Wissenschaftliche Sensation
Vergessene Römerstadt in St. Pantaleon-Erla entdeckt
- So könnte sie ausgesehen haben: Die vergessene Stadt Claudivium?/Stein in einer Visualisierung
- Foto: GeoSphere Austria/7reasons
- hochgeladen von Ulrike Plank
Die kleine Ortschaft Stein schreibt Geschichte – schon wieder. In den 1970er-Jahren war das Fleckchen in der Gemeinde St. Pantaleon-Erla als Standort von Österreichs zweitem Atomkraftwerk vorgesehen. Nun wurde dort eine "Jahrhundertentdeckung" gemacht: die vergessene Römerstadt Claudivium.
ST. PANTALEON-ERLA. "Mir war sofort klar, dass das eine Sensation ist!" So beschreibt Gerald Grabherr von der Universität Innsbruck den Augenblick, als er zum ersten Mal Drohnenbilder aus Stein sah und die Ecke eines römischen Lagers erkennen konnte. Jahrelange Forschungen und Ausgrabungen folgten. Über die Ergebnisse informierte ein Team von Expert:innen vom Forum Donaulimes, der Universität Innsbruck, von GeoSphere Austria, Research Archaeology und den Landesarchäologien von Niederösterreich und Oberösterreich gestern im neuen Gemeindesaal von St. Pantaleon-Erla.
Amphitheater wie in Carnuntum
Entdeckt wurden die Überreste einer bislang unbekannten römischen Stadt. Geophysikalische Messungen zeigen ein 25 bis 30 Hektar großes Stadtgebiet mit regelmäßigem Straßenraster und einem Amphitheater für rund 8.000 Menschen, so groß wie jenes der bekannten Militärstadt Carnuntum. Für eine Siedlung, die im Umfeld einer Garnison von rund 500 Soldaten entstand, ist eine derart große und planvoll angelegte Stadt im gesamten Römischen Reich bislang ohne Vergleich – Fachleute werten diesen Fund deshalb als echte Sensation. Der Name der neu entdeckten Stadt soll "Claudivium" gewesen sein.
Verlassen und vergessen
Nach aktuellem Forschungsstand begann die Besiedlung um etwa 80 nach Christus. Um 180 n. Chr. wurde die Stadt gezielt geräumt, verlassen und vergessen. Die archäologischen Funde brechen zu diesem Zeitpunkt schlagartig ab, was auf einen geordneten, geplanten Rückzug hindeutet und nicht auf eine Zerstörung. Vermutet wird ein Zusammenhang mit den Plänen von Marc Aurel, der Krieg gegen die Markomannen im Norden führte. "In Stein war ein perfekter Scharnierpunkt für eine mögliche neue Provinz im Norden", erklärt Grabherr. Im Jahr 180 jedoch starb der römische Kaiser, sein Sohn Commodus schloss Frieden mit den Markomannen und die Siedlung in Stein wurde aufgegeben. Die Römer konzentrierten sich auf Lauriacum/Enns, das daraufhin eine Blütezeit erlebte.
Christian Hemmers, Forum Donaulimes, kommentiert die Visualisierung von 7reasons:
Teil des Donaulimes
Seit 2015 steht der rund zehn Kilometer lange Abschnitt des römischen Donaulimes zwischen Enns (OÖ) und St. Pantaleon-Erla (NÖ) im Fokus eines interdisziplinären Forschungsteams. An diesem zentralen Knotenpunkt an der Nordgrenze der römischen Provinz Noricum lässt sich die römische Geschichte über nahezu 500 Jahre in all ihren Facetten erforschen. Seit 2021 gehört der Donaulimes von Bayern bis zur Slowakei, darunter die Legionslager von Enns und Albing, zum UNESCO-Welterbe. Auch die Neuentdeckung soll aufgenommen werden.
Klaus Löcker, GeoSphere Austria, über die Entdeckung:
Wie es weitergeht
Die Wiederentdeckung der römischen Stadt markiert erst den Beginn eines langfristigen Forschungsprozesses. "Zahlreiche Fragen zu Entwicklung, Funktion und Bedeutung des Fundortes können nur durch weiterführende Untersuchungen beantwortet werden", weiß das Forschungsteam. "2016 waren Enns/Lauriacum und das nie vollendete Lager in Albing bekannt. Innerhalb von zehn Jahren kamen Stein, die temporären Lager in Obersebern, Naarn, und eine Wachturmkette dazu. Wir kratzen erst an der Oberfläche", sagt Stefan Traxler, OÖ Landes-Kultur GmbH. Die unbebaute Fläche in Stein habe enormes Potenzial, sei aber nicht geschützt. Durch die landwirtschaftliche Nutzung würden immer mehr Spuren verloren gehen. "Ohne gezielte Untersuchungen und eine nachhaltige Unterstützung von Forschung und Denkmalpflege könnten wichtige Teile dieser einzigartigen Zeitkapsel in den kommenden Jahrzehnten unwiederbringlich verloren gehen", hofft das Forschungsteam nun auf finanzielle Unterstützung.
Eva Thysell, Forum Donaulimes, über die Neuorientierung Richtung Enns:
Veranstaltungshinweis:
Donnerstag, 1. Oktober, 18.30 Uhr, Schlossmuseum Linz.
Stefan Traxler (OÖLKG), Julia Klammer (Forum Donaulimes) und Gerald Grabherr (Universität Innsbruck) berichten über die neuesten archäologischen Forschungen zur Siedlungslandschaft zwischen Lauriacum/Enns (OÖ) und Claudivium?/Stein bei St. Pantaleon-Erla (NÖ).
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