesentliche zurückgebracht haben.

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