JOHANNISKRAUT. Märchen und Geschichten für Kinder, Kindsköpfe und Kindgebliebene – Teil 35

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Morgen ist Sommersonnenwende – der Tag, an dem die Sonne (hoffentlich) am längsten zu sehen ist. Die kürzeste Nacht des Jahres wird vielerorts von Sonnwendfeuern und Mittsommerfesten begleitet. Wer übers Sonnwendfeuer – wie es unsere Vorfahren gehalten haben – auch springen will, kann in dieser Nacht alle Sorgen und was er sonst noch loswerden will, hinter sich lassen – so sagt man. Wer nicht springen möchte, könnte es damit versuchen, seine Sorgen zu Papier zu bringen, um das Zettelchen im reinigenden Feuer zu verbrennen - ein spannender Versuch, der zumindest im Kopf einiges bewirken müsste...

Früher trugen die Menschen in manchen Gegenden beim Feuersprung Beifuß-Gürtel, um die Naturkräfte, die an diesem Tag am stärksten sein sollen, noch besser auszunützen. Auch die Heilkräuter sollen zur Sommersonnenwende die größte Kraft besitzen.

Das wohl typischste Kraut für diese Zeit ist das Johanniskraut. Als Antidepressivum soll es seit jeher die Kraft besitzen, wieder etwas Sonne in Herz und Gemüt zu bringen. Auch gegen Kopfschmerzen und Regelbeschwerden soll es gut einsetzbar sein. Wie das Echte Johanniskraut mit seinem blutroten Saft zu den kleinen schwarzen Pünktchen auf den Blättern kam, erzählt meine heutige Geschichte:

Die wundersame Rettung vom Johanniskraut…

Als der liebe Gott zu Anbeginn der Zeit die Erde samt all ihrer wunderbaren Fauna und Flora erschuf, war eine der ersten Pflanzen die ihm einfielen, das Johanniskraut. Schon damals war dem Schöpfer schmerzlich bewusst, dass sein eigener Sohn später die Welt nur retten konnte, indem er den qualvollen Kreuzestot starb.

Um den Schmerz der Gottesmutter samt Jüngerschar zu mildern, ließ er ein wunderschönes zartes Kräutlein wachsen, dessen Blütenköpfchen sich wie kleine gelbe Sonnen im strahlenden Licht des Sommers räkelten. Man konnte sie auch mit kleinen Löwenmähnchen vergleichen. Ihre Farbe war von einem derart strahlend-fröhlichen Gelb, dass ein kurzer Blick genügte um Sorgen und Traurigkeit zu vergessen. Ihr bloßer Anblick erhellte das Gemüt. Selbst die Winterdepressionen ließen sich kurzerhand mit einem Ölauszug aus Johanniskraut verscheuchen. Der dunkelrote Saft, der in den Adern der Pflanze pulsierte, sollte an das Blut Jesu Christi erinnern.

So war es nicht verwunderlich, dass Maria Magdalena unter dem Kreuz des Herrn das kleine Kraut mit der bemerkenswerten Blütenpracht entdeckte und sozusagen als Erinnerung an Jesus in ihrem Garten einsetzte, wo es prachtvoll gedieh und sich wunderbar vermehrte.

Luzifer, tief unten in der Hölle aber, gefiel das gar nicht. Er hatte mit Freuden beobachtet, wie Jesus am Kreuz zu Golgotha gestorben war. Als er die wunderbare Auferstehung mitbekam, blieb ihm vor Wut die Spucke weg. „Das ist doch zum Haare ausraufen!“ brüllte der Höllenfürst. „Immer wenn ich glaube, es geschafft zu haben, hat Gott einen neuen Trumpf im Ärmel. Ich hab es endgültig satt, ständig von ihm an der Nase herumgeführt zu werden! Ich bin der rechtmäßige Herr über die Welt, nur ich und keiner sonst!“ Wütend und nach heißem Schwefel stinkend schlich er auf der Erde herum. Irgendetwas musste es doch geben um das Blatt zu wenden.

Vor Maria Magdalenas Gartenzaun stand ihm das kleine gelbe Kraut im Weg. Als er es mit seinen Krallen beiseite schob, wurde er vom roten Pflanzensaft benetzt. „Grrrrrhhhh!“, mit einem Urschrei wie er nur der Hölle selbst entstammen konnte, fuhr er mit seinen scharfen Krallen auf das Johanniskraut los, um es für immer zu zerfetzen und auszumerzen, denn die beruhigende Heilwirkung und die Macht die dem Kräutlein innewohnten, waren Satan nicht verborgen geblieben.

Da erschien plötzlich Erzengel Michael mit seinem Flammenschwert. „Wag es nicht, das Andenken an unseren Herrn zu vernichten!“ Der oberste Schutzengel katapultierte den Höllenfürsten mit Karacho wieder zurück in die Unterwelt. Allerdings musste auch er ein paar ordentliche Hiebe und Kratzer einstecken, was Luzifer dazu veranlasste, überall herumzuerzählen, er habe den Erzengel Michael gründlich verdroschen, denn die beiden lagen schon seit langem im Klinsch.

Sei‘s wie‘s sei: Erzengel Michael hat das Johanniskraut gerettet. Die Spuren der Teufelskrallen aber, kann man noch heute in den Blättern vom Johanniskraut sehen.

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